„Ärmere Staaten brauchen Spielraum“

Ökonomin Cornelia Staritz erklärt im Gespräch mit Redakteur Richard Solder, wieso der Ölpreis so rasch gesunken ist, wie arme Länder, die Rohstoffe exportieren, mit Preisschwankungen umgehen können und welche Rolle Investoren spielen.

Cornelia Staritz

Südwind-Magazin: Warum ist der Ölpreis derzeit so niedrig?
Cornelia Staritz: Rohstoffpreise sind an sich und historisch gesehen immer sehr volatil, das heißt schwankend. Nicht nur der Ölpreis, sondern auch Preise für Mineralien oder für Agrarprodukte. Das hat immer auch realwirtschaftliche und politische Gründe, je nach aktueller geopolitischer Lage, globaler Konjunktur und nach Angebot und Nachfrage. Aktuell wird der niedrige Ölpreis nicht zuletzt auf eine schrumpfende Ölnachfrage wegen der globalen Rezession und  auf ein größeres Angebot zurückgeführt - das es unter anderem durch den Fracking-Boom in den USA gibt. Allerdings: Diese Faktoren waren schon in den vergangenen Jahren präsent.

Wieso also der massive Einbruch jetzt?
Unter anderem spielt da Saudi-Arabien eine Rolle (Saudi-Arabien besitzt die weltweit größten Erdölreserven, Anm.). Früher hat Saudi-Arabien seine Exporte in ähnlichen Situationen beschränkt, um einen hohen Ölpreis zu sichern. Dieses Mal nicht. Und zwar, um den Marktanteil zu halten. Die derzeitige Situation hat zudem auch mit Spekulation auf den Finanzmärkten zu tun.

Und zwar?
Rohstoffpreise, also auch der Ölpreis, werden auf den internationalen Rohstoffbörsen bestimmt. Daran beteiligt sind die „physischen“ Händler, die an den Produkten interessiert sind, aber auch Spekulanten. Die waren zwar schon immer da, aber seit Anfang der 2000er Jahre haben Finanzinvestoren wie Investmentbanken, Hedgefonds oder Pensionsfonds stark zugenommen. Dadurch wird mehr in Rohstoffe investiert, was einen Preisanstieg, aber auch Preisfall beschleunigen kann. Dass sich, bei allen Rohstoffen, nun Preise so rasch verändern können, das ist ein neues Phänomen. Sogar an einem Tag können die Preise deutlich schwanken.

Der niedrige Ölpreis wirkt sich auf Venezuela sehr negativ aus. Wie dramatisch ist die Situation für das Land?
Venezuela hat es über die Jahre nicht geschafft, die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren. Über 90 Prozent der Exporte basieren auf dem Ölsektor, wodurch das Land die Preisschwankungen deutlich spürt. Es ist eine sehr problematische Situation.

Wie können Staaten, die Rohstoffe exportieren, so ein Szenario vermeiden?
Indem sie versuchen, die Wirtschaft zu diversifizieren, also nicht nur auf einen Exportsektor zu setzen. In manchen Ländern, zum Beispiel auch in vielen afrikanischen, ist ein Rohstoffsektor sehr dominant. Da kann es Sinn machen, Verbindungen zwischen dem Rohstoffsektor und anderen Sektoren aufzubauen. Etwa, indem ein Staat nicht nur einen unverarbeiteten Rohstoff exportiert, sondern gewisse Weiterverarbeitungsschritte im Land durchführt oder einen lokalen Beitrag liefert. Das kann durchaus Logistik, IT-Ausstattung oder etwa Catering für Ölfirmen betreffen. Der Rohstoffsektor darf keine Enklave ohne Beziehung zur lokalen Ökonomie sein. Botswana, das große Diamantenvorkommen hat, ist ein positives Beispiel dafür.

Mit einem Stabilisierungsfonds, wie Norwegen einen hat, können sich Staaten zudem absichern. Dabei wird in Zeiten eines hohen Rohstoffpreises in den Fonds eingezahlt, damit in schwierigen Phasen Einnahmen da sind.

Wieso hat das Venezuela nicht gemacht?
Das ist für ärmere Länder nicht so leicht politisch durchsetzbar wie für reichere wie Norwegen. Es gibt oft dringende Probleme – schlechte Gesundheitssysteme oder mangelnde Infrastruktur. Was man in Venezuela wiederum sehr positiv sehen muss: Die Regierung hat die Öleinnahmen sehr stark für Sozialprogramme genutzt. Wenn wir uns die Entwicklung in der Gesundheit, in der Bildung oder der Armutsbekämpfung ansehen, dann ist diese sehr positiv.

Ärmere Staaten, die ihre Wirtschaft breiter aufstellen wollen, brauchen Spielraum. Das ist oft national nicht gegeben, etwa wenn Eliten, die bestimmte Wirtschaftssektoren kontrollieren, nicht mit der Regierung zusammenarbeiten wollen. Auf internationaler Ebene kann Handels- oder Investitionspolitik Länder daran hindern, dass sie ausländische Investoren in Rohstoffsektoren an Bedingungen binden – wie das etwa im Rahmen der EU-Rohstoffstrategie geschieht. Das macht es Entwicklungsländern schwer, ihre Rohstoffsektoren mit der lokalen Wirtschaft zu verbinden – und ist überhaupt nicht kohärent mit der Entwicklungspolitik!

So genannte Entwicklungsländer und Schwellenländer, die viel Öl importieren, profitieren vom niedrigen Ölpreis – wie etwa Indien. Kann das langfristig helfen?
Das ist fraglich, weil die Preise ja stark schwanken. Jenen Staaten, die derzeit profitieren, würde ich empfehlen, sich trotzdem nicht zu stark auf Ölimporte zu verlassen! Es ist sicher besser, möglichst unabhängig von den Preisschwankungen zu sein. Gerade im Bereich Energie gibt es oft lokale oder regionale Alternativen – Stichwort Wind- und Solarenergie.

Global gesehen: Was kann Politik tun, um die Preise für Rohstoffe zu stabilisieren?
Der Einfluss der Finanzinvestoren auf Rohstoffmärkten muss reduziert werden. Die Rohstoffmärkte sollten wieder ihre Aufgaben erfüllen und für Produzenten und Konsumenten da sein. Zudem benötigt der Rohstoffhandel national und international mehr Transparenz. Die Verträge sind oft zu undurchsichtig, internationale Konzerne umgehen die Steuern von Entwicklungsländern, die die Steuereinnahmen dringend benötigen würden. Und es braucht politischen Spielraum für die Diversifizierung der Wirtschaft.

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