Alles umsonst?

Wie es ist, wenn eine Flüchtlingsfamilie immer mehr im neuen Leben ankommt, und dann vor der Abschiebung steht? David Freudenthaler über eine sehr persönliche Geschichte.

Familie Karimi hat sich im Mühlviertel eingelebt.

Jedes Mal wenn ich nach Hause komme, werde ich als erstes von Shoki (9) und Shazi (7) begrüßt, die mir sofort um den Hals fallen. Die beiden sind wie meine neuen kleinen Brüder und einer der Gründe, warum ich mich immer wieder freue, heim zu kommen.

Seit nun fast zweieinhalb Jahren lebt eine fünfköpfige afghanische Flüchtlingsfamilie bei uns im Mühlviertel, die Familie Karimi. Meine Eltern haben sie im Oktober 2015 aufgenommen. Inzwischen sind sie nicht mehr nur unsere Gäste, sondern Teil unserer Familie. Der uns jetzt vielleicht wieder weggenommen wird.

Großer Schritt. Die Entscheidung, eine Flüchtlingsfamilie bei uns aufzunehmen und unser Haus mit fremden Menschen zu teilen, war ein großer Schritt und erforderte einen gewaltigen Vertrauensvorschuss. Meine Eltern haben aber sowohl ein großes Herz als auch ein relativ großes Haus. Und jeden Tag spüren wir ihre große Dankbarkeit, hier gelandet und der Bedrohung in ihrem Heimatland entronnen zu sein.

Wenn mein Bruder und ich nach Hause kommen (wir leben nicht mehr ständig im Elternhaus), kommen wir in eine Wohngemeinschaft der besonderen Art. Beim ersten Kennenlernen unserer neuen MitbewohnerInnen zeigte mir Shaffi (13), der älteste der drei Söhne, auf dem Atlas ihre Fluchtroute. Ganz nüchtern und in damals noch gebrochenem Deutsch erklärte er mir die Welt. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, die Bilder von geflüchteten Menschen aus den Nachrichten auch wirklich zu verstehen.

Angekommen. Heute, knapp zweieinhalb Jahre später, sprechen alle ganz gut Deutsch. Die Burschen gehen zur Schule. Die Eltern besuchen regelmäßig Deutschkurse: Atiqullah, der Vater der Familie, lernt gerade für seine B1-Deutschprüfung, Mutter Marzia steht kurz vor ihrer A2-Prüfung. In Afghanistan kam sie als Mädchen nie in den Genuss echter Schulbildung, jetzt lernt sie erstmals in ihrem Leben lesen und schreiben.

Marzia lebt auch abseits davon hier ein Leben, das für sie in ihrer Heimat nicht möglich gewesen wäre: Sie fährt mit dem Fahrrad einkaufen (nachdem sie hier Fahrradfahren gelernt hat), holt ihre Kinder von der Schule ab, geht alleine auf Veranstaltungen und modelte bei einer Modenschau.

Die Kinder blühen in der Schule auf: Shaffi geht in eine Neue Mittelschule und ist in vielen Fächern unter den Klassenbesten. Nach über zwei Jahren in Österreich spricht er fast perfekt Deutsch. Er möchte Arzt werden.

David Freudenthaler mit Shoki und Shazi.

Shoki und Shazi spielen im lokalen Fußballverein und sind bei den Pfadfindern. Mit ihrer Energie und Lebensfreude stecken sie jeden an, der in ihre Nähe kommt. Die Familie ist im ganzen Ort gut vernetzt, sie haben viele österreichische und afghanische Freunde.

Albtraum Abschiebung. Vor einigen Wochen kam dann der Schock: nach langem Warten trudelte der Asylbescheid ins Haus: Negativ! Gemeinsam mit der Familie haben wir Einspruch erhoben und hoffen nun auf ein positives Ergebnis in zweiter Instanz. Die Chance dafür oder auf ein humanitäres Aufenthaltsrecht besteht, aber das ist bei weitem nicht gesichert. Bekannte der Familie Karimi wurden unlängst abgeschoben. Die Angst der Familie vor einer Abschiebung ist groß.

„Ich gehe hier sicher nicht weg”, betonte Shazi und sprach damit aus, was wir alle denken: Das darf nicht sein, die Karimis müssen hier bleiben!

Entscheiden werden das aber leider andere. 

David Freudenthaler studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaft an der Universität Wien.

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