Angriff aufs gelbe Korn

Genveränderter Mais in Mexiko, dem Ursprungsland der Kulturpflanze? Der Widerstand dagegen, getragen von Gemeinden und nichtstaatlichen Organisationen, scheint zu wirken.

Von Gerold Schmidt
„Zapata würde den Mais verteidigen“, heißt es auf dem Transparent bei einer Demo gegen Genmais.

Nirgendwo auf der Welt ist die genetische Vielfalt von Mais so groß wie in Mexiko. Seit mindestens 6.000 Jahren entwickeln die Menschen den Mais in seinem Ursprungszentrum weiter. Gezüchtet aus dem Wildgras Teosinte gibt es in Mexiko mindestens 59 so genannte Landrassen mit hunderten Varietäten. Die „Pflanze der Götter“ ist nach wie vor das wichtigste Nahrungsmittel.

Doch seit Längerem versuchen internationale Biotech-Konzerne, allen voran Monsanto, Genmais in Mexiko durchzusetzen. Dabei kamen sie auch Schritt für Schritt voran. Bereits 2005 verabschiedete die mexikanische Regierung unter dem Präsidenten Vicente Fox ein Gesetz über Biosicherheit und gentechnisch veränderte Organismen. Im Volksmund heißt das Regelwerk aufgrund der Formulierungshilfe aus der Rechtsabteilung des Unternehmens bis heute Monsanto-Gesetz. Im Jahr 2009 hob die Regierung unter Präsident Felipe Calderón dann trotz weitreichender Proteste das seit 1998 geltende Moratorium für Genmaispflanzungen in Mexiko auf. Damit schaffte sie die Voraussetzung für die danach folgenden systematischen Genehmigungen für den kleinflächigen experimentellen sowie den so genannten Pilotanbau von Genmais.

Im September 2012 beantragten die Konzerne Monsanto, DuPont-Pioneer und Dow dann erstmals die Genehmigung für die kommerzielle Aussaat auf über einer Million Hektar Land in den nördlichen Bundesstaaten Sinaloa und Tamaulipas. Dabei handelt es sich um die gesamte Fläche, auf der Bewässerungsfeldbau in dieser Region möglich ist. Monsanto legte im März 2013 noch einmal kräftig nach: In den Bundesstaaten Chihuahua, Coahuila und Durango möchte der Multi gleich auf zwölf Millionen Hektar Genmais pflanzen.

Die GegnerInnen des Genmais halten eine Verunreinigung der einheimischen Maissorten für unvermeidlich, ist der kommerzielle Anbau einmal auf den Weg gebracht. Sie erklären Alarmstufe rot. Eine Initiative von Gemeinden und Organisationen aus dem Bundesstaat Oaxaca gründete das landesweite Netzwerk zur Verteidigung des Mais. Sie erklären 2013 zum Jahr des Widerstandes gegen den Genmais. Seit einem halben Jahr verstärkt sich nun der Protest von kleinbäuerlichen und indigenen Gemeinden, kritischen WissenschaftlerInnen, studentischen Initiativen und Umweltorganisationen. Es vergeht kaum eine Woche ohne eine Aktion – ob überfüllte Veranstaltungen mit nationalen und internationalen ExpertInnen an den Universitäten, Demonstrationen und Hungerstreiks von Bäuerinnen und Bauern, Foren mit mehreren hundert TeilnehmerInnen oder der „Maiskarneval“ in der Hauptstadt im Rahmen des weltweiten Aktionstages gegen Monsanto am 25. Mai.  Vom Ausland aus werden Brief­aktionen an die mexikanische Regierung organisiert, in denen die Proteste gegen den Genmais unterstützt werden.

„Es ist die Breite der Opposition, die eine neue Qualität ausmacht“, sagt Ana de Ita vom Zentrum für den Wandel im mexikanischen Landbau (Ceccam). „Ich glaube, wir gewinnen den Kampf um die öffentliche Meinung. Aber eine Garantie für ein Umdenken in der Regierung ist das noch nicht.“

In der Tat ist nun die seit dem 1. Dezember 2012 amtierende Regierung von Präsident Peña Nieto am Zug. Ihre Position wird eher gentechnikfreundlich eingeschätzt. Doch sie zögert mit einer Entscheidung, misst offenbar noch die politischen Kosten. Landwirtschaftsminister Enríque Martínez y Martínez meinte Anfang Mai, es sollten erst noch alle wissenschaftlichen Stimmen gehört werden. Doch die wissenschaftlichen Argumente zum Thema liegen seit langem vor. Die eine Seite spricht von einem Angriff auf die biologische Vielfalt des Mais, von weiter zunehmender Abhängigkeit der Bäuerinnen und Bauern von internationalen Saatgut- und Biotechkonzernen, von der Zerstörung der kleinbäuerlichen und indigenen Kultur und von verstärktem Pestizideinsatz und potenziellen Gesundheitsrisiken. Die andere Seite argumentiert mit steigenden Ernteerträgen und dem Vorteil, dass die Pflanzen gegen Plagen und Dürren resistent wären.

Letztendlich ist die Entscheidung politischer Natur. Die mexikanischen GenmaisgegnerInnen haben bisher einen Etappensieg erreicht. Doch sie setzen lieber weiter auf Mobilisierung als auf den guten Willen des Staates. Denn je mehr Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, innerhalb und außerhalb Mexikos, ihre Bedenken gegen den Genmais vorbringen, desto größer sind die Aussichten, seinen kommerziellen Anbau in Mexiko zu verhindern.

Gerold Schmidt ist Ökonom, Übersetzer und Journalist. Derzeit hält er sich in Mexiko auf und arbeitet zu Themen der kleinbäuerlichen Landwirtschaft.

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