ABFALL

Der Traum von einer nachhaltigen Wirtschaftsweise: hohe Lebensqualität bei geringerem Ressourcenverbrauch. Für alle Menschen und auch für zukünftige Generationen. Seiner Verwirklichung einen Schritt näher zu kommen, verspricht das sogenannte Stoffstrom-Management. Noch sind wir nicht so weit. Noch versuchen wir viel zu sehr, die negativen Symptome unserer Wohlstandsgesellschaft zu bekämpfen, wenn nicht gar zu vertuschen.

Von Christian Pladerer
Anschwellende Abfallberge waren schon immer ein nicht gern gesehener Ausdruck des Wohlstandes und hängen eng mit dem Wirtschaftswachstum zusammen. Die hohe Lebensqualität, worunter ein großes Angebot möglichst vieler Konsumgüter verstanden wird, führt noch immer zu einem steigenden Verbrauch von Ressourcen und den damit verbundenen für Umwelt und Mensch negativen ökologischen Folgen. Haben wir eigentlich wirklich erkannt, dass der heutige Pro-Kopf-Verbrauch von Ressourcen in den sogenannten Industrienationen nicht für alle jetzt lebenden Menschen ganz zu schweigen von künftigen Generationen möglich ist, ohne die Natur und damit unsere Lebensgrundlage völlig zu verbrauchen? Ist eine Welt mit geringerem Ressourcenverbrauch bei steigender Lebensqualität für die Menschheit grundsätzlich denkbar?
Ende der 1980er Jahre standen in Westeuropa heftige Diskussionen um Deponien im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Die übliche Entsorgungspraxis (Verfüllung von Kiesgruben) war wegen ihrer umweltschädlichen (Langzeit)folgen endlich nicht mehr vertretbar. Erstmals wurden 1990 in Österreich Ziele im Abfallwirtschaftsgesetz definiert. Demnach müssen schädliche Einwirkungen auf Mensch, Tier, Pflanze und deren Lebensgrundlagen vermieden, Luftschadstoffemissionen so gering wie möglich gehalten und Ressourcen (Rohstoffe, Wasser, Energie, Landschaft, Flächen, Deponievolumen) geschont werden. Schlussendlich dürfen nur solche Abfälle zurückbleiben, deren Ablagerung keine Gefährdung für nachfolgende Generationen darstellt. Um diese Ziele zu erreichen, galten damals und noch heute bestimmte Grundsätze von Abfallvermeidung, Abfallverwertung und Abfallbeseitigung.

Wie reagierte unsere „Gesellschaft“? So wie sie es am besten kann: die Symptome bekämpfen, nicht aber deren Ursachen. So sollten technologische „End of Pipe“-Lösungen mit effizienten Verwertungs- und Behandlungsverfahren das Abfallproblem bewältigen, der Abfallvermeidungsgrundsatz wurde jedoch vernachlässigt und in vielen Fällen gar ignoriert. In der Abfallwirtschaft wurden Barrieren eingebaut, die eine Freisetzung von Schadstoffen verhindern sollen. Deponiestandorte sollten so gewählt werden, dass nur bestimmte Abfälle für einzelne Deponietypen zugelassen werden, um ein Austreten von Schadstoffen über Luft- oder Wasserwege zu verhindern.
Die aktuelle Gesetzgebung wird in Zukunft das Ablagern von Abfällen mit einem höheren organischen Anteil verbieten. Abfälle werden künftig vorbehandelt, um sie ablagern zu können. Derzeit gibt es zwei übliche Entsorgungstechniken: das mechanisch-biologische und das thermische Verfahren. Auch wenn bei thermischen Beseitigungsverfahren wie der Hausmüllverbrennung (MVA) immer bessere Emissionswerte durch moderne Rauchgasreinigungstechniken erzielt werden, bleiben immer noch erhebliche Rückstände übrig (30% als Schlacke, Filterasche und Filterkuchen).
Der Anteil organischer Substanz im Hausmüll liegt zwischen 30 und 60%. Eine Untersuchung in Wien zeigte, dass bis zu 60% des Restmülls in Haushalten auf Abfälle aus dem Lebensbereich Ernährung (Lebensmittel und -verpackungen) zurückzuführen sind, was bis zu 250 Kilogramm pro EinwohnerIn und Jahr entspricht.
Die mechanisch-biologische Abfallbehandlung (MBA) wird vor der Deponierung des Mülls eingesetzt. Dadurch kann man reaktionsarme Abfallarten erzeugen, die gelagert werden dürfen.

Zurück zur Geschichte: Zeitgleich mit „End of Pipe“-Lösungen stiegen die Anzahl und die Diversifizierung von Abfallfraktionen. Die EntscheidungsträgerInnen erkannten richtig, dass auch die Produktion zur Verantwortung gezogen werden muss. Daraufhin wurde die Verpackungsverordnung mit dem Ziel, Verpackungen zu vermeiden, erlassen. Mit Erfolg: Mehrfachverpackte Waren sind aus den Verkaufsregalen weitgehend verschwunden. Durch die flächendeckende getrennte Abfallsammlung gelang es, Restmüllmengen stark zu reduzieren. Die ÖsterreicherInnen entwickelten sich zu wahren AbfalltrennmeisterInnen und führen die meisten internationalen Rankings an. Abfalltrennung ist mittlerweile der Inbegriff des praktizierenden Umweltschutzes geworden. Im Zuge dieser Trenneuphorie sind manche Abfallverwertungsmöglichkeiten jedoch in Frage gestellt worden. Die unendliche Geschichte des recyclingfähigen Joghurtbechers war in aller Munde, und Gartenzwerge aus gesammelten Kunststoffverpackungen trugen ihren Teil zur Irritation bei. Dabei wird oft vergessen, dass die stoffliche Verwertung von biogenen Abfällen, Altpapier, -metall und -glas technisch einwandfrei funktioniert und weder ökologisch noch ökonomisch in Frage zu stellen ist.
Die getrennte Kunststoffsammlung wird in Zukunft jedoch weiterhin eingeschränkt werden. Damit reagiert die Abfallwirtschaft auf den nicht vertretbaren Aufwand für die Sammlung, Sortierung und Aufbereitung gewisser Abfallarten. Die logische Folge: Restmüllmengen werden wieder ansteigen. Es wäre jedoch zu einfach, der Wirtschaft die alleinige Verantwortung zu überlassen. Die oft sehr emotional geführte Diskussion Einweg versus Mehrweg bei Getränkeverpackungen zeigt die Problematik am deutlichsten. Die Getränkeindustrie und der Handel argumentieren mit der sinkenden Nachfrage von Produkten in Mehrwegverpackungen, KonsumentInnen wiederum kritisieren das zu geringe Angebot im Handel.

Gerade in der Abfallwirtschaft treffen zwei unterschiedliche Lösungsansätze aufeinander: Selbststeuerung der Wirtschaft versus Regulativ der Politik. Die erste Lesung im Europäischen Parlament zur Revision der Abfall-Rahmenrichtlinie ist für den 13. Feber 2007 geplant, aber schon heute liegen mehr als 600 Änderungsvorschläge dazu vor. Bindende Abfallvermeidung und -recyclingziele werden heftig diskutiert, aber auch unterschiedliche Definitionen von Abfallbehandlung und -beseitigung, bis hin zur juristischen Frage: Was ist überhaupt Abfall? Zusammengefasst kann der westeuropäischen Abfallwirtschaft aus technischer Sicht ein positives Zeugnis ausgestellt werden, trotzdem sind in vielen europäischen Ländern die Hausaufgaben noch lange nicht erfüllt. Von den fünf Millionen Tonnen Abfällen werden in Griechenland nur etwa 9% wiederverwertet, die übrigen 91% zum großen Teil illegal deponiert. Nach europäischem Recht ist die Ausfuhr von gefährlichen Abfällen in Entwicklungsländer grundsätzlich verboten. Aktuelle Beispiele zeigen eine andere Realität (siehe Beitrag Seite 34).
Wie kann die vielbeschworene Nachhaltigkeit (Sustainability) tatsächlich verwirklicht werden? Soziale Gerechtigkeit muss auf wirtschaftlicher und ökologischer Dauerhaftigkeit basieren. Das Gebot der Stunde lautet: eine zukunftsfähige und -beständige Entwicklung, die uns hilft, unseren Lebensstil mit der Tragfähigkeit der natürlichen Umwelt in Einklang zu bringen. Die nachhaltige Nutzung erfordert, dass die Verbrauchsrate von erneuerbaren Rohstoff-, Wasser- und Energieressourcen nicht höher ist als die Neubildungsrate. Um den Ressourcenverbrauch zu senken, muss die Fiskalpolitik ökologisiert werden. Es geht darum, den Verbrauch von Ressourcen stärker zu belasten und dafür den Faktor Arbeit zu entlasten.

Die Abfallwirtschaft darf sich nicht nur auf die Verwertung, Behandlung und Entsorgung von Abfällen beschränken, sondern muss umweltgerechte Produktgestaltung und Produktion weiter in den Vordergrund rücken.
Der erste Schritt weg von der „End of Pipe“-Lösung besteht in der Vermeidung von Abfällen und Schadstoffen dort, wo sie entstehen (Cleaner Production). Darauf folgt die Reduktion der Umweltauswirkungen eines Produktes von der Herstellung bis zur Entsorgung (Cleaner Products). Im nächsten Schritt wird nun angestrebt, das gesamte sozio-ökonomische System des Produktes inklusive seiner Nutzung im Sinne einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung zu optimieren (Eco Design). Dieser Ansatz baut auf der Betrachtung des gesamten Produktlebens auf. Ziel ist es, mit einem intelligenten Einsatz der verfügbaren Ressourcen einen möglichst großen Nutzen für alle beteiligten AkteurInnen entlang der Wertschöpfungskette bei minimaler Umweltbelastung und unter sozial fairen Bedingungen zu erzielen.
Wenn wir beispielsweise berücksichtigen, dass auf die Produktherstellung und Produktnutzung laut einschlägigen Untersuchungen rund 30% des Primärenergieverbrauches und rund 40% der CO2-Emissionen in die Atmosphäre entfallen, wird die Forderung einsichtig, endlich den Lebenszyklusansatz in die Gesamtbetrachtung aufzunehmen.
Cleaner Products und Eco Design-Produkte sind auch die Vorraussetzungen für ein funktionierendes Stoffstrom-Management. Darunter wird das zielorientierte Beeinflussen der Materialströme verstanden, um die Menge der verwendeten Stoffe zu reduzieren, ihre Nutzung zu intensivieren, Emissionen zu reduzieren und ihren Kreislauf so weit wie möglich zu gewährleisten. Ein gutes Stoffstrom-Management sollte auch soziale Aspekte mitberücksichtigen.

Woher wissen wir KonsumentInnen, ob ein Produkt nachhaltig (sozial gerecht, umweltfreundlich und gewinnbringend zugleich) ist? Bei der Kaufentscheidung unterstützen uns verschiedene Umweltzeichen.
Haushaltsgeräte schlucken viel Energie: Fast 30% des privaten Stromverbrauchs gehen auf ihre Kosten. Die Energieeffizienz von Geräten ist am EU-Energie-Etikett erkennbar. Dieses Label sagt jedoch noch nichts über den Ressourcenverbrauch aus, auch nichts über die Arbeitsbedingungen bei der Produktion oder über negative Umweltauswirkungen bei der Entsorgung. Da gibt es noch Handlungsbedarf.
Eine staatliche Auszeichnung für Produkte, Tourismusbetriebe und Schulen ist das Österreichische Umweltzeichen, wobei Produkte und Dienstleistungen umfassende Anforderungen an Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit sowie Gebrauchstauglichkeit erfüllen müssen.
In den vergangenen Jahren verzeichneten wir eine intensive Forschungsaktivität in Richtung Nachhaltigkeitskriterien, wobei immer wieder die Fragen der sozialen Aspekte im Vordergrund standen und noch stehen. Die „Umweltschutzgeschichte“ zeigt, dass durch die Reduktion von Abfällen und Emissionen bei der Produktion Kosten gespart werden können, und damit wurden in diesem Bereich Erfolge erzielt. Ebenso ist erkannt worden, dass der Verbrauch an Energie sowohl bei der Produktion als auch beim eigentlichen Produktnutzen reduziert werden kann, um wiederum Geld zu sparen. Die Aufnahme von sozialen Kriterien, wie dies zum Beispiel der Faire Handel vorexerziert hat, ist in vielen Bereichen (gerade bei Elektrogeräten) noch nicht gelungen. Der Faire Handel könnte als Vorbild dienen, um ein EU-Label für „Sustainable Eco Design“-Produkte zu schaffen. Noch sind wir nicht so weit. Es werden noch viele „Hirnströme“ notwendig sein, um das Konzept der nachhaltigen Entwicklung im Rahmen einer Stoffstrom-Wirtschaft voranzutreiben. Steigende Rohstoffpreise werden ihren Teil dazu beitragen, aber auch unsere Kaufentscheidung ist von Bedeutung.

pladerer@ecology.at

Christian Pladerer ist Leiter des Kompetenzfeldes Ressourcenmanagement des Österreichischen Ökologie-Instituts.

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