Andreas J. Obrecht: Der König von Ozeanien

Von Harald A. Friedl
Brandes&Apsel, Frankfurt/M.,2006, 510 Seiten, mit SW-Bildern, EUR 29,-

Wo liegt das Paradies? Wo – jenseits des ungerechten, dekadenten Europa – lässt
sich noch eine freie, bessere, gütigere Welt entdecken und „entwickeln“? Gegen Ende des 19. Jahrhunderts glaubten verarmte Bauern und reiche Spekulanten leidenschaftlich an die Möglichkeit einer solchen Kolonie des Glücks.
Marquis de Ray, bretonischer Adeliger und Abenteurer, missbraucht diese naive Sehnsucht nach einer besseren Welt. Als „König Charles I. von Ozeanien“ propagiert er die Erschließung einer Südseeinsel als visionäres Projekt, die egalitäre Kolonie „La Nouvelle France“. Hunderte Kolonisten wagen dieses Unternehmen – und kommen durch Hunger, Erschöpfung und Malaria um, denn das Paradies ist anderswo. Der „König von Ozeanien“, zynischer Architekt dieses Komplotts, landet nach Umwegen im Kerker. Indes sucht sein betrogener Weggefährte André Prevost zwischen dem Hafen von Singapur und den Bordellen Londons vergeblich nach Rache und nach dem verschollenen Vermögen der Anleger.
Erzählt aus Sicht des tragischen Helden André Prevost, basiert die Geschichte auf historischen Tatsachen. Dabei gelingt dem Autor eine Synthese aus historischem Abenteuerroman, sensiblem Entwicklungsroman und psychologischem Krimi. Im Lesefluss erinnert die Geschichte an Boyles „Wassermusik“ und Houellebecqs „Plattform“ gleichermaßen wie an Defoes „Robinson Crusoe“ und Dumas „Graf von Monte Cristo“. Zwischen den flüssig geschriebenen Zeilen beißt satirischer Spott nach der menschenverachtenden Kolonialpolitik des 19. Jahrhunderts. Zugleich wird die Unfähigkeit der Menschen im Umgang mit der Fremde sensibel beleuchtet als große, unstillbare Sehnsucht. Letztlich erzählt der Roman von den historischen Wurzeln des postmodernen Tourismus, jener ewigen Suche nach dem Paradies. Als sei die Wirklichkeit zu unerträglich.
Andreas Obrecht ist Soziologe, Anthropologe und Entwicklungs-Consulter, Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher und literarischer Werke über fremde Kulturen und die Begegnung mit ihnen.


Gelegenheit, dem „König von Ozeanien“ mit der Stimme des Autors und Radio-Sprechers Andreas Obrecht zu lauschen, bietet sich am „Südwind Buchfest“ am 14. 11. 2006 ab 19 h im „Weltcafé“ in der Schwarzspanierstr 15, 1090 Wien.

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