Angst vor dem Tribunal

Von Brigitte Voykowitsch ·

Kambodschas Premier Hun Sen möchte die Zeit der Herrschaft der Roten Khmer lieber „in einem riesigen Loch begraben“ als durch ein internationales Gericht untersuchen zu lassen, wie es die UNO fordert.

„Ich bedaure die Morde und die Vergangenheit. Ich wollte ein guter Kommunist sein. Jetzt, in der zweiten Hälfte meines Lebens, möchte ich Gott dienen“, beteuerte Kang Kek Ieu Ende April gegenüber zwei Journalisten des angesehenen Wochenmagazins Far Eastern Economic Review. Jahrzehntelang galt der Mann, der unter dem Decknamen Duch das Sicherheits- und Folterzentrum Tuol Sleng der Roten Khmer in Phnom Penh geleitet hatte, als verschwunden.

Nun haben ihn die zwei Journalisten im Westen Kambodschas aufgestöbert, wo der heute 56jährige als wiedergeborener Christ und geschätzter Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen lebte. Anfang Mai wurde Duch von den kambodschanischen Behörden in sogenannte Sicherheitshaft genommen. Man fürchtete, daß er aufgrund seiner Rolle unter dem Terrorregime der Roten Khmer von 1975 -79 einem Anschlag zum Opfer fallen könnte, hieß es offiziell.

Mit Duch sitzt nun das zweite Mitglied der ehemaligen Führung der Roten Khmer in Haft. Und anders als der im März festgenommene Ta Mok hat Duch sich bereit erklärt, auszusagen und als Zeuge gegen andere noch lebende Rote Khmer aufzutreten.

Aber will die Regierung in Phnom Penh das, wird sie es wirklich zulassen? Jedenfalls nicht vor einem internationalen Tribunal, wie es derzeit aussieht. Forderungen der UNO nach einem derartigen Gericht hat Premier Hun Sen wiederholt zurückgewiesen; zum einen, weil die Aufarbeitung der Geschichte eine interne Angelegenheit Kambodschas sei, zum anderen, weil laut Hun Sen ein Prozeß den labilen Frieden im Land gefährden könnte.

Des Premiers einmal geäußerter Vorschlag, die Vergangenheit „in einem riesigen Loch zu begraben“ und nur nach vorne zu blicken, bezeichnet ein Überlebender als „eine bizarre Form von Amnesie“. „Und sie wird nicht möglich sein“, sagt der 45jährige, der heute ein kleines Lokal im westlichen Battambang führt. „Der Premier kann uns nicht die Auslöschung unserer Erinnerung verordnen“.

Beide Eltern und drei Brüder hat er verloren, die Ermordung des jüngsten mußte er mit eigenen Augen mitansehen. „Der Vater starb an den Folgen von Überarbeitung und Unterernährung – er ging einfach elendig zugrunde.“ Einige Schicksale von bis zu zwei Millionen KambodschanerInnen, die unter dem steinzeitlichen Agrarkommunismus der Roten Khmer getötet wurden oder infolge von Hunger, Krankheit und Erschöpfung umkamen.

Mindestens 16.000 Menschen sollen allein in Tuol Sleng, das heute ein Museum ist, eingesperrt, gefoltert und dann getötet worden sein, Männer, Frauen, Kinder und auch viele „gesäuberte“ Kader der Roten Khmer. Unter vielen mit Gewalt erzwungenen „Geständnissen“ ist die Unterschrift von Duch zu erkennen.

Die Roten Khmer haben ihren Terror sorgfältig dokumentiert, mit Fotos der Gefangenen von Tuol Sleng und schriftlichen Aufzeichnungen. Detaillierte Aussagen von Duch könnten nun, so ein westlicher Kambodscha-Experte, Licht in die noch ungeklärte Befehlshierachie der Roten Khmer bringen.

Wenn Kambodschas Premier ein internationales Tribunal dezidiert ablehnt, so besteht doch die Chance, daß Duch schon bald vor einem kambodschanischen Gericht aussagt. Nach vielfältigen Interventionen der UNO scheint Hun Sen nun bereit, ausländische JuristInnen zu einem inländischen Sondergericht zuzulassen. Diese RechtsexpertInnen müßten laut dem UN-Sondergesandten für Menschenrechte in Kambodscha, Thomas Hammarberg, aber denselben Status haben wie die einheimischen JuristInnen. Zudem müsse eine Kombination aus kambodschanischem und internationalem Recht zur Anwendung kommen, da es in Kambodscha kein Gesetz bezüglich Verbrechen gegen die Menschlichkeit gibt.

Die ersten ausländischen RechtsexpertInnen sollten noch im Frühsommer in Kambodscha eintreffen. „Ich hoffe, es kommt wirklich zu einem Prozeß“, sagt die Mitarbeiterin einer Menschenrechtsorganisation in Phnom Penh. „Es geht nicht um Rache. Und wiedergutmachen läßt sich das alles ohnedies nicht mehr. Aber wenn wir hier irgendeine Zukunft haben wollen, müssen wir uns der Vergangenheit stellen. Wie sollen wir denn je von Recht und Gerechtigkeit sprechen, wenn solche Verbrechen ungestraft bleiben?“

Vorerst ist freilich nur mit einer Anklage gegen Duch und Ta Mok zu rechnen. Der Rote-Khmer-Führer „Bruder Nummer 1“, Pol Pot, starb im Vorjahr, nachdem er seinen einst engen Vertrauten Son Sen hatte ermorden lassen.

Andere führende überlebende Rote Khmer wie Khieu Samphan oder Nuon Chea, die sich der Regierung stellten und im Vorjahr von Hun Sen mit rotem Teppich empfangen wurden, leben nun unbehelligt im Westen des Landes.

Die Autorin ist außenpolitische Redakteurin der Tageszeitung „Der Standard“ und bereist häufig Süd- und Südostasien.

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