Ärmel hochkrempeln für den Aufbruch

Seit April 2018 regiert Premierminister Abiy Ahmed – und brachte einen Wandel in Äthiopien. Doch mit der Hoffnung kommen auch viele Erwartungen.

Von Marc Engelhardt
Hoffnung und harte Arbeit: Ruhama Abdisa (links) studiert ökologischen Landbau in Theorie und Praxis.© Marc Engelhardt

Dano, sechs Autostunden von der Hauptstadt Addis Abeba entfernt: Die braunen Wolken vor Damea Werras Gesicht summen und brummen. Bienen versuchen, den jungen Äthiopier in die Flucht zu schlagen. Doch Werra bleibt angesichts der Drohnen der kleinen, besonders aggressiven afrikanischen Wildbienen unbewegt. Er lacht sogar, hinter dem Netz seiner Schutzkleidung, und zeigt auf die nur wenige Meter entfernt gestapelten Bienenstöcke. „Nach meinem Schulabschluss stand ich mit nichts da, es gab keine Arbeit und ich musste zurück auf den Hof meiner Eltern“, ruft der 24-Jährige über den Lärm der Bienen hinweg. Doch im ländlichen Äthiopien mit seinen von der Erosion zerfurchten Böden, zwischen den bröckelnden Lehmhütten seiner Kindheit, gab es außer gelegentlichen Transportjobs mit einem Handkarren nichts zu tun. „Dann hörte ich von der Möglichkeit mit den Bienen, und da habe ich sofort zugegriffen.“

Seit April des Vorjahres schöpfen viele Menschen Hoffnung. Da einigte sich die autoritäre Staatsführung auf einen unwahrscheinlichen Premier: Abiy Ahmed (vgl. auch Artikel „Mediator und Militärkarrierist“ in SWM 9-10/2018).

Seit seinem Amtsantritt hat Abiy das Land im Eiltempo reformiert: Er hat tausende politische Gefangene frei- und verbotene Parteien wieder zugelassen, Frieden mit dem Nachbarn und Erzfeind Eritrea geschlossen und die Hälfte der Kabinettsposten, das oberste Richter- und das Präsidentenamt an Frauen vergeben. Für 2020 verspricht Abiy freie Wahlen. Zur Chefin der Wahlkommission kürte er eine prominente Oppositionelle.

Über den Erfolg von Abiys Kurs wird am Ende wohl das Schicksal der jungen Menschen im Land entscheiden.

Junges Äthiopien. Zwei Drittel der 105 Millionen Äthiopierinnen und Äthiopier sind unter 25. Lange war Werra einer von 30 Millionen jungen Äthiopierinnen und Äthiopier, die keinen Job haben. Queroo werden sie genannt, aus der Sprache der Oromo übersetzt bedeutet das: unverheiratete, junge Männer. Seit gut zweieinhalb Jahren werden die Queroo in ganz Äthiopien vor allem als wütende, gesetz- und furchtlose Straßenkämpfer wahrgenommen. Sie hielten das Land in Atem: Sie blockierten Verkehrswege, protestierten gegen die autoritäre Regierung und stellten sich dem Militär entgegen, bewaffnet mit nichts als Stöcken und Steinen.

„Die Jugendlichen sagten: ‚Kommt her, erschießt uns doch. Was haben wir schon zu verlieren?’“, erinnert sich Berhanu Negussie, der Landesdirektor von „Menschen für Menschen“. Negussie hat das Äthiopienhilfswerk in den 1980er Jahren an der Seite von Karlheinz Böhm (2014 verstorben) gegründet.

Waren damals verhungernde Kinder das größte Problem im Land, sei es heute die Zukunft einer perspektivlosen Generation: „Wenn dieses Land stabil bleiben soll, dann müssen die Probleme der jungen Leute Priorität haben.“

Premier Abiy, 42, ist nicht nur verhältnismäßig jung, sondern auch Oromo wie die Mehrzahl der Protestierenden. Es ist das erste Mal seit dem Sturz von Langzeitdiktator Mengistu Haile Mariam 1991, dass ein Vertreter der größten Ethnie das Land führt.

Neustart. Werras Imkerei ist ein kleines Puzzlestück in dem Vorhaben, in diesem Fall von NGOs wie „Menschen für Menschen“, arbeitslose Jugendliche in Äthiopien zu beschäftigen: In Dano, 200 Kilometer westlich der Hauptstadt mit ihren gläsernen Bürotürmen und der von China gebauten Hochbahn, sollen die Queroo zu Unternehmern werden, im Rahmen von vernetzten Start-Ups. Die Zielgruppe kennt der Imker Werra gut, es sind seine früheren Klassenkameraden. Viele der jungen Männer sind zurückgekehrt, weil nach dem mühsam errungenen Abschluss die Hoffnungen auf einen Job betrogen wurden.

„Bevor der Wandel kam, haben dich die Beamten hier geschlagen oder ins Gefängnis gesteckt, wenn du sie um Hilfe gebeten hast“, erinnert er sich. Viele seiner Freunde seien deshalb geflohen, auch aus Angst, denunziert zu werden. „Die Gefahr ist jetzt vorbei, und die Leute kommen zurück.“

Gewusst wie. Im Mittelpunkt steht dabei das Start-Up-Zentrum, das offiziell „Agro Processing Center“ heißt und das „Menschen für Menschen“ aufgebaut hat. Mehr als 400 junge Frauen und Männer sind heute Teil der wachsenden Unternehmerszene vor Ort.

Grundlage ist die Landwirtschaft: Doch anstatt wie früher die Ernte zu verkaufen und die lukrative Veredelung anderen zu überlassen, bilden die Start-Ups von Dano die ganze Wertschöpfungskette ab.

„Menschen für Menschen“ hat Werra etwa beigebracht, wie er die traditionellen, in den Bäumen hängenden Bienenkörbe durch dauerhaft verwendbare Bienenstöcke ersetzen kann. „Früher habe ich pro Jahr 3.000 Birr mit dem Honig verdient, jetzt sind es 20.000 und mehr!“, so der Imker. 20.000 Birr, das sind umgerechnet mehr als 600 Euro.

Der Honig, den Werra gewinnt, wird von einem Start-Up aufgekauft, ein anderes reinigt ihn, verpackt ihn in Gläser und organisiert den Vertrieb. So entsteht Honig 100 Prozent made in Dano.

Gute Ernte. Andere junge Leute veredeln Nigersaat, eine traditionelle Ölfrucht ähnlich dem Raps. Gede Adujona watet durch die gelben Felder auf einen Schuppen zu, in dem sie die von BäuerInnen aufgekaufte Ernte reinigt. „Frühling“ haben die sechs jungen Frauen und vier Männer ihr Kleinunternehmen getauft. In einem Rüttelsieb reinigen sie täglich bis zu 1.500 Kilo Nigersaat. Die reine Frucht verkaufen sie an ein anderes Start-Up weiter, das daraus Öl presst, darauf folgen Abfüllung und Verkauf. Bei jeder Stufe bleibt ein bisschen Gewinn hängen, auch bei Adujona. „Dieser Neustart hat mein Leben verändert, ich habe jetzt Geld und vor allem etwas zu tun“, sagt sie und lächelt breit.

Die Felder in der Umgebung leuchten gelb, es soll eine gute Ernte werden. Pro 100 Kilo gereinigter Saat erwirtschaften die Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer 150 Birr, knapp fünf Euro. Zusätzliches Einkommen bringt die Spreu, die als Viehfutter weiterverkauft wird. Auf dem Land ist das ein gutes Einkommen. Ein bisschen davon spart die 22-Jährige für ihre Tochter, die erst ein halbes Jahr alt ist. „Sie soll eine gute Ausbildung bekommen und ein besseres Leben als ich haben, irgendwo anders, möglichst in der Stadt.“

Schuften für die Zukunft. Dabei liegt die Zukunft für Millionen junger Äthiopierinnen und Äthiopier eher auf dem Land. Auch das sollen die Erfolgsgeschichten von Dano beweisen. Dschamal Awol, der als Vorarbeiter in der Ölpresse arbeitet, ist zufrieden mit dem Leben auf dem Land – trotz harter Arbeit. „Wenn wir abends von der Arbeit nach Hause gehen, dann sind wir mental zufrieden und körperlich geschafft“, so der muskulöse 27-Jährige. „Die arbeitslosen Jugendlichen sind dagegen hungrig, ängstlich, frustriert, viele nehmen Drogen.“

Es ist heiß in der Werkshalle, die Ölpresse wummert laut. Eimerweise schüttet eine Arbeiterin gereinigte Ölsaat in die Presse, ein anderer Arbeiter entfernt den Ölkuchen, der sich bei der Pressung bildet. Er wird später in einer anderen Halle des landwirtschaftlichen Start-Up-Zentrums zu Kraftfutter verarbeitet – von einem weiteren Jungunternehmen. Die Mischungen, die dabei entstehen, sind bei Viehhaltern so beliebt, dass die Produktion kaum nachkommt.

Proteste gegen ethnische Gewalt in Addis Abeba: Im September wurden 23 Menschen bei Überfällen von Oromo-Extremisten getötet.© Maheder Haileselassie Tadese / AFP / picturedesk.com

Gewalt der Hoffnungslosen. Was – im schlimmsten Fall – passiert, wenn Menschen keine Perspektive haben, zeigt die Gewalt, die bewaffnete Gruppen in den vergangenen Jahren verbreiteten: Separatistische Gruppen bemühen sich um die Hoffnungslosen. Weiter im Westen haben junge Oromo dem Zentralstaat den bewaffneten Kampf erklärt.

Am Stadtrand von Addis Abeba überfielen Oromo-Extremisten im September BewohnerInnen, die aus anderen Teilen des Landes stammen.

Die neue Hoffnung könnte auch Herausforderungen für Abiy bringen, glaubt Joachim Hempel, der vorübergehend Pfarrer der deutschsprachigen lutherischen Gemeinde in Addis Abeba ist. „Es werden gerade Erwartungen geschürt, dass morgen alles anders ist, als es gestern war.“

Trotz allen Fortschritts im Land findet Hempel fußläufig von seiner Kirche Szenen absoluter Armut und Not, wie er sie noch von seinem ersten Aufenthalt vor 45 Jahren kennt. Damals erlebte er mit, wie Putschisten Kaiser Haile Selassie absetzten und später ermordeten. „Wenn man die Gunst des Augenblicks nicht nutzt, dann könnte es sein, dass die Soldaten wieder aufmarschieren“, befürchtet er. Das wäre nicht nur für das Land eine Katastrophe: „Denn von Äthiopien gehen im Moment so viele Zeichen friedlicher Veränderung in der Region aus.“

Widerstände. Kann Premier Abiy dauerhaft Frieden und Stabilität bringen? Wie groß ist der Wandel wirklich? „Es herrscht große Euphorie um Abiy als Person, aber auch um den politischen Stil, den er eingeführt hat“, so Constantin Grund, der das Büro der deutschen Friedrich Ebert Stiftung in Addis Abeba leitet (siehe auch Interview auf Seite 13).

Die Atmosphäre im politischen Betrieb habe sich vollkommen geändert: Die Menschen redeten auf einmal offen über Politik, während früher die Angst herrschte, überall und permanent abgehört zu werden. Allerdings: „So ein Reformkurs erzeugt natürlich auch ein Stück weit Verlierer“, betont Grund.

Vor allem im Militär, dessen korrupte Geschäfte durch Ermittlungen der Regierung mehr und mehr ans Licht kommen, gibt es Widerstand gegen Abiy. Viele Generäle stammen aus Tigray, der Provinz im Norden, die von Abiys autoritären Vorgängern bevorzugt wurde. Dass nun ein Oromo regiert, wollen sie nicht akzeptieren.

Seit April hat Abiy bereits einen Anschlag und einen Putschversuch überstanden. 66 der gut 200 Soldaten, die im Oktober Abiys Büro gestürmt hatten, wurden Ende des Jahres zu Gefängnisstrafen zwischen fünf und 14 Jahren verurteilt.

Mehr Wandel gefordert. Radikalen Oromo dagegen geht Abiys Politik nicht weit genug. Ambo liegt gut drei Stunden Fahrt von Addis Abeba entfernt. In der Universitätsstadt tobten die Proteste der Queroo besonders heftig. Ambo ist eine Stadt in rot-grün-rot: Es sind die Farben der lange verbotenen Oromo-Befreiungsfront OLF. Ihre Farben leuchten überall in der Region, doch besonders in Ambo.

Wände, Randsteine, Straßenschilder sind rot-grün-rot übermalt. Die Fahne mit dem Odaa-Baum (Maulbeer-Feige) im Mittelpunkt weht von allen Fahnenmasten. „Wegen der Unruhen in Ambo habe ich meinen Abschluss nicht machen können, es war eine schwere Zeit“, erinnert sich Ruhama Abdisa, die jetzt in Harar weiter im Osten des Landes studiert. „Jetzt sind die Forderungen der Studentinnen und Studenten in Ambo erst einmal erfüllt, und ich hoffe, dass die Stabilität bleibt und die nächste Generation nicht die gleichen Probleme bekommt.“

Frauenförderung. Viele Frauen halten große Stücke auf Abiy, auch wegen der von ihm in öffentliche Ämter beförderten Frauen. Sitina Tesfaye studiert wie Abdisa an der Agrotechnischen und Technologischen Hochschule von Harar, kurz ATTC – eine weitere Institution in Äthiopien, die von der Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ gegründet wurde und von der Organisation finanziert wird.

Noch einmal zwei Jahre, und sie wird ausgebildete Elektrikerin sein. In Äthiopien gilt das immer noch als Männerberuf. „Aber das ändert sich jetzt, Frauen bekommen mehr Macht im Land“, so  Tesfaye. „Das ist gut für uns junge Frauen, und es motiviert mich ganz persönlich.“

Noch viel zu tun. Tolla Nega ist Leiter der ATTC: „Die Wirtschaft boomt, was Äthiopien fehlt, sind qualifizierte Arbeiter“, erklärt er. Der Arbeitsmarkt sei voll mit Absolventinnen und Absolventen, die viel zu wenig praktische Fähigkeiten hätten. „Das staatliche Ausbildungssystem war zu meiner Zeit besser, heute haben selbst die, die bei uns mit dem Studium beginnen, erhebliche Defizite, die wir auffangen müssen.“

900 junge Männer und Frauen haben sich im vergangenen Jahr auf 250 Studienplätze an der ATTC beworben. Das Interesse an den Ausbildungsgängen, die auf eine Mischung aus Praxis und Theorie setzen, ist riesig.

Die 22-jährige Toyba Ibrahim fräst an einer Maschine ein Zahnrad, das sie später in eine Bohrmaschine einpassen wird. „Unsere Mütter und Großmütter haben früher wirklich gelitten, Gleichbehandlung war ein Fremdwort“, sagt sie. „Aber gerade nach den jüngsten Veränderungen hoffe ich, dass wir künftig genauso behandelt werden wie Männer.“

Die Herzen dieser jungen Menschen hat Premier Abiy schon erreicht. Äthiopien steht an einem neuen Anfang.

Marc Engelhardt ist freier Afrika-Korrespondent und Buchautor. Er lebt in Genf. Die Reise des Autors nach Äthiopien wurde von der Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ unterstützt.

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