Alles selbst

Ein Neujahrsvorsatz: Mehr Nachsinnen. Mehr zur Ruhe kommen. Mehr bei sich sein. Und so überlegte ich: Lieber Reporter des Wahnsinns, warum suchst du den Wahnsinn immer außerhalb von dir? Warum nicht in dir? Ist da jemand?

Ich wurde fündig: ich bin seit einiger Zeit selbstständig. Sicher bin ich tausendmal mehr sozial abgesichert als die Straßenverkäuferin in Bangkok und der Rikschafahrer in Neu-Delhi. Sicher hundertmal mehr geschützt als die Empfängerinnen der Mikrokredite. Daher will ich nicht jammern. Auch nicht über Bürokratie und Abgaben, die in Österreich eindeutig ein Wahnsinnspotenzial haben.

Betrachten wir lieber die schönen Seiten der Selbstständigkeit: Man darf sich wirklich um alles selber kümmern. Um Marketing, um die Buchhaltung und natürlich auch darum, dass genug Bier im Büro ist. Man darf darauf achten, dass die Stechuhr nicht manipuliert wird und der Gender-Beauftragte keine blöden Witze reißt. Und wenn du zu spät kommst, dann darfst du dir selber Ausreden ausdenken, die du dir aber selber glauben musst: „Ich habe ein Tief, das aus dem Mittelmeer kommt, das sich aber gegen Wochenende sicher auflösen wird.“ Damit komm ICH bei MIR schon länger nicht mehr durch. Da darf ich noch deutlich kreativer werden.

Eine besondere Herausforderung ist aber sicher die Selbstmotivation. Da werden unter Selbstständigen Tipps herumgereicht. Angeblich gibt es Leute, bei denen folgendes Mantra hilft: „Ich habe niemanden, der mir hilft, das ist so schön. Denn dadurch habe ich auch niemanden, dem ich die Schuld geben kann, wenn etwas nicht funktioniert. Das ist gut für meine Persönlichkeit, da lerne ich was dazu: dass man nicht gleich bei jedem Herzinfarkt zum Arzt laufen muss; dass man die Gemeinwohlökonomie auch alleine leben kann; dass nicht alles, was mit „Selbst“ beginnt, in einer „Selbst-Hilfegruppe“ enden muss.

Die Motivation durch andere ist nicht da. Man schwelgt in Erinnerungen und beginnt die Zeiten damals, in der Firma, zu glorifizieren. Vor allem diese gruppendynamischen Übungen, die für die Psychohygiene und das Sozialgefüge in einem größeren Betrieb irrsinnig wertvoll sind: „Jetzt schimpfen wir einmal alle auf den Chef.“ Du erkennst aber: Wenn Du das als Einzelunternehmer machst – da geht’s dir danach oft überhaupt nicht besser.

Ob die Straßenverkäuferin in Bangkok und der Rikschafahrer in Neu-Delhi auch diese gruppendynamischen Situationen kennen, mag man bezweifeln. Aber das mit der Selbstmotivation, das kennen die sicher.

Georg Bauernfeind ist Kabarettist und Publizist in Wien.
Programm und Termine auf www.georg-bauernfeind.at

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