Am besten stapelweise

Man kann nie zu viele Bücher haben, besonders im Urlaub. Meint der Buchhändler unseres Vertrauens Rudi Lindorfer.

Von Rudi Lindorfer
Da gieren in Nordafrika Sahauri-Frauen in der sengenden Sonne nach Literatur für ihre Bücherei (Bericht von Stefanie Wukowitsch, Mai 2003) und werden dabei von ihrer Regierung unterstützt, während bei uns ungeniert die Budgets (auch) für wissenschaftliche und Universitäts-Bibliotheken gekürzt werden. Herrscht da ein Denken vor, dass es da eh schon genug Bücher gibt? Wenn PolitikerInnen nicht lesen bzw. nicht zuhören und nur auf Zahlen fixiert sind, wen wundert es da, dass im nächsten Schuljahr in der Oberstufe sogar Deutschstunden gestrichen werden können, schulautonom selbstverständlich!? Da wird, zu Recht, vor dem „neuen“ (was sich nur auf Europa und Nordamerika beziehen kann) Analphabetismus gewarnt, da wird uns immer wieder gepredigt, wie wichtig Weiterbildung sei, aber wie bitte, kann es ohne (Schul)bildung weitergehen?
Die Urlaubsfreude leidet sicher darunter. Denn was macht mensch, wenn er seine Urlaubsbücher nur nach dem Titelbild beurteilen kann, weil sich ihm der Inhalt verschließt? Greift er wirklich zu einem Hörbuch? Für folgende Lesevergnügen gäbe es ein solches auch gar nicht.

Erfrischend lebendig, durchzogen mit witzigen Momentaufnahmen und liebevollen Charaktären ist Mongo Betis Roman „Besuch in Kala oder Wie ich eine Braut einfing“. Der Ich-Erzähler, soeben bei der Matura durchgesaust, wird mit einem heiklen Familien-Auftrag in ein Dorf gesandt. Bislang bestand das Leben Medzas nur aus Pflichten und aus Angst vor seinem Vater, der ihn streng und zur europäischen Kultur hin erzieht. In Kala lernt er Leute kennen, die ihn herzlich aufnehmen, ihn respektieren und die das Dasein und die Liebe leicht nehmen – doch geheiratet muss trotzdem sein.
Zum Heiraten kommt Sherlock Holmes auch in Rio nicht, trotz glutäugiger Schönheiten und obwohl er mit den abgründigen Geheimnissen der exotischen Küche und afrobrasilianischer Riten Bekanntschaft macht. Über die Vermittlung seiner „lieben Freundin“, der göttlichen Sarah Bernhard, bekommt der Meisterdetektiv einen delikaten Auftrag mit höchster Geheimhaltungsstufe, ist doch die Geliebte Dom Pedros involviert. Jô Soares inszeniert vor dem realen, grellbunten Hintergrund des Brasiliens der Kaiserzeit einen spritzigen Krimi mit makabren Morden und schrieb doch einen heiter-ironischen Roman, der nicht mit „Ganz einfach, Watson“ endet.

Schwer zu lösen ist für Esmail „Die geheime Schrift“ seines Vaters Agha Akbar, eines taubstummen Analphabeten, der ihm sein in einer Art Keilschrift geschriebenes Tagebuch mit ins Exil gegeben hat. Der unter Pseudonym in den Niederlanden lebende Kader Abdolah erzählt in diesem eindrucksvollen Roman quasi die Geschichte Persiens im letzten Jahrhundert anhand der Vater-Sohn-Beziehung; er erzählt von Armut, Abhängigkeit und erwachendem politischen Mut, von Analphabetismus und der Leidenschaft für Geschichten – und diese Leidenschaft springt beim Lesen über.
Die Höhen und Tiefen des Gefühlslebens lässt uns Jonathan Safran Foer in seinem autobiografischen Roman „Alles ist erleuchtet“ durchleben und -leiden – und uns dabei, als Meister der Situationskomik und des Sprachwitzes (und hier sei auch dem Übersetzer Dirk van Gunsteren höchstes Lob gezollt), jede Menge (Lese-)Spaß haben. Ein junger Jude macht sich in die Ukraine auf, um die Frau zu finden, die seinem Großvater während der Nazi-Zeit das Leben rettete. Er freundet sich mit des Reisebürobesitzers Sohn an. Dieser, weil englisch sprechend, fungiert als Reiseführer, während der „blinde“ Großvater mit seinem „Blindenhund“ Sammy Davis Junior (allerdings ist er ein Weibchen, die einen Blinden nur führen kann, indem er ihrem Geruch folgt) den Chauffeur gibt. Und ihm erzählt er auch die Geschichte seiner Familie – in Romanform. Ein zu recht vielgelobter Roman, der auch einige Kritik einstecken musste, was bei der Brisanz des Themas nicht verwundert.

Für den Urlaub zu Hause eignen sich zwei Titel besonders. Karen Kingstons „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“ wurde mir von meiner Kollegin empfohlen – was nicht heißt, dass in unserer Buchhandlung Unordnung herrscht.
In meiner Wohnung stapeln sich die Bücher. Ich meine, es ist schon in Ordnung, wenn man Ballast, also wirkliches Gerümpel, das man nie braucht, ab- bzw. wegwirft. Dazu gibt das Buch wirklich gute Ratschläge – egal ob man dann fühlt, wie die Energie frei durch die Räume fließt oder nur merkt, dass man durch einen Raum auch eine gerade Linie gehen kann; aber wie könnten ein paar Bücherstapel Energie aufhalten? – im Gegenteil, behaupte ich. Erstens brauche ich den Überblick über die noch nicht gelesen Bücher und: man kann doch nicht ein begeisterndes Buch, nur weil es gelesen ist, einfach und sofort wegstellen.
Das Schöne an Büchern ist, dass sie nicht nur Seiten haben, sondern dass es immer auch „die andere Seite“ in Buchform gibt. Zu Karen Kingston etwa Axel Braigs „Warum es sich lohnt, faul, unpünktlich und unordentlich zu sein – Das Buch der Tugendlosigkeit“ (ein Wort übrigens, das im Rechtschreibprogramm von „Word“ nicht vorkommt). Wer nun meint, im „Buch der Tugendlosigkeit“ Argumente zur Formulierung von Entschuldigungen für seine Faulheit zu finden, wird enttäuscht sein – es räumt nämlich (auch) auf mit dem, was uns der angeblich gesunde Menschenverstand lehrt. So ist z. B. in unserer Welt das Lob des Egoismus verpönt. Das gemeine Volk soll seine Einzelinteressen dem Wohl der Gemeinschaft unterordnen. Doch in der Wirtschaft ist egoistisches Handeln durchaus salonfähig. Davon einmal abgesehen: Wenn wir schauen, wohin das Ordentlichsein und die Ordnung geführt haben (s. u. a. „ordentliche Beschäftigungspolitik“, „Ordnungsmacht“, „neue Weltordnung“) – dann wird klar: lieber noch ein paar Bücherstapel mehr. Dann legen wir das Feng Shui Buch unter einen solchen, lehnen uns zurück und beginnen zu lesen ...


Mongo Beti: Besuch in Kala oder Wie ich eine Braut einfing. P. Hammer Verlag, Wuppertal 2003, 229 S.,
€ 18,40
Jô Soares: Sherlock Holmes in Rio. Diana, München 2002, 317 S., 1 10,30
Kader Abdolah: Die geheime Schrift. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, 368 S.,
€ 23,20
Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, 383 S., 1 23,60
Karen Kingston: Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags. Rowohlt, Reinbek 2003, 140 S., € 10,20
Axel Braig: Warum es sich lohnt, faul, unpünktlich und unordentlich zu sein. Argon, Berlin 2003, 224 S., € 18,-

Rudi Lindorfer ist Buchhändler von Südwind Buchwelt in Wien.

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