Äthiopiens Hunger-Management

In fünf Jahren soll der Hunger unter Kontrolle sein. Um dies zu erreichen, will die äthiopische Regierung keine Lebensmittelhilfe mehr, sondern Geld, um ihr neues Programm für nachhaltige Ernährungssicherheit zu finanzieren. Funktioniert der Plan, könnte er ein Modell für Afrika werden.

Von Nadja Hahn
Äthiopien erwartet 2004 eine Rekordernte. Trotzdem sind dieses Jahr etwa 7,2 Millionen Menschen vom Hunger bedroht, warnen ExpertInnen des „Famine Early Warning System“ der US-Entwicklungshilfeagentur USAID. Das sind zwei Millionen mehr als bei der letzten großen Hungerkatastrophe 1984.
Die äthiopische Regierung spricht von einem Spielraum von drei bis fünf Jahren, um die Versorgungssituation in den Griff zu bekommen. Sollte dies nicht gelingen, stünde neuerlich eine Katastrophe bevor, warnte Premier Minister Meles Zenawi auf der Konferenz für Ernährungssicherheit in Addis Abeba Anfang Dezember 2003.
Durch derart klare Aussagen unterscheidet er sich von seinen Vorgängern der sozialistischen Militärregime und von Kaiser Haile Selassie, durch deren Fahrlässigkeit Millionen ÄthiopierInnen verhungert sind. Zenawi unterscheidet sich aber auch von den Regierungschefs anderer afrikanischer Länder, die gegen Hunger kämpfen, wie etwa Angola oder Simbabwe. In Angola ist die Politik immer noch vom jüngst beendeten Bürgerkrieg dominiert. Und auch Simbabwes Präsident Robert Mugabe zeigt kaum Interesse für die Problematik des Hungers.
Der Handlungsbedarf der äthiopischen Regierung ergibt sich auch aus der Tatsache, dass das Ausmaß des Hungers in dem ostafrikanischen Land so groß ist, wie in vier bis fünf anderen afrikanischen Ländern zusammen, so Shukri Ahmed, Ökonom bei der FAO, der UN-Landwirtschaftsorganisation in Rom.
Seit 1984 hat sich die äthiopische Bevölkerung auf fast 70 Millionen verdoppelt. Da konnte die landwirtschaftliche Produktion nicht mithalten. Selbst wenn Überschüsse erwirtschaftet werden, gelangen die Lebensmittel aufgrund mangelnder Infrastruktur und fehlender Lagerhäuser oft nicht in die bedürftigen Gebiete. Außerdem haben viele Bauernfamilien während der Dürreperioden ihr Vieh und ihren Besitz verloren, sind verarmt und können deshalb die immer wiederkehrenden schlechten Wetterbedingungen noch weniger verkraften, erklärt Peter Kögler, Afrika-Agrarexperte bei CARE Österreich.

Schlechte wirtschaftliche Rahmenbedingen verfestigen die Armut: einen modernen Landwirtschaftssektor gibt es kaum, ebensoches gilt für Industrie und Privatwirtschaft. Der Weltmarktpreis für Kaffee, die Haupteinnahmequelle, ist auf einem Tiefstand. Hinzu kommen Probleme wie HIV/AIDS und Malaria sowie eine hohe Analphabetenrate.
Durch internationale Lebensmittelhilfe konnte in den letzten Jahren zwar verhindert werden, dass Unterernährung zu einem Massensterben führte. Aber Spenden wirken auch als Falle, wenn viele Bäuerinnen und Bauern die Motivation verlieren, ihre Felder zu bebauen.
Im Juni 2003 wurde deshalb die so genannte New Coalition for Food Security ins Leben gerufen. Das Programm soll die Selbstversorgung in Äthiopien nachhaltig sichern und die Abhängigkeit von der ausländischen Lebensmittelhilfe reduzieren.
Die Grundsätze, die gemeinsam mit internationalen Organisationen wie der Weltbank und den Geberländern erarbeitet wurden, beinhalten die Förderung von neuen Bewässerungssystemen, eine Landreform, Umsiedlungsaktionen, Diversifizierung der Anbauprodukte, die Schaffung von Arbeitsplätzen außerhalb der Landwirtschaft, eine Produktionsteigerung durch Technologie und bessere Ausbildung sowie den Ausbau von lokalen Kapazitäten zur Verwaltung und Umsetzung des Programms.
Die Koalition ist Teil einer Initiative zur Bekämpfung der Armut des Landes, an der sich alle Ministerien beteiligen. Nicht zuletzt begünstigt durch das Ende des kostspieligen Krieges mit Eritrea soll das Budget der Initiative 2004 um 13 Prozent erhöt werden. Unterstützend will die Regierung die Dezentralisierung vorantreiben, den Finanzsektor stärken sowie Gesundheits- und Bildungspolitik ausbauen.

„Äthiopien demonstriert einen Grad an politischem Willen und finanzieller Unterstützung, der in seinem Umfang einzigartig ist“, erklärt Pedro Sanchez, Agrarökonom beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP). „Kein anderes Land in Afrika hat derart schlechte Bedingungen. Wenn Äthiopien es schafft, könnte es durchaus ein Vorbild werden.“
Von den Geberländern und den internationalen Organisationen erhofft sich Äthiopien nun hauptsächlich Geld. Die Umsetzung des Programms kostet drei Milliarden US-Dollar. Während die Pläne der Regierung grundsätzlich unterstützt werden, stoßen sich einige Geber vor allem an der fehlenden Landreform, den geplanten Umsiedlungsaktionen und den Problemen bei der Umsetzung auf lokaler Ebene.
Grund und Boden ist in Äthiopien fest in der Hand der Regierung. Um den Bäuerinnen und Bauern Anreize zur Verbesserung des Bodens zu geben, drängen Geberländer auf Privatisierung. Zenawi will davon nichts wissen. Er befürchtet, dass die Bauern aus Geldnot voreilig ihr Land verkaufen und in die Städte abwandern, wo es keine Arbeit für sie gibt.
Seit kurzem werden zwar Landzertifikate vergeben, die den Bäuerinnen und Bauern offiziell den Besitz übertragen. Sie können jedoch nicht als Kreditsicherheit verwendet und auch nicht verkauft. Dadurch haben die BäuerInnen keinen Zugang zu Investitionskapital, kritisieren Geberländer und Organisationen wie die FAO.

Besonders heikel sind auch die Umsiedlungsaktionen. Innerhalb von drei Jahren will Zenawi zwei Millionen Menschen auf freiwilliger Basis aus dem ausgelaugten Hochland in tiefer gelegene und fruchtbarere Gebiete umsiedeln. ExpertInnen warnen, dass dies viel zu schnell sei. Viele SiedlerInnen würden innerhalb weniger Monate an Malaria sterben, da die örtliche Gesundheitsversorgung unzureichend sei. Zusätzlich fehle es an Schulen, Straßen und Viehbestand, heißt es von Seiten der internationalen Hilfsorganisationen.
ExpertInnen wie etwa Christopher Eads, Afrikaexperte beim Wirtschaftsinformationsdienst Economist Intelligence Unit in London, bemängeln außerdem, dass im Bereich technologischer Weiterbildung und Infrastrukturausbau noch nicht genug getan werde.
Hier sind besonders Nichtregierungsorganisationen (NGOs) engagiert, die gemeinsam mit lokalen Behörden Bewässerungsanlagen, Brunnen und Straßen bauen. Die Regierung betrachte diese Organisationen aber oft als unliebsame Konkurrenz, da sie Gelder lieber direkt erhalte und erschwere ihre Arbeit, heißt es in Insiderkreisen.
Für den Erfolg des Regierungsprogramms sei deshalb vor allem die konsequente Überwachung der Initiativen ausschlaggebend, so Shukri Ahmed. Trotz aller Versäumnisse zeuge aber die Transparenz und die internationale Beteiligung am äthiopischen Ernährungssicherheitsprogramm von einer bisher einzigartigen Initiative zur Bekämpfung des Hungers in Afrika.

Die Autorin ist freie Journalistin in Wien und bereiste kürzlich Äthiopien.

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