Abschied aus Nicaragua

Nach 25 Jahren zieht sich die bilaterale österreichische Zusammenarbeit aus Nicaragua zurück.

Von Ralf Leonhard
Sie können dank eines Stipendiums aus Österreich an der Uraccan-Universität studieren. Bald ist es damit vorbei.

2012 wird das Kooperationsbüro in Managua geschlossen. 2013 läuft die Finanzierung für Projekte und Programme aus. Die Förderung von Kleingewerbe in der Stadt Masaya und den umliegenden Gemeinden war so erfolgreich, dass viele der Betriebe inzwischen auch ohne die österreichischen Starthilfen und Kredite auskommen können. Nohemí Cuevas in Nandasmo exportiert ihre Schaukelstühle bis Panama und die Niederlande. Der Kunsthandwerker Jairo Carballo in Catarina vermarktet seine Schnitzereien und Ziergegenstände erfolgreich am Straßenrand.

Aber nicht alle Projektpartner können durch gutes Wirtschaften unabhängig werden. Für Uraccan, die als Vorzeigeprojekt gepriesene Hochschule in der verarmten Atlantikregion des Landes, ist der bevorstehende Wegfall der Basisfinanzierung eine Katastrophe. Für den Standort in der Goldgräberstadt Siuna wurden zuletzt 60 Prozent des Gesamtbudgets und fast das gesamte Stipendienprogramm aus Mitteln der Austrian Development Agency (ADA) finanziert. Talentierte junge Menschen aus ländlichen und indigenen Gemeinden werden dann vom Studium ausgeschlossen sein, fürchtet Vizerektor Bismarck Lee.

Uraccan unterscheidet sich von traditionellen Universitäten einerseits durch das praxisbezogene Angebot der Ausbildung und andererseits durch die enge Anbindung an die Landgemeinden. So kann man nicht nur Betriebswirtschaft, Soziologie und Agronomie studieren, sondern auch Umwelttechnik, Forstkunde, traditionelle Medizin und indigene Sprachen. In den Gemeinden werden Schulungen in Umweltkunde, tropischer Landwirtschaft und Gender angeboten. Die Rolle der Frau, so die übereinstimmende Meinung von Schulungsteilnehmern beiderlei Geschlechts, sei spürbar aufgewertet worden. Im öffentlichen Leben wie in der Familie. Gleichzeitig, so bestätigen die Bäuerinnen und Bauern, ist es gelungen, viele mestizische Siedler, die regelmäßig ein weiteres Stück Wald niederbrannten, um Mais und Bohnen anzubauen, auf Kakaopflanzungen umzustellen. Das ist nicht nur rentabler, sondern auch mit der Erhaltung der Wälder kompatibel.

Hubert Neuwirth, Leiter des Kooperationsbüros in Managua, wäre gerne noch länger geblieben. Aber: „Es war eine politische Entscheidung, welche Büros zugesperrt werden. Soweit ich informiert bin, hat man sich an Evaluierungsergebnissen der OECD und anderer orientiert, die gesagt haben, Österreich als kleiner Geber soll sich auf die ärmsten Länder, die Least Developed Countries, konzentrieren. Insofern ist die Entscheidung nachzuvollziehen.“

Peter Rupilius, Referent für Gesundheitsprojekte der NGO Horizont3000 in Managua, bedauert, dass der Rückzug ohne Abstimmung mit der Zivilgesellschaft beschlossen worden sei: „Man hätte einen geordneten Abgang in fünf Jahren vorbereiten können.“ Die Frist von nur zwei Jahren hält der Mediziner für zu knapp. Allein in der Atlantikregion, wo Horizont3000 ein allgemein als vorbildlich gelobtes Gesundheitssystem aufgebaut hat, würden mehr als 250 HIV-Infizierte ohne angemessene medizinische Versorgung bleiben: „Von Präventivaktionen ganz zu schweigen.“ Wenn Nicaragua den Status als Schwerpunktland verliert, wird es auch für die NGOs schwieriger, staatliche Kofinanzierung für Projekte in diesem Land zu bekommen.

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