Amerika: Mit Sicherheit in unsichere Zeiten

Von Tobias Lambert · · 2026/Mai-Jun
© APA-Images / AFP / Tomas Cuesta

Die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA benennt es offen: Washington will die politische und wirtschaftliche Dominanz ganz Amerikas. Der Angriff auf Venezuela im Jänner dieses Jahres war nur der Auftakt zu einer imperialistischen Neuausrichtung der US-Außenpolitik. Eine Analyse.

Erstmals seit 37 Jahren intervenieren die USA wieder eigenmächtig militärisch in Amerika. Damals, im Dezember 1989, marschierten US-Truppen in Panama ein, um den unbequem gewordenen Ex-Verbündeten General Manuel Noriega zu stürzen und festzunehmen. Schon davor war die Liste der militärischen Interventionen Washingtons lang. Und sie wird länger.

© SWM

Dass Donald Trumps zweite Amtszeit turbulent werden würde, zeichnete sich früh ab: Kaum angelobt, begann der US-Präsident Nachbarländer in Zoll- und Migrationsfragen zu erpressen, den chinesischen Einfluss am Panamakanal mittels Drohungen zurückzudrängen und territoriale „Ansprüche“ auf Kanada und Grönland anzumelden.

In der Anfang Dezember 2025 veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie findet die US-Regierung deutliche Worte dafür, dass sie in ihrer direkten Nachbarschaft nicht weniger als die politische Dominanz anstrebt. „Nach Jahren der Vernachlässigung werden die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin wieder geltend machen und durchsetzen, um die Vorrangstellung Amerikas in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen“, heißt es im Kapitel über Lateinamerika.

Migrations- und Drogenflüsse sollen über „befreundete“ Regierungen gestoppt werden, letztere „einschließlich der Anwendung tödlicher Gewalt, wo dies notwendig ist.“ Dazu will Washington die „strategischen Rohstoffe“ des Kontinents „gemeinsam mit regionalen Verbündeten erschließen“ und internationale Konkurrenten aus der Hemisphäre fernhalten.

Mexiko

Hauptstadt: Mexiko-Stadt
Fläche: 1,97 Millionen km2 (23-mal so groß wie Österreich, ca. halb so groß wie die EU)
Einwohner:innen: 130,8 Millionen (2024)
Human Development Index (HDI): Rang 81 von 193 (2023)
BIP pro Kopf: 14.185,8 US-Dollar (2024, Österreich: 56.833,2 US-Dollar)
Regierungssystem: Präsidentielle Demokratie, Staats- und Regierungschefin ist Claudia Sheinbaum seit Oktober 2024.

Trumps Fokus: Mit Mexiko teilen sich die USA eine mehr als 3.000 Kilometer lange Grenze. Trumps Hauptinteressen beziehen sich auf die Bekämpfung von Drogenhandel und Migration.

Klare Ansage. Bereits seit der zweiten Jahreshälfte 2025 wurde Trumps Politik gegenüber Amerika südlich der USA militärisch. Ab August vergangenen Jahres schickten die USA unter dem Deckmantel der Drogenbekämpfung tausende Soldat:innen in die südliche Karibik. Bis Ende 2025 versenkten sie völkerrechtswidrig mehr als 30 angebliche „Drogenboote“ und töteten dabei über 100 Menschen.

Vordergründig richtete sich das militärische Aufgebot gegen Venezuelas autoritär regierenden Präsidenten Nicolás Maduro, dem Washington ohne Belege vorwarf, tief in den Drogenhandel verstrickt zu sein. Dabei ist Venezuela für den Drogenschmuggel in Richtung USA weit weniger relevant als die Routen über den Pazifik oder den zentralamerikanischen Landkorridor. Schon in seiner ersten Amtszeit hatte Trump versucht, mittels Wirtschaftssanktionen das venezolanische Militär dazu zu bringen, Maduro abzusetzen. Am 3. Jänner 2026 griff er an. Die USA entführten Maduro, verschleppten ihn nach New York. Was seither folgte, weckt Erinnerungen an den Kalten Krieg. Fest steht: Donald Trumps Imperialismus endet nicht in Venezuela.

Kuba

Hauptstadt: Havanna
Fläche: 109.884 Millionen km2 (um ein Drittel größer als Österreich, flächenmäßig die größte Insel der Antillen)
Einwohner:innen: 9,7 Millionen (2024)
Human Development Index (HDI): Rang 97 von 193
BIP pro Kopf: 9.605,3 US-Dollar (2020 letzte Erhebung des IWF/Weltbank)
Regierungssystem: Realsozialistische Republik mit Einparteiendiktatur. Staatspräsident und Erster Sekretär der Kommunistischen Partei Kubas ist Miguel Díaz-Canel, Regierungschef und Vorsitzender des Ministerrates Manuel Marrero Cruz.

Trumps Fokus: Er will der erste US-Präsident sein, der nach der Revolution von 1959 einen Politikwechsel auf der Karibikinsel bewirkt.

Monroe-Doktrin. Die neue Ausrichtung wird offen als „Trump-Zusatz“ zur Monroe-Doktrin bezeichnet, mit der die USA in den vergangenen 200 Jahren zahlreiche Interventionen in amerikanischen Ländern südlich der US-Grenze rechtfertigten. Im Dezember 1823 hatte der damalige US-Präsident James Monroe vor dem Kongress erklärt, die europäischen Kolonialmächte sollten sich nicht mehr in die Angelegenheiten der neu entstehenden Staaten auf dem amerikanischen Kontinent einmischen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts nahmen die USA mit Bezug auf die Doktrin in unterschiedlichen Phasen das Recht in Anspruch, ihre Interessen im „Hinterhof“ – „Backyard“, wie sie die Region nannten – rigoros durchzusetzen. Mit dem Ende des Kalten Krieges schien die Monroe-Doktrin an Relevanz zu verlieren. Ihre Interessen setzten die USA fortan in den 1990er Jahren vor allem mittels internationaler Organisationen wie der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds sowie Freihandelsverträgen durch. Der außenpolitische Fokus verschob sich zudem auf andere Weltregionen, wie etwa den Nahen Osten.

Der Widerstand sozialer Bewegungen und die Wahl linker Regierungen in Ländern wie Venezuela, Brasilien und Argentinien verpassten der US-amerikanischen Hegemonie in den 2000er Jahren einen Dämpfer. 2013 wollte der damalige US-Außenminister John Kerry die Monroe-Doktrin laut eigenen Angaben beerdigen. Die erste Trump-Regierung bezog sich aber wieder offensiv darauf. Mittlerweile spricht der US-Präsident in Anlehnung an seinen Vornamen selbst von der „Donroe-Doktrin“ – ein Begriff, den die konservative Tageszeitung The New York Post Anfang 2025 in die Welt setzte.

Seither werden Völkerrechtsverstöße unverblümt imperialistisch mit Eigeninteresse begründet. Die Hemmschwelle für die Anwendung von Gewalt in zwischenstaatlichen Beziehungen droht damit weiter abzusinken.

Venezuela

Hauptstadt: Caracas
Fläche: 912.050 km2 (fast 11-mal so groß wie Österreich)
Einwohner:innen: 28,6 Millionen (Schätzung für 2025)
Human Development Index (HDI): Rang 121 von 193
BIP pro Kopf: 4.217,6 US-Dollar
Regierungssystem: De jure: föderale präsidentielle Republik, mit Staats-und Regierungschef Nicolás Maduro. De facto: Seit 5. Jänner 2026 führt Delcy Rodríguez kommissarisch die Regierungsgeschäfte.

Trumps Fokus: Vor allem der Zugang zu den reichhaltigen Vorkommen an Erdöl und anderen Rohstoffen.

Allianzen schmieden. Für die Zukunft ist dies brandgefährlich. Der Kontinent ist politisch gespalten: Staaten mit linksgerichteten Regierungen wie Mexiko, Kuba, Kolumbien und Brasilien kritisieren den US-Kurs. Rechte Präsidenten wie Javier Milei in Argentinien oder José Antonio Kast in Chile hingegen gelten als Trump-Anhänger und begrüßen die US-Aggression. Sie erhoffen sich Investitionen und Kredite aus den USA. Anfang März versammelte der US-Präsident die Staats- und Regierungschefs der rechts regierten Länder in sein Golfressort in Florida, um die neue Trump-Allianz „Schild der Amerikas“ zu gründen. Inhaltlich stand vor allem eine Kooperation bei der Bekämpfung von Drogenkartellen im Vordergrund. Ob dieses rein ideologisch begründete Bündnis lange Bestand haben wird, darf bezweifelt werden. Doch Trump kann dadurch einmal mehr seine angestrebte Führungsrolle in der Region unter Beweis stellen.

China und Russland äußern sich zwar ablehnend, was Trumps Strategie in Amerika betrifft, halten sich ansonsten aber zurück. Und das obwohl sie sich zum Teil direkt gegen die wirtschaftlichen Interessen Chinas richtet, das seinen Einfluss in Amerika südlich der USA über Handelsbeziehungen und Infrastrukturprojekte in den vergangenen 25 Jahren erheblich ausbauen konnte.

In punkto zukunftsgerichteter Technologien, wie Elektromotoren oder erneuerbarer Energien, ist das Rennen längst zugunsten Chinas entschieden. Aufgrund der engen Verflechtung der Handelsbeziehungen scheinen sich die USA jetzt mit militärischer Macht an die fossilen Rohstoffe zu klammern.

Gleichzeitig geht es Trump auch darum, jegliche Ansätze souveräner Politik in den anderen amerikanischen Staaten südlich der USA zu unterbinden und lokale Verbündete wie die Präsidenten Nayib Bukele in El Salvador oder Daniel Noboa in Ecuador zu stützen. Letzterem haben die USA Anfang März versprochen die nationalen Streitkräfte bei der Planung und Durchführung von Operationen gegen die Drogenkartelle zu unterstützen. Noboas Aussagen zufolge nur im eigenen Land. Mitte März aber führte Ecuador eine Militäroperation in der Grenzregion zu Kolumbien durch. Die Beziehungen zwischen der rechten Regierung in Ecuador und Kolumbiens linkem Präsidenten Gustavo Petro sind seit Monaten angespannt.

Kolumbien

Hauptstadt: Bogotá
Fläche: 1,14 Millionen km2 (fast 14 mal so groß wie Österreich)
Einwohner:innen: 53,9 Millionen (2024)
Human Development Index (HDI): Rang 83 von 193
BIP pro Kopf: 7.919,2 US-Dollar
Regierungssystem: Präsidentielle Demokratie, Staats- und Regierungschef ist seit August 2022 Gustavo Petro. Am 31. Mai wird neu gewählt.

Trumps Fokus: Kolumbien war jahrzehntelang einer der engsten US-Verbündeten in der Region. Nach der diesjährigen Wahl soll das wieder so sein.

Widerstand ist möglich. Trump bringt sich an vielen Fronten in Stellung. Über eine Mischung aus Drohungen sowie Kreditzusagen mischt er sich aktiv in Wahlkämpfe ein. Nach der kürzlichen Abwahl der linken Regierungen in Bolivien, Honduras und Chile stehen dieses Jahr unter anderem in Kolumbien und Brasilien Präsidentschaftswahlen an. Zudem will Trump Kuba durch wirtschaftlichen Druck in die Knie zwingen. Parallel zum Iran-Krieg, der Trump anders als die Situation in Venezuela im April völlig zu entgleiten schien, strebt die US-Regierung auf der Karibikinsel einen Regierungs- oder Politikwechsel an.

Doch es geht auch besser: Mitte vergangenen Jahres war Trump damit gescheitert, durch die Verhängung von Strafzöllen den Prozess gegen den rechtsextremen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro zu beeinflussen. Nachdem dieser aufgrund eines Putschversuches zu einer 27-jährigen Haftstrafe verurteilt wurde, zog Trump die Zölle überwiegend zurück. Auch wenn Brasilien aufgrund seiner Größe mehr Gewicht hat als andere Länder: Das Beispiel zeigt, dass Widerstand gegen Trumps Erpressungsversuche keineswegs aussichtslos ist.

Tobias Lambert arbeitet seit vielen Jahren zu Venezuela und Lateinamerika. Im Jahr 2024 erschien von ihm im Mandelbaum Verlag „Gescheiterte Utopie? Venezuela ein Jahrzehnt nach Hugo Chávez“. Derzeit schreibt er ein Buch über die Beziehungen zwischen den USA und ihren südlichen Nachbarländern.

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