Am Rande Europas

Wie die Republik Moldau zwischen Moskau und Brüssel hin- und hergerissen wird, beschreibt Ralf Leonhard.

Die Großmutter als Elternersatz: Viele Junge – darunter auch Mütter – suchen im Ausland bessere Verdienstmöglichkeiten.© B. Kaufmann / CONCORDIA

Die Statue mit erhobenem Kreuz des Ştefan cel Mare, Stefan des Großen (gestorben 1504), mitten in der Hauptstadt Chişinău, erinnert an glorreiche Zeiten: Das Fürstentum Moldau war einst ein mächtiges Reich, das dem Ansturm der Osmanen, der Tataren und der Ungarn trotzte. Der mittelalterliche Herrscher, Woiwode genannt, der über 40 Kirchen und Klöster erbauen und sich vom Papst als Verteidiger des Glaubens ehren ließ, gilt den Menschen in Rumänien und Moldau als Nationalheld.

Heute ist die Republik Moldau, die seit 1991 besteht, ein kleines Land am Rande Europas, das in den Statistiken als ärmstes auf dem Kontinent geführt wird. Wenn man die Hauptstadt Chişinău mit ihren eleganten Geschäften und den hell erleuchteten Boulevards verlässt, landet man schon sehr bald auf unbefestigten Straßen. Hier sind die einspännigen Pferdewagen noch gängiges Transportmittel, allenfalls ersetzt durch Mini-Traktoren mit wenigen Pferdestärken. „Die müssen wir im Winter nicht durchfüttern“, scherzt ein Bauer im Dorf Ghetlova.

Die Distanz zur asphaltierten Straße nach Chişinău und zur Bezirkshauptstadt Orhei ist mit rund 17 Kilometern etwa gleich groß. Und es ist jedenfalls zu weit für den Transport von Agrarprodukten zu wettbewerbsfähigen Preisen. Kein Wunder, dass die Jungen wegziehen und die EinwohnerInnenzahl schrumpft.

Milliardenbetrug. Die Stadt Orhei erlangte landesweite Berühmtheit, weil deren Bürgermeister Ilon Sor für einen Milliardenbetrug verurteilt wurde. Drei Milliarden US-Dollar – das sind zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts – wurden 2012 aus den großen Banken abgezockt. Ein von unabhängigen ExpertInnen erstellter Bericht hat die mutmaßlichen AkteurInnen beim Namen genannt. „Ohne Mitwisserschaft der Politik wäre das nicht möglich gewesen“, sagt die Oppositionspolitikerin Maia Sandu, für die die gesamte Regierung wegen dieses Skandals rücktrittsreif ist. Die ehemalige Bildungsministerin hat die Mitte-Rechts-Partei für Solidarität und Aktion gegründet und setzt sich für saubere Politik ein.

Angst vor Putin. Präsident Igor Dodon hatte vergangenes Jahr die Regierung monatelang gelähmt, weil er sich weigerte, den von Premier Pavel Filip vorgeschlagenen Verteidigungsminister Eugen Sturza anzugeloben. „Dodon wollte einen russlandfreundlichen Mann, um Präsident Wladimir Putin nicht zu verärgern“, sagt der Historiker Resul Schewtschenko. Der Minister wurde schließlich vom Parlament vereidigt, was verfassungsrechtlich umstritten ist. Da auch der Präsident vom Parlament gewählt wird, hat der Premier die besseren Karten. „Jedesmal, wenn Moldau Klarheit und Würde zeigt, nehmen die Probleme mit Russland zu“, sagte Premier Pavel Filip in einem privaten TV-Kanal zu Neujahr 2018: „Ich weiß nicht, warum.“

Der Streit um den Verteidigungsminister legt das Dilemma des jungen Staates offen, der zwischen der Europäischen Union und dem offensiv auftretenden Russland hin- und hergerissen ist.

Noch vor einer Generation war das Land als Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der UdSSR. Ein Teil der Bevölkerung spricht Russisch als Muttersprache, viele, vor allem wenig gebildete Männer, finden Arbeit in Russland.

Und der östliche Landesteil hat sich als Transnistrien gleich nach der Unabhängigkeit in einem blutigen Konflikt losgelöst. Zwar wird diese Republik nicht einmal von Russland anerkannt, doch sind die Aussichten auf eine Wiedervereingung mit dem rumänisch geprägten Mutterland gering.

So halten in Moldau nur 15 bis 20 Prozent einen NATO-Beitritt für eine gute Idee. Auch die Partei, die eine Vereinigung mit Rumänien anstrebt, hat nur bescheidenen Zulauf.

Der Vielvölkerstaat Moldau, wo auch Ukrainer, Bulgaren und die turkstämmige christliche Minderheit der Gagausen lebt, muss sich wohl darauf einrichten, noch viele Jahre seinen eigenen Weg zu suchen. Die kollektive Erinnerung an die einstige Größe des Reiches kann helfen, die von vielen PolitikerInnen und HistorikerInnenn konstatierte Identitätskrise zu überwinden.

Ralf Leonhard ist freier Autor und schreibt seit über 35 Jahren für das Südwind-Magazin.

Die Reise nach Moldau erfolgte auf Einladung der Privatstiftung Concordia. www.concordia.or.at

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