Alltag im Übergangsstadium

Im Kayah-Staat, dem kleinsten der sieben ethnischen Staaten in Myanmar, zeigt sich zaghaft eine Normalisierung.

Von Gabriele Schaumberger
Die staatlichen Krankenhäuser sind oft zu weit entfernt oder untragbar: So haben die „Mobilen Kliniken“ jede Menge Arbeit.

Internationale NGOs haben sich auf das jahrzehntelang abgeschottete Myanmar regelrecht gestürzt. So auch auf den Kayah-Staat, den kleinsten der sieben ethnischen Staaten in Myanmar.

Noch vor einem Jahr aus dem thailändischen Exil operierende Grassroots-Organisationen haben ihren Standort in die Hauptstadt des Mini-Staates verlegt. Sie können die Anfragen und Angebote internationaler Hilfsorganisationen kaum bewältigen.

Die vielen internationalen Akteure sind an strenge Auflagen der Regierung gebunden. Wer offiziell in Myanmar helfen will, wird überwacht und muss auch ein „Memorandum of Understanding“, unterzeichnen, in dem die Regierung genau festlegt, welche Art der Hilfe wo erlaubt ist.

Trotz temporärer Waffenstillstandsvereinbarungen wird in weiten Landesteilen weiter aufgerüstet. Immer wieder brechen Kämpfe zwischen den ethnischen Minderheiten und der Regierung aus (siehe Kasten).

Im Kayah-Staat – bis vor kurzem als Karenni-Staat bekannt – ist es vergleichsweise ruhig. Der Rebellengruppe -KnPP hat die Regierung da und dort ein kleines Stück Land gegeben, lässt sie am internationalen Geschäft mit den Ressourcen des Landes – vor allem Bodenschätze wie Wolfram, Blei oder Rubine – mitprofitieren. Dem Frieden traut noch keiner so recht, vor allem auf der anderen Seite der Grenze.

Ungefähr 50.000 Karenni leben seit 30 Jahren im thailändischen Exil, 22.000 von ihnen in Lagern. Obwohl unter anderem die EU und USAID Geld zur Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat zur Verfügung stellen, will kaum jemand zurück.

Die, die in ihrer Heimat geblieben oder doch zurückgekehrt sind, wünschen sich Normalität. Und haben es plötzlich mit veränderten Realitäten zu tun – den vielen internationalen NGOs, die oft in Verbindung mit wirtschaftlichen Interessen nach Loikaw, die Hauptstadt von Kayah-Staat, kommen. „Ich verstehe nicht, warum die Regierung immer noch internationale NGOs nach Loikaw schickt. Unsere Kapazitäten hier sind längst überschritten“, wundert sich Pater Albino, Leiter der Caritas Loikaw.

Die Behörden gestatten mir einen Ausflug zu einer der „Mobilen Kliniken“, die von Caritas Österreich gefördert wird. Vier Stunden dauert die Fahrt im Allradauto von Loikaw nach Daw Lar Saw. Das Dorf liegt auf einem Bergrücken, die Klinik etwas außerhalb. Die Ärzte beklagen das Fehlen von Medikamenten und Nahrungsmitteln sowie niedrige Gehälter. Durch Regierungstruppen würde man derzeit zwar nicht gestört, von einer Zusammenarbeit könne aber keine Rede sein.

Der Direktor der „Mobilen Kliniken“, ein Karenni, den alle nur Philip nennen, ist zuständig für mehr als 120 MitarbeiterInnen, die ca. 60.000 Menschen medizinisch versorgen. In den zwanzig Jahren ihres Bestehens hat die Organisation stets über die grüne Grenze von Thailand aus gearbeitet. Vor zwei Jahren noch hätte man Philip in Myanmar als Rebellen erschossen. In seinem neuen Büro fehlt es an allem. Es gibt kein Internet, keine ausgebildeten Bürokräfte, keine Fahrzeuge. „Die internationale Hilfe erreicht nur die Großstädte und leicht erreichbares Gebiet“, meint Khu Oo Reh, Generalsekretär der KnPP. „Für die Zivilbevölkerung sind kaum Veränderungen zu bemerken.“

Die Autorin ist seit fast zwanzig Jahren in der Burma-Solidarität tätig und hielt sich mehrmals zu Arbeitseinsätzen im thailändischen Grenzbereich und im heutigen Myanmar auf, zuletzt im Frühjahr dieses Jahres.
Mehr Infos unter www.burmahilfe.org

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