Annäherung mit Tiefgang

Wie sich Weltreisende am besten auf das Objekt ihrer Begierde innerlich vorbereiten können.

Von Werner Hörtner
Die pittoresken Granitberge „Torres del Paine" im südchilenischen Patagonien.

Um die Welt mit ihren vielfältigen Regionen und Bevölkerungen, Kulturen und spezifischen Eigentümlichkeiten kennen zu lernen, ist es wohl am besten, ein Land selbst zu bereisen, mit eigenen Augen anzuschauen. Besser und tiefgreifender gelingt diese Annäherung jedoch, wenn man das Objekt der Reise vorher über die Erfahrungen anderer Menschen vermittelt bekommt, seien es nun einheimische LandeskennerInnen und Kulturschaffende oder Weltreisende. Wer zum Beispiel Patagonien erkunden will, möge vorher Bruce Chatwins Reisebericht über dieses Land am Ende der Welt lesen, und sie oder er wird sich aus den Beobachtungen dieses großen Erzählers mit der strengen Schönheit und weiten Einsamkeit dieser Region im Süden Südamerikas vertraut machen können. Oder – und am besten zusätzlich – Osvaldo Bayers Werk über den „Aufstand in Patagonien“.

Wer den nördlichen Teil Südamerikas bereisen will, sollte vorher die Tagebuchaufzeichnungen des deutschen Naturforschers Alexander von Humboldt von seiner fünfjährigen Expedition lesen, die diesen ab 1799 durch Venezuela, Kolumbien und Ecuador führte.

Dem zeitgenössischen Reisenden erleichtert der Schweizer Unionsverlag mit seiner Reihe „fürs Handgepäck“ diese Form der vorbereitenden Annäherung an ein Reiseziel. Diese Bücher sind wie ein Schlüssel zum Verständnis dessen, was – entsprechende Aufmerksamkeit und Offenheit vorausgesetzt – in einem Land gesehen, gehört und erlebt werden kann. Im Herbstprogramm des Verlags sind soeben vier Bände über Kolumbien, Kuba, Patagonien und Südafrika erschienen.

Da erzählt etwa der schon erwähnte Bruce Chatwin, wie er aus der Enge seiner britischen Heimat dazu kam, sich auf der Suche nach einem Mylodon, einem Riesenfaultier, nach Patagonien zu begeben. Und die chilenische Autorin Isabel Allende beschreibt die Anziehungskraft der jungen Hermelinda, die so groß war, dass ihre Liebhaber hunderte Kilometer durch das verlassene Land ritten, um sich ihrer Gesellschaft und Gunst zu erfreuen. Und der durch seinen „Kleinen Prinzen“ unsterblich gewordene französische Schriftsteller und Berufspilot Saint-Exupéry nimmt uns mit auf einen Besuch in Punta Arenas im chilenischen Südpatagonien.

In „Kolumbien fürs Handgepäck“ beschreiben zahlreiche Autoren und Autorinnen die wundersamen Eigenheiten ihres Landes, das Literaturnobelpreisträger García Márquez als Macondo, die Heimstätte des magischen Realismus, verewigte. Tomás González, Südwind-LeserInnen von einem Autorenporträt (SWM 1-2/2008) und mehreren Rezensionen bekannt, beschreibt den geschäftigen Alltag des uneigennützigen Arztes Eladio in Medellín, während Alonso Salazar, bis Ende 2011 Bürgermeister dieser nordkolumbianischen Metropole, die Psyche jugendlicher Auftragskiller durchleuchtet. Ingrid Betancur, die berühmteste Geisel ihres Landes, schildert in einem Brief an ihre Mutter die Zeit ihres erzwungenen Aufenthaltes bei der FARC-Guerilla, und der vor fünf Jahren verstorbene Arturo Alape, früher selbst Angehöriger der FARC, macht sich über den Aberglauben bei den Guerilleros lustig.

Auch im Kuba-Band sind die nationalen SchriftstellerInnen stark vertreten. Erfolgsautor Leonardo Padura erzählt ausführlich die Geschichte des Katalanen Francisco Bacardí, den ein französischer Weinhändler in Santiago de Cuba in das Geheimnis der Herstellung eines milden, feinen und doch hochprozentigen Rums einweihte. Hundert Jahre später floh jedoch die ganze Familie Bacardí zusammen mit den Markenrechten nach Miami, als in Santiago ein bärtiger Rebell an die Macht kam, und engagierte sich aktiv im Kampf gegen die Castro-Regierung. Fazit: Bacardi-Trinken ist politisch nicht korrekt ...

Vom Schriftsteller Guillermo Cabrera Infante hingegen, der erst nach einem Zerwürfnis mit dem Revolutionsregime 1965 seine Heimat verließ, kann man einen Essay über die Entdeckung der Zigarre in Kuba lesen und sich dabei politisch ganz korrekt eine Gedrehte anzünden, auch wenn sich Fidel seit Jahren den Genuss des puro versagen muss.

„Wir stemmten einen Felsblock den Berg hoch, nur damit er anschließend wieder hinunterrollte. Und doch besserten sich die Verhältnisse.“ So beschreibt Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela (1993) die allmähliche Verbesserung der Haftbedingungen während seinem 28-jährigen Aufenthalt auf Robben Island, der Gefängnisinsel des Apartheid-Regimes.

Auch andere AutorInnen von „Südafrika fürs Handgepäck“ lernten in der Zeit des Apartheid-Regimes Gefängnis oder Exil kennen: Breyten Breytenbach, James Matthews, William Bloke Modisane, Daniel Canadoce Themba. Und die weiße Südafrikanerin Nadine Gordimer hat ebenfalls einen Nobelpreis erhalten, allerdings nicht für den Frieden wie Mandela, sondern für ihr – vollständig ins Deutsche übersetzte – literarisches Werk.

Insgesamt sind bisher 32 Bände dieser nützlichen und anregenden Reisevorbereitung erschienen; die hier erwähnten jeweils in einem Umfang von 190 Seiten und zum Preis von € 12,90.

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