Altaf Tyrewala: Kein Gott in Sicht

Von Michael Schwarz
Roman. Aus dem Englischen von Katrin Rausch. Suhrkamp Verlag, Frankfurt an Main 2006, 189 Seiten,, EUR 19,80

Ja, da ist wirklich kein Gott in Sicht, dafür aber viele Menschen, die vorüberziehen und kurz aus ihrem Leben berichten. Überall kommen Alltagssorgen, soziale Nöte, religiöse Feindschaften sowie Familien- und Beziehungsprobleme zur Sprache, eben alles, was Menschen in Bombay bewegt. Es ist beim Lesen, wie wenn man durch die Straßen dieser indischen Millionenstadt zieht und 37 Menschen begegnet, die einem etwas zu erzählen haben. Man hört eine Geschichte – und schon folgt die nächste. Immer wieder muss man sich neu orientieren und sich in neue Lebensumstände hineindenken. Kaum findet man sich zurecht, geht es weiter – faszinierend, fremd, verwirrend, herausfordernd und immer tief menschlich.
Der Inhalt des Romans lässt sich nicht zusammenfassen, weil jede Person ihre eigene Geschichte ins Spiel bringt. In diesem Geschichtenmosaik lässt sich dennoch ein roter Faden finden: Es ist wie bei einem Staffellauf. In jedem Bericht wird der Stab weitergegeben, indem die nächste erzählende Person in der vorhergehenden Geschichte schon erwähnt wird. So beginnt das Buch mit der sechzehnjährigen Frau, die ihr Kind abtreiben lässt. Als nächster erzählt der Arzt, der zur großen Schande seiner Familie Abtreibungen vornimmt, gefolgt von seinem Vater, einem Schuhverkäufer, und dann vom Schuhladenbesitzer, der in die USA auswandern will. Kunstvoll endet das Buch wieder dort, wo es begonnen hatte: Der Freund der schwangeren Frau erzählt, wie er seine Freundin zum Arzt begleitet. Jetzt könnte die Geschichte wieder von vorne beginnen oder sich in einer neuen Variante weiter drehen.
Altaf Tyrwala stammt selber aus der islamischen Unterschicht aus Bombay. Verständlicherweise gehören deshalb die meisten seiner Figuren dieser Bevölkerungsgruppe an. Der junge, 1977 in Bombay geborene Autor legt mit seinem ersten ins Deutsche übersetzten Buch ein großartiges literarisches Werk von weniger als 200 Seiten vor, das sich von vielen zwar interessanten, aber nicht immer kunstvollen Wälzern anderer indischer Autorinnen und Autoren wohltuend unterscheidet. Sowohl die Sprache wie der Aufbau und die Vielschichtigkeit der Entfaltung des Themas zeugen von hohem schriftstellerischem Können.

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