„Alle haben einen Platz“

Von Redaktion ·

Wie Diversität zum Wettbewerbsvorteil wird, erklärt Monika Haider, die Geschäftsführerin des Schulungszentrums equalizent.

In Ihrem Bildungsinstitut wird nicht nur die Österreichische Gebärdensprache unterrichtet, sondern auch Diversity-Management. Können Sie kurz erklären, worum es dabei geht?

Wir selbst haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit unterschiedlichen Gebärdensprachen, mit unterschiedlicher kultureller Herkunft und mit unterschiedlichen Biografien. Alle haben einen Platz.

Diversity-Management definieren wir als wertschätzenden Umgang mit dieser personellen Vielfalt zum Nutzen für unsere Kursmaßnahmen.

Worin besteht Vielfalt?

Es gibt sechs Kerndimensionen der Diversität, die jeden Menschen betreffen und die nur bedingt veränderbar sind. Ich bin Mann oder Frau, habe eine sexuelle Orientierung, bin in einer Kultur und mit einer Religion aufgewachsen, bin alt oder jung und habe eine Behinderung oder keine. Einmal im Jahr organisieren wir den Diversity Ball, wo wir uns genau mit diesen Dimensionen spielerisch auseinandersetzen. Wir versuchen, die Menschen miteinander in Kontakt zu bringen und Hemmschwellen abzubauen.

Es wird immer wieder argumentiert, dass Diversität eine Bereicherung für Institutionen und Betriebe ist.

Diverse Teams bringen unterschiedliche Sichtweisen herein. Wenn ich diese wertschätzend zulasse, entsteht ein viel besseres Produkt. Ein Beispiel: Eine Kfz-Werkstatt mit einem türkischen Mitarbeiter kann ihre Kundschaft ausweiten. Diversität ist ein Wettbewerbsvorteil für Betriebe. Wenn ein Team wertschätzend miteinander arbeitet, sind die Leute zufrieden und bringen sich stärker ein.

Wie spiegeln sich die steigenden Flüchtlingszahlen und die öffentliche Diskussion dazu in Ihrer Arbeit?

Die Kurse mit Flüchtlingen, die Deutsch und die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) lernen, haben sich vervielfacht. Die können mit niemandem kommunizieren, auch nicht mit anderen Flüchtlingen. Die Fortschritte sind enorm, wenn sie hier sind. Wir arbeiten viel mit Bildern und Rollensituationen. Gebärdensprache ist an die jeweilige nationale Sprache gebunden, weil das Mundbild wichtig ist. Es dient zur Differenzierung, denn in der Gebärdensprache werden manche Gebärden mehrfach verwendet. Aktuell lernen 34 Asylsuchende, Flüchtlinge und Migranten die ÖGS.

Monika Haider ist Geschäftsführerin von equalizent, Österreichs einziger Bildungseinrichtung mit Schwerpunkt Gebärdensprache und Diversity Management.

Der Diversity Ball findet am 30. April in Wien statt.

www.equalizent.com

Gibt es Schätzungen, wie viele Gehörlose unter den Flüchtlingen sind?

Man geht davon aus, dass ein Promille der Bevölkerung gehörlos ist. Das kann man auf die Flüchtlingszahlen umrechnen. Behinderung ist ein Faktor, der unter den ankommenden Flüchtlingen überhaupt nicht erhoben wird. Wir sind ja noch mit den Grundproblemen der Versorgung beschäftigt. Viele kommen aus Minengebieten und es sind zahlreiche Kriegsopfer dabei.

Wie kann Diversity Management für die Integration von Flüchtlingen angewendet werden?

Diversity Management ist immer ein Prozess. Aktuell setzen wir uns mit dem Thema Burschenarbeit auseinander. Unter Flüchtlingen gibt es ganz andere Vorstellungen, wie ein Bursche zu sein oder was ein Mann zu tun hat. Wir suchen Wege, mit diesem Rollenbild umzugehen, Klischees aufzubrechen und neue Bilder zu erzeugen.

Der so genannte Wertekatalog wird viel diskutiert. Es besteht ein Bedarf an Wertearbeit. Im Bildungswesen brauchen wir eigene Übergangsinstitute, um informelle Kenntnisse zu erheben und anzurechnen. Das Schulsystem in Afghanistan ist völlig zusammengebrochen. Es werden Settings aufgebaut werden müssen, die es bisher nicht gibt. Ein großer Vorteil wird sein, kulturelle Vielfalt in den Arbeitsmarkt hineinzubringen. Allerdings herrscht auch die Angst vor Verdrängung. An die Stelle der Humanität tritt die Vorstellung von Gefahr. Das wird eines der größten Themen werden. Das führt mich wieder zum Vorteil, Vielfalt in Teams zu bringen. Wenn es zu persönlichen Begegnungen kommt, gibt es meistens Verständnis.

Interview: Irmgard Kirchner

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