Alternativen mit Zukunft

Am Alternativengipfel EU-Lateinamerika besuchten 3.500 Menschen über 70 Seminare und Plenardiskussionen. Bereits im August werden in Caracas Folgeprojekte besprochen.

Von Leo Gabriel
Enlazando Alternativas“ – Alternativen verknüpfen, kurz „EA2“ (vgl. SWM 4 und 5/06) – lief zunächst eher gemächlich an. Bei der Eröffnungsveranstaltung im Wiener Kongresshaus am 10. Mai strömten nach und nach die ankommenden TeilnehmerInnen in den großen Saal und lauschten andächtig den vorgetragenen Erklärungen jener Bezugspersonen, die während des gesamten Treffens immer wieder in Erscheinung treten sollten: Susan George von Attac-Frankreich, Blanca Chancoso, die Symbolfigur der ecuadorianischen Indígena-Bewegung, der deutsche Politologe Elmar Altvater und João Pedro Stedile von der brasilianischen Landlosenbewegung MST.
Letzterer stellte angesichts der politischen Linkswende in Südamerika die rhetorische Frage: „Was ist los mit Europa? Braucht ihr vielleicht Entwicklungshilfe? Oder haben sich die Grünen und die Sozialdemokraten hier bereits mit den Neoliberalen an der Macht arrangiert?“

Wie sehr diese provokante Frage ins Schwarze traf, stellte sich beim sorgfältig vorbereiteten „Tribunal der Völker“ heraus. Mit einer Fülle von Material und eigens zu diesem Zweck aus Lateinamerika eingeflogenen Zeugen und Sachverständigen wurden durch zwei Tage hindurch die Machenschaften europäischer Konzerne in Lateinamerika anhand von 30 Fallbeispielen aus den verschiedenen Wirtschaftssektoren untersucht. Dabei wurde bald klar, dass die Vorgangsweise, mit der die Multis heute in Lateinamerika operieren, durchaus Methode hat: Sie treten zunächst mit neuen Technologien unter dem Vorwand auf, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, kreieren aber in Wirklichkeit künstliche Bedürfnisse und kontrollieren aufgrund ihrer Vormachtstellung bald die lokalen und regionalen Märkte. Ein Beispiel von vielen ist die Zellulosefabrik, die ein finnischer und ein spanischer Konzern an der Grenze zwischen Uruguay und Argentinien aufbauen (s. SWM 6/06). Die argentinische Greenpeace-Aktivistin und Samba-Tänzerin Evangelina Carrozzo lieferte übrigens beim offiziellen Gipfel das einzige Medienspektakel, als sie im Bikini just beim Phototermin der Staatschefs mit einem Transparent auftrat, auf dem geschrieben stand: „No pulpmill pollution“ (Keine Zellstofffabrik-Verseuchung).

So vergnüglich wie diese Szene war der Alternativengipfel nicht, denn dort wurde hart gearbeitet und diskutiert: in den Plenardiskussionen zu den fünf thematischen Hauptachsen – Neoliberale Ordnung, Militarisierung und Menschenrechte, Zusammenarbeit, Integration und politischer Dialog – sowie in über 70 Seminaren. Dabei wurden Konzepte erarbeitet, mit denen in Zukunft die lateinamerikanisch-karibische und die europäische Zivilgesellschaft der Vorherrschaft der Transnationalen entgegentreten will. Das Spektrum reichte von der Ernährungssouveränität über das System des „Partizipativen Budgets“ (Beteiligungshaushalt) bis zum Entwurf des lateinamerikanischen Integrationsmodells ALBA, in dessen Mittelpunkt derzeit Venezuela, Bolivien und Kuba stehen.
Dieses „Dreigestirn“, in Wien personifiziert durch die Präsidenten Hugo Chávez und Evo Morales sowie den kubanischen Vizepräsidenten Carlos Lage, war es dann auch, das am letzten Tag des Alternativengipfels besonderes Aufsehen erregte. Während eines stimmungsvollen Kulturprogramms kamen sie auf die Bühne der bis auf den letzten Platz gefüllten Wiener Stadthalle, um zu signalisieren, dass für sie der Alternativengipfel die Hauptsache des Wiener EU-Lateinamerika-Treffens war.
Auch wenn die zweieinhalbstündige Rede des venezolanischen Präsidenten nicht wenige Sitze leerte, so enthielt sie doch auch programmatische Aussagen: „Wir sind nicht hierher gekommen, um uns bei einem folkloristischen Ereignis zu vergnügen, sondern um der Frage nachzugehen, wie diese neue Allianz zwischen Regierungen und Zivilgesellschaft durch die Ausarbeitung konkreter Projekte besiegelt werden könnte.“
Gesagt, getan: Noch im August dieses Jahres wird in Caracas ein Treffen von VertreterInnen der wichtigsten lateinamerikanischen und europäischen Netzwerke stattfinden, bei dem konkrete Projekte diskutiert werden, in denen die Netzwerke selbst als AkteurInnen eines neuartigen, solidarwirtschaftlichen Marktgeflechts auftreten sollen. Das politische Projekt „Enlazando Alternativas“, das so viele Menschen aus so unterschiedlichen Kulturen in Wien zusammengeführt hat, wird also weitergehen.

Leo Gabriel ist Journalist und Anthropologe. Er war Mitorganisator des Alternativengipfels.

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