Alphabet

Film

Doku, Erwin Wagenhofer, DVD (2014), 90 Min.

Nach der globalisierten Nahrungsmittelindustrie („We feed the world“) und den internationalen Finanzmärkten („Let‘s make Money“) widmet sich Erwin Wagenhofer in diesem Film der Bildung. Seine Grundaussage lautet dabei: Kinder werden heutzutage systematisch daran gehindert, ihr volles Potenzial zu entfalten. Wer nur auf Leistung, Zeugnisse und gute Noten setzt, zerstört kindliche Kreativität und Wissbegierde. Und das geschieht hier in Europa genauso wie in anderen Regionen der Welt. In Wagenhofers Film wird von einem weltweiten Bildungssystem gesprochen.

Manchmal wird die Grundaussage poetisch präsentiert, wie bei der Aussage eines Experten, Yang Dongping, Professor für Pädagogik am Beijing Institute of Technology: „Kinder sind wie ein Drache, der von den Eltern und der Schule an der Schnur festgehalten wird. Wir hoffen zwar, dass er höher fliegt, aber in Wirklichkeit setzen wir alles daran, ihn zu kontrollieren.” Dann wieder wird das Motto des Filmes als Teil eines komplexen Gedankengebäudes präsentiert. Sir Ken Robinson, ein international renommierter Bildungsexperte, argumentiert wie folgt: Unser weltweites Bildungssystem schränke das Potenzial von Menschen ein, weil es vorhandene Begabungen nicht fördere und Kreativität systematisch zerstöre. Im Gegenteil: Die Hierarchie im Bildungssystem bestehe, weil es etabliert wurde, um den Bedarf der Industrie zu decken. „Nützliche“ Fächer und akademische Fähigkeiten würden gefördert, „Orchideenfächer“ wie Kunstrichtungen würden geringer bewertet. Robinson fordert einen Paradigmenwechsel, der Kreativität zum Ausgangspunkt macht.

Wagenhofers Film ist spannend. Aber: Er begibt sich kaum hinab in die Niederungen der Bildungsdebatte. Wichtige Fragen werden zwar aufgeworfen (z.B. wie könnte eine Gesellschaft aussehen, in der Kinder ihre Kreativität unbeschwert entdecken können?). Wer allerdings Antworten im Film sucht, sucht vergebens. Geliefert werden nur einzelne Beispiele, die schwer generalisierbar und zudem schon bekannt sind.

BildungsforscherInnen, ErziehungswissenschaftlerInnen, HirnforscherInnen, ManagerInnen, PädagogInnen: alle haben in „Alphabet“ etwas zu sagen. Die Betroffenen, die Kinder, kommen allerdings kaum zu Wort. Hätte ihre Sicht das Gesamtkunstwerk gestört?
Andrea Ben Lassoued

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