„Afrika fehlt eine Vision“

Von Pauline Riesel-Soumaré ·

Aminata Sow Fall, eine der meistgelesenen und vielfach ausgezeichneten Autorinnen Afrikas, besuchte Anfang November Österreich und gab im Afro-Asiatischen Institut in Graz eine Kostprobe ihrer literarischen Fähigkeiten. Das Interview führte Pauline Riesel-Soumaré.

SÜDWIND: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Aminata Sow Fall:
Mein Aufenthalt in Frankreich hat dabei sicherlich eine große Rolle gespielt. Wäre ich während meiner Studienzeit in Paris nicht nach Senegal gegangen und hätte dort nicht den Unterschied beider Kulturen und deren Entwicklung wahrgenommen, wäre ich keine Schriftstellerin geworden. Als Kind wollte ich immer Ärztin, später nach der Matura dann Dolmetscherin werden. In Paris habe ich das Studium der Literaturwissenschaft an der Sorbonne und die Dolmetscherausbildung begonnen.
Ich lernte dann meinen Ehemann kennen, einen in Frankreich lebenden Senegalesen, heiratete und bekam ein Baby. Es wurde alles zu viel für mich – die Dolmetscherausbildung war zu aufwändig – und so brach ich sie ab und konzentrierte mich auf Literaturwissenschaft mit dem Ziel, Lehrerin zu werden. Ich verbrachte sehr viel Zeit in den Bibliotheken, und beim Warten auf die Bücher hat man sehr viel Zeit zum Nachdenken. Um mir die Zeit zu vertreiben, beschloss ich eines Tages mit dem Schreiben zu beginnen.

Was glauben Sie, sind die Ursachen für die Krisen (Bürgerkrieg, Hungersnot) in Afrika?
Afrika hat so viel Leid und Plagen erlebt, dass wir uns hätten sagen sollen, wir sollten jetzt nach vorne blicken und unsere afrikanische Würde behaupten, indem wir zuallererst arbeiten, denn Afrika hat so viel Potenzial. Stattdessen gibt es Rivalitäten und Streit. In Afrika gibt es sehr viele Diktatoren und es ist das Volk, das darunter leidet. Menschen töten einander, weil Reichtum vorhanden ist. Die Europäer schämen sich nicht, die Situation auszunutzen; aber wenn sie so handeln, ist es die Schuld von uns Afrikanern, die wir nicht verstanden haben, dass unsere Würde davon abhängig ist, wie wir unseren Kontinent führen.
Afrikaner sind nicht weniger intelligent als andere. Wenn sie sich wegen Geld und Macht bekämpfen und sich keine Gedanken über die Zukunft Afrikas machen, dann finde ich das bedauernswert.
Phrasen wie „Wir haben die Sklaverei erlebt!“ kann ich nicht mehr hören. Es ist richtig, dass man die Sklaverei nicht vergisst, aber man muss die Vergangenheit hinter sich lassen können, um Afrika wiederaufzubauen und wirkliche Unabhängigkeit zu erlangen.
Afrika hat so viele Ressourcen und Möglichkeiten, aber wir halten immer nur die Hand auf in Richtung Europa, das ist nicht gut für unsere Würde. Nach dem schrecklichen Massenmord unter dem NS-Regime ist es den Juden gelungen, ihre Würde wieder zu erlangen. Es ist alles im Rahmen des Möglichen.
Man muss ein Ziel vor sich haben, eine Vision. Ich habe immer gesagt, was uns fehlt, ist eine Vision.

Was kann Afrika aus sich heraus tun, um Krisen zu bewältigen? Wie kann die Zukunft Afrikas aussehen?
Wie man aus dem Ganzen herauskommen kann? Durch ein plötzliches Aufspringen, das heißt, die Initiative zu ergreifen und aktiv zu werden. Die Fähigkeit, sich selbst zu sagen, wir müssen uns jetzt an die Arbeit machen. Vielleicht ist es auch ein Reflex. Am Rande des Chaos wird uns nur noch die Möglichkeit des Reflexes übrig bleiben – um zu überleben oder unterzugehen.
Ich denke, bevor wir untergehen, werden wir uns – wie vom Blitz getroffen – sagen: „Achtung, lasst uns nicht ins Chaos stürzen!“
Trotz allem bin ich optimistisch. Ich bin immer optimistisch, denn es gibt viele, die noch aufwachen und reagieren werden.
Optimistisch macht mich auch der Dialog der Kulturen und der gegenseitige Respekt. Auf Dauer werden die Menschen und Nationen der ungerechten Machtverteilung auf der Welt nicht zusehen. Auf diese Weise hoffe ich, können wir es schaffen; denn wenn Afrika untergeht, wird es der Rest der Welt zu spüren bekommen.
Solange es jedoch um wirtschaftlichen Einfluss und Macht geht, werden sich die Menschen bewaffnen, es wird Krieg geben, und das ist beunruhigend.

Pauline Riesel-Soumaré ist Referentin für interkulturelle Pädagogik am Afro-Asiatischen Institut in Graz.

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