„Alle schauen weg“

Prostitution liegt bei uns in Österreich in einem Graubereich zwischen formeller und informeller Wirtschaft. Die Gesellschaft hat wohl kein Interesse, diese Art von Dienstleistung formeller und damit sichtbarer zu machen. Eva van Rahden ist Projektleiterin von SOPHIE-Bildungsraum, der Beratungsstelle für Prostituierte in Wien. Südwind-Mitarbeiterin Brigitte Pilz hat mit ihr gesprochen.

Von Brigitte Pilz
Südwind: Wenn man informelle Beschäftigungsverhältnisse als „ungeregelt und unterbezahlt“ definiert, wie brauchbar ist ein solches Konzept für Prostitution in Österreich?
van Rahden:
Diese Definition passt für den Bereich Prostitution nur sehr bedingt. Sie geschieht bei uns vor allem in einem Graubereich. Formell ist die Arbeit in gewisser Weise dort, wo Prostituierte sich bei der Polizei registrieren lassen. Danach sind wöchentliche Gesundheitsuntersuchungen vorgeschrieben. Eine Unsicherheit kommt hinzu, weil ein Vertrag zwischen einem Freier und einer Prostituierten – bestätigt durch eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes – als sittenwidrig gilt. Das heißt, Vereinbarungen können bei Nichtbezahlung gar nicht eingeklagt werden.

Und wie sieht es bei Arbeits- und Steuerrecht und bei der Sozialversicherung aus?
Sexarbeiterinnen können in Österreich nicht Angestellte sein, weil dies als „Ausbeutung durch Prostitution“ gewertet würde, was verboten ist. Sie gehören also zu den neuen Selbständigen, müssen sich selbst krankenversichern, verschwindend wenige sind pensionsversichert. Das Risiko einer Arbeitsunfähigkeit liegt ganz bei ihnen. Sie müssen Einkommensteuer bezahlen, wobei die Höhe der Einnahmen vom Finanzamt sehr oft geschätzt wird – meist zu hoch, ein Nachweis ist ja ohne schriftliche Verträge oder Zahlungsquittungen schwer möglich.

Das alles ergibt ziemliche Unsicherheiten.
Ja, noch andere kommen hinzu. In Wien sind 150 Meter Schutzzonen um Schulen, Krankenhäuser, Kirchen etc. festgelegt, innerhalb derer der Straßenstrich verboten ist. Im 15. Bezirk etwa, einer Gegend mit traditionell ausgedehntem Straßenstrich, bleiben offiziell dafür quasi nur ein paar Schienen der ÖBB übrig. Die Prostituierten bahnen ihre Geschäfte also häufig im verbotenen Raum an. In Wien dürfen sie in genehmigten Bordellen ihrer Tätigkeit nachgehen. Eigentlich auch in Vorarlberg, nur wurde dort bisher keine einzige Betriebsgenehmigung dafür erteilt. Prostitution wird dadurch in die Illegalität gedrängt.

Prostituierte sind ja vielfach Migrantinnen. Wie sieht es hier mit der Klassifizierung formell – informell aus?
Von den 1.123 registrierten weiblichen Prostituierten sind über 70% Migrantinnen. Hinzu kommt eine viel höhere Zahl nicht registrierter Prostituierter. Das neue Fremdenrecht ab Jahresbeginn hat große Probleme geschaffen. Vorher konnten Frauen mit einem Aufenthaltstitel ohne Niederlassung, der verlängerbar war, hier sein. Viele haben sich so eine Existenz aufgebaut. Jetzt hängen sie rechtlich in der Luft. Theoretisch gibt es jetzt das so genannte Visum C/D für ausländische Prostituierte. Doch wir haben noch keine getroffen, die es erhalten hat. Grundsätzlich sind für Migrantinnen legale und sichere Arbeitsbedingungen sehr wichtig.

Wie sieht es mit der rechtlichen Absicherung von Sexarbeiterinnen in anderen EU-Ländern aus?
Sehr unterschiedlich. In Deutschland ist die Prostitution als unselbständige Arbeit möglich, dort setzt sich nun auch die Gewerkschaft für Prostituierte ein. Gemeinsam mit Behörden hat man Regelungen für den Bereich „Erotische Dienstleistungen“ formuliert, auf Grund derer jetzt in etlichen Städten Rahmenbedingungen geschaffen wurden. Das ergibt eine Besserstellung und Absicherung für die Sexarbeiterinnen.
In Schweden werden die Freier bestraft, was zur Folge hat, dass Prostitution in die Illegalität gedrängt wird. Wenn die Gesellschaft wegschaut, erhöht das immer die Gefahren für die Sexarbeiterinnen.

Ist das Wegschauen der Gesellschaft allgemein ein Hauptgrund dafür, dass dieser Bereich ziemlich ungeregelt ist?
Das ist tatsächlich der Fall. Eines der Ziele unserer Öffentlichkeitsarbeit ist es daher, durch die Anerkennung gesellschaftlicher Realität, die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen zu verbessern. Denn Prostitution ist kein Randgruppenthema. Viele Geschäftsabschlüsse werden im Bordell gefeiert. Viele Betriebsfeiern enden dort. Und alle schauen weg. Wir machen die diskriminierende Situation der Prostitutierten zum Thema, arbeiten direkt mit den Frauen und fördern in Österreich die Diskussion über Formen des Umgangs mit Prostitution.

Für Sie ist Prostitution eine Form von Dienstleistung wie jede andere?
Ja, es ist eine Arbeit wie viele andere auch. Frauen sagen uns, „wir verkaufen ja nicht unseren Körper, denn den haben wir ja nachher immer noch. Wir verkaufen im Endeffekt unsere Zeit – eine Dienstleistung.“ Ich sehe es als eine unserer Aufgaben, die Diskussion über Prostitution zu versachlichen. Sie wird fast automatisch mit anderen Problembereichen verknüpft: Prostitution ist gleich Zwangsprostitution, ist gleich Frauenhandel, ist gleich Gewalt gegen Frauen. Durch diesen so geführten Diskurs wird den Sexarbeiterinnen ihre Selbstdefinition abgesprochen. Sie werden nur als Opfer definiert, selbst wenn sie dem widersprechen.
Ich verstehe, dass man Prostitution auch von einem feministischen Standpunkt aus als Auswirkung des Patriarchats ablehnen kann. Mir geht es aber um konkrete Lebensrealitäten von Frauen, die hier und jetzt verbesserungswürdig sind.

Danke für das Gespräch.

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