Am Anfang war die Wut

Die in Köln ansässige Frauen-Hilfsorganisation „medica mondiale“ kümmert sich weltweit um traumatisierte Frauen in Kriegs- und Krisengebieten. Heute etwa in Afghanistan und im Irak.

Von Christine Losso
Nicht aufhören, anzufangen.“ Unter diesem Motto hat die Organisation „medica mondiale“ im April 2003 ihr zehnjähriges Jubiläum mit einer Benefizgala in Köln gefeiert. Dort lebt und arbeitet die 43-jährige, aus Laas in Südtirol stammende Frauenärztin Monika Hauser seit vielen Jahren. Zehn kämpferische, arbeitsame und intensive Jahre in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt liegen hinter ihr und ihren Mitarbeiterinnen, die als einzige Organisation dieser Art weltweit tätig ist.
Die Anfänge waren hart. 1993, als der Bosnienkrieg tobte, hatte sich die Gynäkologin spontan entschlossen, dorthin zu fahren, um die Situation im Krisengebiet hautnah zu erleben. Als Frauenärztin war Hauser sofort klar geworden, dass es in Bosnien sehr, sehr viele Frauen gibt, die Vergewaltigungen erlebt hatten und keine Hilfe angeboten bekamen. Zurück in Deutschland, hielt Hauser es nicht mehr aus. „Am Anfang war einfach nur die Wut“, resümiert sie; und weil es sonst niemanden gab, musste sie selbst aktiv werden.
Binnen kürzester Zeit brachte sie mit Freundinnen beim Hilfsfonds „Mona Lisa“ eine Viertelmillion DM auf. In einer rasch auf die Beine gestellten Aktion konnten notwendige Materialien organisiert werden. Insgesamt kamen acht Tonnen an Hilfsgütern zusammen, dann ging es ab ins Kriegsgebiet. „Es war eine verrückte Fahrt, und unser Fahrer war verrückter als alle anderen, doch nur so ist es uns gelungen, als Letzte überhaupt hineinzukommen“, erinnert sich Hauser. Hinter ihnen wurden die Grenzen dichtgemacht. Doch sie waren drin, „medica zenica“ und bald darauf „medica mondiale“ waren geboren.

Seither sind zehn Jahre vergangen. Heute ist die Organisation mit weltweit 140 Mitarbeiterinnen die einzige, die sich interdisziplinär um kriegstraumatisierte Frauen kümmert. „Dieses schreckliche Tabu muss gebrochen, den Frauen muss ein menschenwürdiges Leben auch nach dem Krieg ermöglicht werden“, sagt Monika Hauser. Im März 2003 hielt sich Monika Hauser wieder in Afghanistan auf, begleitet von der deutschen Fernsehjournalistin Bettina Böttinger. Gemeinsam mit der Frauenrechtsaktivistin Rachel Wareham, die seit anderthalb Jahren für „medica mondiale“ in Kabul arbeitet, haben die Frauen das Gefängnis Kabul Welayat besucht. Es besteht lediglich aus einer baufälligen Baracke. „Dort sind Frauen und Mädchen, teilweise mit ihren Kindern, inhaftiert“, erzählen Wareham, Böttinger und Hauser. „Einige sind konkreter Verbrechen beschuldigt, andere sitzen in Untersuchungshaft – und eine große Anzahl von ihnen sind selbst Opfer von Gewalt und wegen der Flucht aus Gewaltbeziehungen oder nach Zwangsverheiratung des ‚Ehebruches‘ angeklagt. Die meisten haben gegen Regeln ‚verstoßen‘, die laut internationalen Menschenrechtskonventionen gar keine Regelverstöße darstellen. Die afghanische Regierung hat diese Konventionen zwar unterzeichnet, doch das traditionelle Feudalrecht bricht nach wie vor das individuelle Menschenrecht der Frauen.“
Die Frauen benötigen eine angemessene juristische Betreuung, Grundlagen für einen fairen Prozess, und das juristische Verfahren muss dringend internationalen Menschenrechts-Standards angepasst werden.

Auch im Irak ist „medica mondiale“ schon seit geraumer Zeit im Einsatz: „Im Prinzip tobt dort der Krieg seit 30 Jahren. Unter dem Terrorregime von Saddam Hussein wurden Frauen in den Gefängnissen schon immer vergewaltigt, vor allem kurdische Frauen“, berichtet Hauser. Ihre Organisation hat sich auf Suleymaniah und Neu-Kirkuk im Nordirak konzentriert. Hauser: „Auch wenn ein großer Teil der irakischen Städte von den ‚Koalitions-Streitkräften‘ eingenommen ist – für die Frauen und Kinder ist der Krieg lange noch nicht vorbei.“
Mobile Einsatzteams, die aus einheimischen Fachfrauen zusammengestellt sind, betreuen die Frauen medizinisch, psychologisch und sozial. Nicht zuletzt wird die Hilfe bei der Suche nach vermissten Familienangehörigen im Nachkriegs-Irak eine weitere Aufgabe der Einsatzteams sein. Zusammen mit der NGO „Centre for Women in Distress“ betreibt „medica mondiale“ seit sechs Jahren ein Frauenzentrum mit Beratungsstelle und Frauenhaus, das bis zu 18 Frauen mit Kindern aufnehmen kann. Aktuell bemühen sie sich verstärkt um eine schnelle humanitäre Hilfe für irakische Flüchtlingsfrauen. Langfristiges Ziel ist, Frauen an einem demokratischen und föderalistischen Irak zu beteiligen. „Wir unterstützen diesen Aufruf. Denn: Eine Demokratie ohne Frauenrechte ist keine Demokratie“, so Hauser.

Die Autorin ist Aktivistin verschiedener Hilfsorganisationen in Südtirol, etwa für behinderte Kinder in Indien und Straßenkinder in Rumänien, und lebt als freiberufliche Journalistin und Autorin bei Meran. Kürzlich erschien ihr Buch ?Verkaufte Liebe ? Tag

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