Alle gegen einen

Der Ausnahmezustand in Ägypten brachte auch einen Ausnahmezustand der Geschlechter auf den Tahrir-Platz.

Von Kristina Bergmann
Kein Anmachen wie sonst üblich auf Kairos Straßen. Frauen fühlten sich sicher bei den Demonstrationen am Tahrir-Platz.

Viele Frauen demonstrierten von Anfang an auf dem Tahrir-Platz; laut mehreren Angaben stieg ihre Anzahl im Laufe der Demonstrationen sogar von 20 auf 40 Prozent. Wer im Epizentrum des Aufstands, auf dem Tahrir-Platz in Kairo stand, konnte feststellen, dass Frauen demonstrierten, Slogans skandierten und sich an allen Aktivitäten beteiligten. Allerdings blieben sie vor allem anfänglich in der Minderheit. Der Hauptgrund dafür war, dass in den Augen vieler Ägypter und Ägypterinnen Frauen nach Hause gehören (siehe auch Titelgeschichte in Südwind-Magazin 1-2/2011). Deutlich wurde das in der nur 100 Meter vom Tahrir-Platz entfernten Parlamentsstraße. Am Mittwoch vor dem Fall des ägyptischen Präsidenten Mubarak versammelten sich dort Arbeiter aus den Deltastädten Mahalla, Tanta und Mansura. Sie waren nach Kairo gereist, um den Volksaufstand zu unterstützen. Unter den Arbeitern in der Parlamentsstraße war die Atmosphäre konservativ. Frauen seien nicht angereist, denn „Protestieren und Streiken sei Männersache“, erklärten die Arbeiter.

Auf dem Tahrir-Platz hatten sich Ägypterinnen hingegen längst einen Platz erobert. Das liegt an der Kairoer Atmosphäre, welche der Frauenemanzipation mehr Raum lässt. Dort protestierten nicht nur Künstlerinnen, sondern auch Frauen der Mittelschichten, die sonst höchstens zum Einkaufen auf die Straße gehen. Manche BeobachterInnnen mussten feststellen, dass der wochenlang währende Aufstand ohne die Anwesenheit der Frauen längst zusammengebrochen wäre. Frauen dächten nicht nur an hehre Ziele, erklärten sie ehrlich, sondern auch pragmatisch an die Erfordernisse des Alltags wie Nahrung, Decken und Zelte. Was sie selbst brauchten, brachten Demonstrantinnen grundsätzlich mit; oft hatten sie zusätzlich Dinge dabei, die sie verteilten. Einer der Organisatoren meinte, an freiwilligen Helferinnen habe es nie gemangelt, an Helfern hingegen schon.

Jeden Morgen wurde auf dem Tahrir-Platz über Mikrofon ausgerufen, wie viele Freiwillige es brauche, um Abfall einzusammeln, den Platz zu kehren oder BesucherInnen an den Eingängen des Platzes zu kontrollieren. Hala Kusy, eine 35-jährige Dauerdemonstrantin, erzählte, dass sie jeden Tag mitgearbeitet habe, entweder Müll beseitigt, Besucherinnen abgetastet oder Essen verteilt habe. In einem der improvisierten Lazarette berichtete die Medizinstudentin Amina Zohr, dass sie als Anfängerin zwar Verletzte nicht verarztet, aber einfache medizinische Hilfsdienste geleistet habe – vor allem, als an den beiden blutigen Tagen der Zusammenstöße zwischen Mubarak-Gegnern und -Anhängern ununterbrochen Verletzte in die improvisierte Krankenstation gebracht wurden. Zwei junge Besucherinnen sagten, sie seien von ihren Freundinnen gewarnt worden, dass sie auf dem Platz angemacht werden würden. „Das ist einfach nicht wahr“, riefen sie empört und: „Hier herrscht eine andere Atmosphäre als sonst in den Straßen Kairos; alle Männer gehen respektvoll mit uns um, keiner fasst uns an, macht unanständige Gesten oder flüstert abgeschmackte Sprüche in unsere Ohren!“ Vor allem am Gedränge der gewaltigen Menschenmengen gemessen war die Stimmung auf dem Tahrir-Platz während des Aufstands tatsächlich fröhlich, höflich und anständig. So scheint nun auch die Alltagsemanzipation einen gewaltigen Satz nach vorn gemacht zu haben.

„Ich wünsche mir, dass es überall in Ägypten so friedlich und gesittet wie bei dem Aufstand zugehen würde“, sagte Amel Dustur. Sie trägt den Gesichtsschleier, der sich in den vergangenen Jahren in Ägypten mehr und mehr verbreitet hat. Während praktisch alle Musliminnen den Kopfschleier tragen, ist der Gesichtsschleier allerdings noch immer die Ausnahme und stößt bei vielen ÄgypterInnen auf Ablehnung.

Doch auf dem Tahrir-Platz war während des Aufstands der Gesichtsschleier überdurchschnittlich oft zu sehen. Einige BerichterstatterInnen behaupteten deshalb, IslamistInnen hätten die Revolte an sich gerissen. In Wahrheit war der Grund ein anderer. „Wir fühlen uns hier sicher, werden nicht schräg angesehen oder beleidigt“, erklärte eine Frau mit Gesichtsschleier. Hala Kusy bestätigte, dass das ungeschriebene Gesetz der Demonstrationen nicht nur Ordnung, sondern auch Toleranz forderte. „Jeder sollte kommen dürfen, wie er will“, sagte sie und: „Natürlich haben wir alle unterschiedliche Ansichten, doch unser aller Wunsch, Mubarak zu verjagen, hielt uns zusammen.“

Kristina Bergmann lebt in Kairo und ist Korrespondentin der NZZ.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen