Afrikas Vorzeigehelfer

Imtiaz Sooliman baute mit „Gift of the Givers“ die größte afrikanische Hilfsorganisation auf. Ihre Bedeutung reicht heute weit über die Grenzen des Kontinents hinaus. Ein Porträt von Markus Schönherr.

© Laure Lombardo

Wenn man sich zum ersten Mal mit Imtiaz Sooliman unterhält, überlegt man kurz, ob er überhaupt Englisch spricht. Als hätte jemand den Schnellvorlauf eines Tonbands aktiviert, hängt Sooliman einzelne Worte zu einem scheinbar nicht enden wollenden Fluss aneinander. Dieser Mann will keine Zeit verlieren.

Sooliman ist Gründer und Direktor von „Gift of the Givers“ („Geschenk der Gebenden“), der größten Hilfsorganisation Afrikas. Nicht nur am Kontinent sind seine humanitären HelferInnen nach Naturkatastrophen oder bei Konflikten rasch zur Stelle: Ob Syrien, Libyen oder Haiti, die Krisenherde der Welt sind ihr Arbeitsplatz. Auch im eigenen Land ist die Organisation aktiv. „Gift of the Givers“ baut Siedlungen in Townships. Eine Telefonseelsorge berät zudem bei Fragen zu Gesundheitsthemen wie HIV und Aids sowie zu sozialen oder psychischen Problemen.

„Wir haben keine aufgeblähte Verwaltung. Ich treffe die Entscheidungen, und das kann innerhalb von fünf Sekunden geschehen“, erklärt Sooliman. Bisher gab der Erfolg seinem Konzept Recht.

Sooliman ist Pragmatiker, arbeitet 365 Tage im Jahr. Auf einen pompösen Auftritt legt er wenig Wert: Das Gespräch für diesen Artikel findet im Lager- und Logistikzentrum der Organisation in Johannesburg statt.

Gläubiger Muslim. Der Nachfahre muslimischer indischer ImmigrantInnen wurde 1962 in der Kleinstadt Potchefstroom eine Stunde westlich von Johannesburg geboren. 1984 absolvierte er ein Medizinstudium. Noch als Student war er für einen humanitären Einsatz nach Mosambik gereist, wo eine Dürre wütete. Zurück in Südafrika startete er eine Spendenaktion, um Gelder für Brunnenbauprojekte in Mosambik aufzutreiben. Innerhalb einer Woche hatte er eine Million Rand gesammelt (heute umgerechnet rund 77.000 Euro). Und Sooliman träumte von einer eigenen Hilfsorganisation.

Als ein weiteres Schlüsselerlebnis beschreibt der Vater von fünf Kindern eine Begegnung mit einem Islamlehrer 1992 in der Türkei. Dieser habe ihm großen Erfolg vorausgesagt, wenn er nach Südafrika zurückkehre und eine Hilfsorganisation mit dem Namen „Geschenk der Gebenden“ gründe – was Sooliman noch im selben Jahr machte.

Bis heute sieht Sooliman Religion als treibende Kraft in seinem Leben. „Der sufistische Islam hat mich dazu gebracht, den Menschen Gutes zu tun.“ Lange Zeit wurde laut Sooliman „Gift of the Givers“ als rein muslimische Organisation wahrgenommen und durchaus skeptisch betrachtet. Nach und nach seien die Zweifel weniger geworden: „Die Welt sieht, dass wir den Menschen unabhängig von Ethnie, Religion und Geschlecht helfen.“

Internationale Bedeutung. 1992 startete „Gift of the Givers“ als Einmannbetrieb in Soolimans Schlafzimmer. Heute verfügt die Organisation mit 70 MitarbeiterInnen über Büros an fünf Standorten in Südafrika, in Somalia, Malawi, Mauretanien, Syrien, Senegal, Gaza, Simbabwe und Jemen. In bisher 42 Ländern war Soolimans Team aktiv. 2015 investierte „Gift of the Givers“ umgerechnet rund 11,5 Mio. Euro an Spendengeldern in die Projekte.

Seine bisher schwierigste Mission führte „Gift of the Givers“ 2013 in den Jemen. Die Organisation, dort gut vernetzt, verhandelte mit Al-Kaida über die Entlassung eines gekidnappten südafrikanischen Ehepaares. Es gelang, die Freilassung der Frau zu erwirken.

Auch ihr Mann wäre wohl wenig später frei gekommen, doch er kam in Zuge einer misslungenen Befreiungsaktion der US-Armee ums Leben. Die USA hatten sich nicht mit Sooliman abgesprochen.

Kampf gegen Vorurteile. Sooliman ist sich sicher, dass „Gift of the Givers“ das Bild des von internationaler Unterstützung abhängigen „Problemkontinents“ Afrika ein Stück weit verändert. Seine HelferInnen müssen immer wieder gegen Vorurteile kämpfen: „Als wir 2010 in Pakistan landeten, um bei der Überschwemmungskatastrophe zu helfen und den anderen Teams erzählten, woher wir kommen, lachte man uns aus. Überzeugt waren die anderen erst, als wir innerhalb von 24 Stunden ein leeres 400-Betten-Krankenhaus wieder zum Laufen brachten.“

Sooliman lehnt es ab, die Verdienste von „Gift of the Givers“ nur als seine eigene Leistung zu betrachten. Viel eher sei die Hilfsorganisation eine „südafrikanische Erfolgsgeschichte“, die nur durch ihre Freiwilligen und SpenderInnen möglich wurde. „Südafrika ist aufgrund seiner Geschichte eine sehr mitfühlende Nation, die meisten Einwohner haben selbst unter der Apartheid gelitten und das spornt sie an.“

Markus Schönherr lebt als Auslandskorrespondent in Kapstadt und berichtet aus dem südlichen Afrika für deutschsprachige Zeitungen und Nachrichtenagenturen.

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