Äquatoria ohne Perspektive

Einst ägyptische Provinz, jetzt Afrikas gefährlichstes Kriegsgebiet. Der Krieg zwischen Ugandas Armee und der „Lord’s Resistance Army“ ist nicht der einzige brutale Konflikt in der Region – aber der einzige, für den keine friedliche Lösung in Sicht ist.

Von Dominic Johnson
Vor 120 Jahren stand Afrikas gegenwärtig schlimmstes Kriegsgebiet unter Verwaltung eines Deutschen. Der Schlesier Eduard Schnitzler regierte 1876-1888 unter dem Namen „Emin Pascha“ im Auftrag des Khediven von Kairo die ägyptische Provinz Äquatoria. Auf der heutigen Landkarte umfasst sie Teile des Südsudan, des nördlichen Uganda und des Kriegsdistrikts Ituri im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Als Ägypten den Sudan verlor, verschwand auch Äquatoria, Opfer innerer Wirren und äußerer Angriffe.
Heute tobt im Norden Ugandas ein Krieg, der in manchen Bezirken vier Fünftel der Bevölkerung in die Flucht getrieben hat. Der Südsudan hat schon 20 Jahre Krieg mit zwei Millionen Toten und vier Millionen Vertriebenen hinter sich. Im kongolesischen Ituri stehen sich nach Jahren des Gemetzels weiterhin ethnische Milizen gegenüber. Äquatoria lebt – aber ganz anders als in der Vorstellung des von Flora und Fauna faszinierten Emin Pascha. Hier bündeln sich drei der hartnäckigsten Kriege und der schlimmsten humanitären Katastrophen der Welt.
Es liegt auf der Hand, dass keiner der drei Konflikte in Isolation dauerhaft gelöst werden kann. Die ganze Region ist ein Geflecht obskurer Freund- und Feindschaften; Söldner, Milizen, Waffen, Rohstoffe und Lebensmittel wandern zwischen den drei Kriegsgebieten hin und her. Die nordugandische Rebellenbewegung LRA (Lord’s Resistance Army), die in ihrer heutigen Form seit den späten 1980er Jahren kämpft, hat ihre Basen im Süden Sudans in Gebieten, die sich der Kontrolle der hier dominanten Rebellenbewegung SPLA (Sudan Peoples’ Liberation Army) entziehen und von der Regierungsarmee sowie den mit ihr verbündeten Milizen beherrscht werden. Uganda wiederum unterstützte jahrelang die SPLA, mit der auch einige der kongolesischen Warlords von Ituri rege Geschäfte treiben. Ituris Milizen verdanken ihre Existenz größtenteils der Protektion ugandischer Armeeführer, die im Zuge des Kongokrieges 1998-2003 und der Militärintervention Ugandas auf Seiten kongolesischer Rebellen den Nordosten des Kongo als private Freihandelszone missbrauchten. Zu Ugandas damaligen Begründungen für die Einmischung im Kongo gehörte der Vorwurf, Ugandas Rebellen würden vom Sudan via Kongo versorgt oder hätten im Kongo selbst ihre Basis.
Dennoch gibt es keinen gemeinsamen Rahmen für eine Lösung dieser Konflikte. Ituri ist ein nur notdürftig befriedetes faktisches UN-Protektorat, in dem der Friedensprozess des Kongo noch nicht angekommen ist. Sudan hofft auf einen Frieden, wenn die laufenden Gespräche zwischen Regierung und SPLA-Rebellen endlich zu einem Abschluss kommen. Uganda beginnt das neue Jahr ganz ohne eine Perspektive für eine Verhandlungslösung. Die Regierung verspricht, 2004 werde man die LRA endgültig vernichten. So wie 2003, und 2002, und so gut wie jedes Jahr, seit es die LRA gibt.

Vor zwei Jahren schien Norduganda tatsächlich kurz vor dem Frieden zu stehen. Die Rebellen hatten sich größtenteils in den Sudan zurückgezogen, die Vertriebenenlager Nordugandas zählten „nur“ noch 350.000 BewohnerInnen. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 in den USA war die LRA auf die US-Liste terroristischer Organisationen gesetzt worden, und der „Schurkenstaat“ Sudan suchte bessere Beziehungen zu Washington. Zuversichtlich startete Ugandas Regierung im März 2002 die „Operation Iron Fist“ gegen die Rebellen. 15.000 ugandische Soldaten marschierten im Sudan ein, im Einvernehmen mit der dortigen Regierung, um die LRA an der Wurzel auszurotten. Die Rebellen flohen – nach Uganda. Ab Juni 2002 setzten sie sich wieder in Norduganda fest und begannen mit dem, was sie am besten können: Kinder entführen und zwangsrekrutieren, Dörfer ausplündern und abbrennen, Militärlager anlegen. Bis Anfang 2003 stieg die Zahl der Binnenvertriebenen auf 800.000.
UN-Vertreter sprachen damals schon hinter vorgehaltener Hand von der schlimmsten Lage seit zehn Jahren. Es sollte noch schlimmer werden: Die LRA dehnte ihr Operationsgebiet von ihren Hochburgen im nordugandischen Siedlungsgebiet des Acholi-Volkes auf den Osten des Landes aus, nach Karamoja und Teso, wo seit zehn Jahren Frieden geherrscht hatte. Halb Uganda zitterte jetzt vor ihnen. Ende September 2003 zählte die UNO über 1,2 Millionen Kriegsvertriebene in unsicheren, schlecht versorgten Lagern; Tendenz weiter steigend. Im November besuchte Jan Egeland, Leiter der humanitären UN-Koordinationsstelle OCHA, das Kriegsgebiet und erklärte Norduganda erschüttert zu einer der schlimmsten humanitären Katastrophen der Welt.
Im Oktober erkannte Ugandas Präsident Yoweri Museveni erstmals an, dass der Krieg nicht nur von außen nach Uganda hineingetragen wird. Lokale Politiker in Norduganda wollten keinen Frieden, behauptete er. Im November ging er einen Schritt weiter: Die LRA sei 2002 geschlagen und friedenswillig gewesen. Aber ugandische Oppositionelle hätten sie mit der Aussicht, aus Ituri heraus eine zweite Front zu eröffnen, zu neuem Leben erweckt.

Mit diesen zwei Beschuldigungen gab Museveni zwei Dinge zu: Die Kriege der Region hängen zusammen – und Ugandas Krieg hat zugleich eine eigene Dynamik. Offiziell verkündet die Regierung pausenlos ihren Willen zu Gesprächen. Die LRA müsse nur vorher die Waffen strecken und sich unter internationaler Aufsicht an designierten Orten an der sudanesischen Grenze sammeln. Keine Rebellion der Welt geht auf ein solches Angebot ein. Tatsächlich setzt die Regierung auf die militärische Lösung. Sie hat in den Kriegsgebieten lokale Selbstverteidigungsmilizen ausgehoben – zum Beispiel die „Arrow Boys“ in Teso oder die „Rhino Group“ in Langi – in denen Jugendliche nach einer militärischen Grundausbildung die Bewachung von Kriegsvertriebenen übernehmen, während die Armee auf Rebellenjagd geht. Mehrere hochrangige LRA-Kommandanten sind getötet worden, mit dem obersten LRA-Feldkommandanten Vincent Otti finden Geheimverhandlungen statt, während seine Kämpfer immer wieder Überfälle und Massaker begehen.
Viele Ugander sorgen sich um die Folgen der Proliferation von Milizen in einer Region, die auch ohne LRA vor Waffen klirrt. Während Süduganda seit 15 Jahren ökonomisch aufblüht, fällt der Norden immer weiter in Hunger und Armut zurück, und die Verteilungskämpfe sind hart – ob zwischen Rebellen und Zivilbevölkerung, zwischen Nomadenvölkern oder unter den Vertriebenen. Die nordugandische Kriegsregion ist ungefähr jener Teil Ugandas, der vor der Kolonialzeit keine eigenen Königreiche besaß und bis heute keine anerkannten politischen Strukturen entwickeln konnte. Die Nordugander, lehrten die Briten, seien „Niloten“, rückständiger als die südugandischen „Bantu“-Völker – eine kuriose Verkehrung der belgischen Rassenpropaganda im Nachbarland Ruanda, wo die angeblich „nilotischen“ Tutsi den „Bantu“-Hutu als überlegen galten. Nordugander waren vor allem als Soldaten in der Kolonialarmee gut. Der berühmteste von ihnen war der spätere Diktator Idi Amin, der gefangenen Karimojong-Häuptlingen befahl, vor ihm die Penisse auf den Tisch zu legen, und diese abhackte, wenn die Häuptlinge ihre Speere nicht abgaben.
Sieht man vom absurden Namen „Lord’s Resistance Army“ und vom mystischen Prophetentum der LRA-Führung ab, ist die LRA ein klassischer Auswuchs einer längst zerstörten Gesellschaft, in der Grausamkeit der höchste Wert geworden ist. „Der Aufstand schuf einen alternativen Lebensstil des Plünderns und Stehlens als Mittel zur Bereicherung“, heißt es im einzigen halboffiziellen ugandischen Friedensplan für den Norden, den Ex-Armeechef Salim Saleh – Halbbruder des Präsidenten – im Juni vorlegte. Saleh muss es wissen: Wegen Korruption droht ihm ein Verfahren vor einem ugandischen Militärgericht, im Kongo wirft die UNO ihm organisierte Ausplünderung vor. Zur Befriedung Nordugandas propagiert er den Bau von Wehrdörfern. Als Vorbild für diese „Security and Production Units“ nennt er Israels Kibbuzim; gemeint sind wohl eher die israelischen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten. Selten verriet Ugandas Elite so offen, wie wenig sie der Hälfte des eigenen Landes traut.

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