
Für Gold werden Kriege geführt, Menschen ausgebeutet, Natur zerstört. Es funkelt an Fingern, hängt an Hälsen, türmt sich in Tresoren – und geopolitische Spannungen treiben seinen Preis auf immer neue Höchststände.
Das Wasser ist stockfinster, die Luft knapp. „Vor dem Tauchen hoffe ich immer, dass ich heil wieder nach oben komme“, sagt Hato. Dann nimmt der 13-Jährige den Schlauch eines Druckluftkompressors in den Mund und taucht ab in die dunkle, schlammige Brühe. Hato kann sich nur mit den Händen vortasten, trotzdem hat er sein Ziel klar vor Augen: das wiederum wertvollste Edelmetall der Welt, Gold. Die Arte-Doku „Kinder tauchen nach Gold“ zeigt, wie Hato und rund 1.000 andere Kinder auf den Philippinen auf der Jagd nach ein paar Nuggets ihr Leben riskieren. Dutzende von ihnen ersticken bei einem ihrer Tauchgänge. Kinderarbeit ist längst nicht die einzige Schattenseite des glänzenden Metalls.
Vor dem Hintergrund von Krisen und Kriegen ist in Europa ein regelrechter Goldboom ausgebrochen. Während der Goldpreis einen Rekord um den anderen knackt, informieren unzählige Artikel und Podcasts über Anlagemöglichkeiten, Diversifizierungsstrategien und Investmenttrends. Der Globale Süden kommt in der Erzählung vom neuen Goldrausch höchstens am Rande vor. Dort finanziert der Abbau von Gold Kriege, vergiftet Böden und Flüsse und raubt ganzen Regionen die Lebensgrundlage.
Doch was ist das eigentlich, Gold? Was macht den Wert, den Glamour von Gold aus? Wieso lagern es Zentralbanken tonnenweise in ihren Kellern, bunkern es Autokraten in Geheimverstecken und stecken es sich Verliebte an die Finger, um den Bund fürs Leben zu besiegeln? Ja, wieso ziehen Menschen für das 79. Element im Periodensystem in den Krieg und schicken Eltern ihre Kinder für ein paar Gramm davon für Stunden in die Tiefe? Die Antworten auf diese Fragen verstecken sich in der Geschichte des Elements, in dessen chemischer und physikalischer Beschaffenheit und sie betreffen Politik, Handel und Religion.
Machtfunken. Gold besitzt mehrere Eigenschaften, die es für Handel und Tausch attraktiv machen. Gold ist ein knappes Gut, in der Geschichte der Menschheit wurden rund 216.000 Tonnen davon abgebaut, geschätzte 64.000 Tonnen lagern noch unter der Erde. Gold ist leicht zu transportieren, ein Kilogramm Gold ist kleiner als eine Tafel Schokolade. Gold ist leicht teilbar, es ist beständig und korrodiert nicht, das heißt, es wird durch den Kontakt mit anderen Metallen nicht beschädigt. Hinzu kommt: Gold ist hübsch anzusehen, es funkelt, es glänzt und eignet sich damit hervorragend für Schmuck, als Zeichen für Macht, Reichtum und Herrschaft.
Aber: Der Wert kommt nicht vom Gold selbst. Davon ist Jörg Borrmann überzeugt. Er ist Professor am Institut für Finanzwirtschaft der Universität Wien. Die Materialeigenschaften machen Gold noch zu keinem wertvollen Metall, sagt er. Gold kann man nicht essen, es lassen sich keine Kleidung, Häuser oder Waffen daraus herstellen. Seinen Wert erhält Gold von der Gesellschaft, von einer Art nicht-religiösem Glauben an den Wert des Metalls. Menschen glauben an Gold, weil andere Menschen daran glauben – und das schon seit Jahrtausenden.
Fleisch der Götter. Vor mehr als 6.000 Jahren schmückten Goldartefakte Gräber der Varna-Kultur am Schwarzen Meer und Tempel in frühen Hochkulturen. In China legte die Shang-Dynastie (18. bis 11. Jahrhundert v. Chr.) goldene Ritualobjekte in Gräber, um den Verstorbenen den Weg in die Ahnenwelt zu ebnen. Die älteste erhaltene Landkarte der Welt – der altägyptische Turiner Papyrus – zeigt bereits Goldlagerstätten und ein Bergwerk im Wadi Hammamat. Im alten Ägypten galt Gold als das „Fleisch der Götter“. Pharaonen trugen goldene Masken und Schmuck, um damit ihre Nähe zu den Göttern und Göttinnen zu betonen. In Indien steht Gold für Lakshmi, die Göttin des Wohlstands.
Indische Frauen besitzen Schätzungen zufolge rund 25.000 Tonnen Gold. Das ist weit mehr als die Reserven der fünf goldreichsten Staaten zusammen. Die Braut wird bei der Hochzeit traditionell mit reichlich Gold beschenkt und behängt. Gold dient hier nicht nur als Schmuck, sondern auch als Wertanlage – und als finanzielle Absicherung der Frau.
Doch Gold erzählt auch von dunklen Kapiteln der Geschichte. Die Gier nach dem Edelmetall trieb die großen Raubzüge der Kolonialmächte an. Mythen wie das sagenhafte El Dorado, das Goldland in Südamerika, befeuerten die Sehnsucht nach grenzenlosem Reichtum. Allein zwischen 1550 und 1560 plünderten die spanischen Kolonialherrscher rund 45 Tonnen Gold – aus Tempeln, Palästen und Gräbern der Azteken und Inka.
An der sogenannten Goldküste, dem heutigen Ghana, betrieben europäische Mächte Handel mit afrikanischen Reichen. Der Handel von versklavten Menschen entwickelte sich aus diesen bestehenden Geschäftsbeziehungen heraus. Europäische Händler brachten die Edelmetalle – darunter Gold – von ihren Raubzügen aus Amerika und tauschten diese unter anderem gegen versklavte Menschen aus Afrika.

Zahlungsmittel. Aber das Edelmetall etablierte sich nicht nur im Menschenhandel als Tauschmittel. „Zu Beginn der Neuzeit hat sich Gold als die universale Form des Handels durchgesetzt“, erklärt Borrmann. Auch wenn Menschen nach wie vor viele andere Dinge zum Tausch verwendeten, übernahm Gold am Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert mehr und mehr die Rolle als allgemeines Tauschmittel, also Geld.
Mitte des 19. Jahrhunderts folgte der nächste Goldrausch: In Kalifornien entdeckten Siedler Gold und innerhalb weniger Monate strömten Zehntausende in das Gebiet. Der Goldrausch verwandelte einsame Täler in lebendige Städte, brachte Banken, Handelsrouten und Infrastruktur hervor – und vertrieb zugleich indigene Gemeinschaften von ihrem Land.
Der Goldrausch beschränkte sich nicht nur auf die nördliche Hemisphäre. Die spektakulärsten Funde machten Europäer im südafrikanischen Witwatersrand. In wenigen Jahren wuchs dort Johannesburg zur Millionenstadt. Die Minen reichen bis heute fast vier Kilometer tief in die Erde.
Im Zuge der Industrialisierung erhielt Gold neue Funktionen und wurde etwa in der Elektroindustrie eingesetzt. Und es wurde zum Fundament des globalen Finanzsystems: Der Goldstandard von 1844 versprach Stabilität, indem Papiergeld jederzeit durch Gold getauscht werden konnte. Doch die Bindung zwischen Geld und Gold hielt nicht ewig. 1971 hob US-Präsident Richard Nixon sie auf – und der Goldpreis schoss in die Höhe.
Krisenseismograph. Bis heute gilt Gold als „stabiles Investment“, da es seit Jahrtausenden als Zahlungsmittel akzeptiert wird und es deutlich „wertstabiler“ ist als andere Vermögenswerte. Aktienkurse können zusammenbrechen, Unternehmen pleitegehen, Währungen kollabieren, Wertpapiere ausfallen, Immobilien zerstört werden – Gold ist vor all dem gefeit. Dementsprechend ist Gold eine Art „Krisenseismograph“: „Ein starker Anstieg des Goldpreises bedeutet selten etwas Gutes“, sagt Borrmann. Gerade in unsicheren Zeiten, in Zeiten von Kriegen und Krisen, steigt die Nachfrage nach Gold und damit sein Preis.
Das ist auch der Grund, warum Zentralbanken Gold horten. Selbst wenn die nationale Währung an Wert verliert, die Wirtschaft kollabiert, ein Land von Sanktionen und Handelsboykotten betroffen ist – Gold behält seinen Wert. Nicht ohne Grund fördert gerade Russland aktuell so viel Gold wie kaum ein anderes Land.
Und hier schließt sich der Kreis: Gold gilt als „sicheres Investment“, weil es bereits seit Jahrtausenden als „sicher“ gilt. Die chemische und physikalische Beschaffenheit von Gold schuf die Voraussetzung, aber erst der Glaube der Menschen an seinen Wert verleiht Gold seinen Wert – und das wissen und nutzen auch Banken.
Kosmische Ursprünge
Gold ist älter als die Erde selbst. Es entstand vor Millionen von Jahren im All, als riesige Sterne am Ende ihres Lebens in gewaltigen Explosionen zerbarsten und dabei schwere Elemente wie Gold freisetzten.
Gold wird heute prinzipiell auf zwei Wegen gewonnen: durch Bergbau – auch Primärgold genannt – und durch Flussgold. Letzteres entsteht, wenn Gold aus Gestein durch Wasser herausgelöst und von Bächen und Flüssen weitertransportiert wird. Weil Gold sehr schwer ist, setzt es sich an Stellen mit langsamer Strömung am Flussboden ab und kann dort aus dem Sediment ausgewaschen werden.
Giftiger Abbau. Doch so sehr Gold glänzt, so schmutzig ist es mitunter. Vor allem dort, wo es illegal abgebaut wird. In und um Goldminen sind die Umweltschäden in der Regel enorm: Häufig kommen Zyanid, Quecksilber und andere Schwermetalle zum Einsatz. Sie führen zu Atemwegserkrankungen, chronischen Leiden, verseuchen das Grundwasser und gefährden sowohl die Gesundheit der Arbeiter:innen als auch der umliegenden Bevölkerung. Der Abbau erzeugt zudem große Mengen an Abraum – Material, das während des Abbaus von Rohstoffen aus einer Lagerstätte abgetragen wird. Für eine Unze Gold (ca. 31 Gramm) müssen bis zu 1.000 Tonnen Gestein bewegt werden. Die Rückstände enthalten giftige Schwermetalle und Säuren.
Für den Betrieb von Minen werden Wälder gerodet und ganze Ökosysteme vernichtet. Bodenerosion, verschmutzte Gewässer und veränderte Grundwasserströme können zu Wasserknappheit führen. Besonders im informellen bzw. kleingewerblichen Bergbau schuften Menschen zu unwürdigen Bedingungen, bis hin zu Zwangs- oder Kinderarbeit. Zwar bringt Goldabbau enorme wirtschaftliche Gewinne, doch profitieren davon meist nicht die lokalen Gemeinschaften, sondern nationale oder internationale Unternehmen.
Politisch und medial richtet sich der Fokus oft auf den artisanalen, handwerklichen Goldabbau: auf Goldschürfer:innen, die mit einfachen Mitteln arbeiten, häufig informell oder illegal. Razzien, Verbote und Militär sind die gängigen Antworten. Doch während industrielle Großminen in kürzester Zeit ganze Landschaften umformen und dabei nur wenige hochspezialisierte Arbeitsplätze schaffen, ist der handwerkliche Bergbau für Millionen Menschen eine Überlebensstrategie – insbesondere dort, wo Landwirtschaft durch Klimakrise, Dürren oder Landraub kaum mehr möglich ist.
Blut und Bestechung. Eine weitere Gefahr ist die Militarisierung von Konflikten. „Manche Unternehmen schotten ihre Minen militärisch ab“, sagt Diana Ayeh vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Sie erforscht seit 2016 die Situation in Burkina Faso, wo sich die Sicherheitslage durch Waffen aus dem Libyenkrieg und dschihadistische Gruppen drastisch verschärft hat. Trotz Entführungen, Angriffen und Anschlägen auf Konvois lohnt sich der Abbau wirtschaftlich weiterhin. Die Unternehmen reagieren mit einer „Enklavenbildung“, indem sie ihre Minen wie eine Festung schützen – ein Vorgehen, das durch hohe Goldpreise auch unter politisch und sicherheitspolitisch widrigen Umständen tragfähig bleibt.
Das globale Business ist geprägt von Korruption, Geldwäsche und Goldschmuggel. Ein Beispiel ist Uganda: Obwohl es selbst wenig Goldvorkommen hat, exportiert es tonnenweise Gold, wie etwa The Sentry, eine internationale Organisation für investigative Recherchen, aufzeigt. Sie führt das auf die Nähe des goldreichen und bürgerkriegsgeplagten Nachbarlandes Kongo zurück, das mit einem Exportverbot belegt ist. Nördlich von Uganda finanzieren sowohl die sudanesische Armee (SAF) als auch die Rebellengruppe der Rapid Support Forces (RSF) Kämpfer und Waffen aus dem Goldhandel.
Aus Ost- und Zentralafrika wird Gold überwiegend nach Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) exportiert. The Sentry listet vier zentrale Geldwäscherisiken für Gold in den VAE auf: weiterhin verbreitete große Bargeldgeschäfte, schwache Zollkontrollen für mitgeführtes Gold ohne Nachweis der Zahlung, unzureichende Aufsicht über den Gold-Souk, also den Goldmarkt in Dubai, sowie zahlreiche große Raffinerien, die keinen unabhängigen Prüfungen unterliegen. Von Dubai aus wird das Gold in die ganze Welt verkauft, auch nach Europa.
Mehr Gewissen. Weltweit formiert sich Widerstand gegen den Goldabbau, in den betroffenen Gemeinden und auch in Zusammenarbeit mit NGOs. Vielerorts zeigt das Wirkung. Die Bench-Marks Foundation in Südafrika untersucht etwa, wie der Bergbau das Leben der Menschen verändert. Bekannt wurde ihr Einsatz im Fall Xolobeni an der Wild Coast: Dort wollte ein internationales Unternehmen Titan-Erz abbauen, doch die lokal ansässige Gemeinschaft der Amadiba fürchtete um ihr Land. Bench-Marks unterstützte sie mit Recherchen und rechtlicher Beratung und übte politischen Druck aus. 2018 fällte ein südafrikanisches Gericht ein wegweisendes Urteil: Ohne die freie und informierte Zustimmung der Gemeinschaft darf keine Mine entstehen. Ein Meilenstein für lokale Landrechte.
Wie wichtig unabhängige Aufklärung ist, zeigt auch CEDIB (Centro de Documentación e Información Bolivia) in Bolivien. Die Organisation macht sichtbar, welche Spuren der Goldabbau in Flüssen, Fischbeständen und in den Körpern indigener Gemeinschaften hinterlässt. Gemeinsam mit Gesundheitsorganisationen und Forschungsteams werden Haar-, Urin- und Umweltproben analysiert, um Quecksilberbelastungen nachzuweisen.
Doch Aufklärung und Widerstand wird genauso bei den Konsument:innen und Verbraucher:innen in den Ländern des Globalen Nordens benötigt. Und auch hier gibt es Erfolge zu verzeichnen. Selbst die Kirche beginnt umzudenken: In Österreich schloss die Bischofskonferenz 2025 Gold als Neuinvestition aus. Ein symbolträchtiger Schritt, der zeigt, dass auch große Institutionen Verantwortung übernehmen können, wenn sie es wollen.
Johannes Greß und Milena Österreicher berichten über prekäre Arbeitsbedingungen, Menschenrechte, Migration, Feminismus und Umwelt. Sie sind Mitglieder des FYI-Kollektivs (fyi-kollektiv.at), ein Bündnis freier Journalist:innen, das auf kollaborativen Journalismus und faire Arbeitsbedingungen setzt.
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