„Agenda des Südens in den Norden tragen“

Während der Umbrüche in der arabischen Welt wurde der Nachrichtensender Al Jazeera auch im Westen immer beliebter. Warum die so genannten Internet-Revolutionen ohne dasFernsehen machtlos gewesen wären, erklärte die Kommunikationswissenschafterin Carola Richter im Gespräch mit Michaela Krimmer.

Die Stärke Al Jazeeras: Lokalkompetenz und Zugang zu Menschen und Institutionen in der arabischen Welt, hier im Gaza-Streifen.

Südwind Magazin: Gerade durch die ägyptische Revolution ist Al Jazeera auch im Westen immer beliebter geworden. Sogar Hillary Clinton lobte den Kanal. Wieso?
Carola Richter:
Al Jazeera hat während der Revolution das getan, was es vorher auch schon immer getan hat: kritisch und anders als die nationalen Sender aus den arabischen Ländern zu berichten. Im Westen ist es jetzt so gut angekommen, da es von uns aus gesehen sozusagen auf der richtigen Seite steht. Es hat die antiautoritären Bewegungen gestützt und ihnen viel Platz in der Berichterstattung eingeräumt. Doch als Al Jazeera in der Vergangenheit beispielsweise über den Palästina-Konflikt oder den Irak-Krieg kritisch berichtet hat, wurde dies im Westen schnell als anti-amerikanisch oder anti-westlich bezeichnet.

Wie haben die Menschen während der ägyptischen oder tunesischen Revolution Al Jazeera genutzt?
Der Sender hat eine sehr große und wichtige Rolle gespielt. Es stimmt, dass das Internet wichtig für die Vernetzung und das Empowerment war. Aber als sich in Tunesien der junge Mann in Sidi Bouzid verbrannt hatte und so die Revolution ins Rollen brachte, wurde das Protestvideo an Al Jazeera geschickt und über den Sender publik gemacht. Erst dadurch wurde eine breite Masse aktiviert und nicht nur das unmittelbare Umfeld der Internet-Aktivisten und Aktivistinnen. Es war zudem besonders relevant, dass die Menschen in Ägypten über das Fernsehen sehen konnten, was in Tunesien passierte. Das war wichtig, um das ägyptische Volk zu beeinflussen, zu informieren und schlussendlich zu mobilisieren.

Kann man von einer besonderen Bindung zwischen dem arabischen Fernsehpublikum und Al Jazeera sprechen?
Das ist von Land zu Land unterschiedlich. In Palästina hat es lange die Funktion eines quasi-lokalen Senders übernommen. Gerade während der zweiten Intifada oder während des Gaza-Kriegs hat es die Funktion der schwachen palästinensischen Sender übernommen. Es hat sich dadurch einen ganz besonderen Ruf in der lokalen Bevölkerung erarbeitet. Auch in Ländern wie Syrien oder Libyen, wo es eine extrem eingeschränkte Berichterstattung gibt, ist Al Jazeera sehr beliebt. Auch in vielen anderen Ländern werden die Nachrichten gesehen. In Ägypten gibt es jedoch eine relativ diverse Presselandschaft. Von dort kommen manchmal kritische Stimmen, wenn Reportagen über soziale Missstände in Ägypten gezeigt werden. Die Leute fürchten dann um ihr nationales Image. Man fragt sich, wieso der Sender gerade dort die Zustände angreift, wo es doch in Katar vielleicht gar nicht anders zugeht. Das ist ein gängiger Vorwurf, der aber vor allem von den autoritären Establishments gefördert wird.

Welche Politik verfolgt Al Jazeera?
Es baut auf das Prinzip Meinung und Gegenmeinung. Es geht nicht um eine neutrale Berichterstattung, sondern um Ausgewogenheit durch Streit und Auseinandersetzung über gewisse Themen. Dadurch ermöglicht man dem Publikum, sich selbst eine Meinung zu bilden. Diese Diskursivität ist neu in der Region. So wie die Journalistinnen und Journalisten agiert haben innerhalb der Proteste, gab es sicher keine Senderpolitik in dem Sinne, aber die Journalistinnen und Journalisten haben natürlich die Revolution unterstützt. Dies wurde vom Sender nicht unterbunden, da es der Politik von Katar nicht entgegenläuft. Wenn so etwas in Katar geschehen würde, bin ich mir nicht so sicher, wie der Sender reagieren würde. Wenn es jetzt aber um Libyen geht, mit dem Katar immer schon Probleme hatte, daher auch die Beteiligung am NATO-Einsatz, ist es natürlich unproblematisch, gegen Gaddafi zu wettern. Aber in anderen Situationen kann das sicher anders ausschauen.

Muss man zwischen Al Jazeera und dem englischsprachigen Al Jazeera unterscheiden?
Auf jeden Fall. Beide haben von ihrem Ansatz her ganz unterschiedliche Ausrichtungen und ein anderes Zielpublikum. Al Jazeera Arabisch wurde gegründet, um für die Region eine Relevanz zu haben. Der Sender wurde in Katar gegründet, damit das kleine Emirat auch in der Region an Gewicht gewinnt, um quasi symbolisches Kapital anzuhäufen. Das ist gelungen. Doch der Sender wurde außerhalb der Region mit seinen Inhalten nicht wahrgenommen. Deshalb wurde der englische Sender entwickelt: mit dem Anspruch, das europäische und amerikanische Publikum zu erreichen. Dabei wurden zunächst vor allem Inhalte aus dem Süden vermittelt, v.a. aus der arabischen Welt, aber auch aus Afrika und den asiatischen Staaten, wie China, Indien, Malaysia, Indonesien.

Der Anspruch ist also, die Anliegen des Südens in den meist selbstzentrierten Norden zu tragen?
Das war die Idee. Die Umsetzung oder das, was beim Publikum angekommen ist, war jedoch inhaltlich relativ banal – und unterschied sich nicht sehr von anderen Sendern. Es gab wenig Resonanz im Westen. Im Libanon-Krieg oder Gaza-Krieg 2009 wurde die Regionalkompetenz, die sich Al Jazeera in seinem arabischen Kanal bereits erworben hatte, auch bei Al Jazeera Englisch eingesetzt. Und mit diesen Exklusivinformationen wurde dann ein westliches Publikum angesprochen. Der Sender hat sich auf seine Kernkompetenz konzentriert: die arabische Region. Das ist ein Riesenvorteil gegenüber CNN, aber auch gegenüber der BBC, obwohl die ein bisschen besser aufgestellt ist vor Ort. Al Jazeera hat sich Respekt und Wichtigkeit bei den arabischen ZuseherInnen erworben. Von dieser Glaubwürdigkeit hat auch der englische Sender profitiert: Al Jazeera hat einen besseren Zugang zu Themen und Menschen vor Ort.

In den USA kann man kaum Al Jazeera empfangen. Steckt dahinter Politik?
Teile der US-amerikanischen Bevölkerung würde es sicher interessieren, Al Jazeera zu empfangen. Während der Umbrüche in Ägypten gab es eine Kampagne, bei der Livestream-Zuschauerinnen und -zuschauer per E-Mail an die Anbieter einfordern sollten, dass sie den Sender in die Kabelnetze aufzunehmen. Aber dahinter steckt meiner Meinung nach keine Politik, sondern das ist eine rein kommerzielle Entscheidung. In den USA – anders als in Europa – läuft alles über Kabelnetze, in die die Sender eingespeist werden müssen. Wenn man kommerziell nicht relevant genug ist, dann wird man nicht eingespeist. Al Jazeera hat sich jetzt eine gewisse Anerkennung erarbeitet, um von den Kabelanbietern vielleicht als relevant wahrgenommen zu werden.

Die Arabistin, Politikwissenschafterin und Kommunikationswissenschafterin Claudia Richter tritt ab August eine Juniorprofessur an der FU Berlin an.

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