Ansteckungsgefahr Armut

Reich und gesund oder arm und krank. Das trifft besonders bei Infektionskrankheiten zu. Warum Menschen, die unter sozial und hygienisch problematischen Verhältnissen leben, weitaus stärker gefährdet sind zu erkranken und nicht geheilt zu werden, erklärt Sonja Weinreich.

Haiti wurde 2010 nach der Erdbeben-Katastrophe von einer schweren Cholera-Epidemie heimgesucht. Niedrige sanitäre Standards spielen bei der Verbreitung von Cholera eine besonders große Rolle.© Logan Abassi UN/MINUSTAH

In wohlhabenden Ländern haben Infektionskrankheiten ihren Schrecken verloren. Dabei sind die wenigsten dieser Krankheiten ausgerottet. In armen Regionen vornehmlich im globalen Süden stehen HIV/Aids, Tuberkulose, Malaria und Co. noch immer auf der Liste der häufigsten Todesursachen.

Infektionskrankheiten sind also immer noch Krankheiten der Armut, der Armut der einzelnen Menschen und Familien sowie der Armut ganzer Länder mit ihren niedrigen Staats- und Gesundheitsbudgets. Ungerechte Spielregeln etwa bei den Patentgesetzen für Medikamente benachteiligen solche Länder.

Armut kann auf vielerlei Weise Krankheit fördern: durch niedriges oder gar kein Einkommen, durch Wohn- und Umweltverhältnisse, die Krankheitserreger gedeihen lassen, durch mangelnden Einfluss darauf, die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern oder durch Fehlen an Bildung und Wissen über eine gesunde Lebensführung.

Ziele der Weltgemeinschaft. Ab dem Jahr 2000 gab es innerhalb der Weltgemeinschaft Bewegung auch in Bezug auf die Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Damals wurden von den Vereinten Nationen die Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) beschlossen. Man konzentrierte sich auf die drei Infektionskrankheiten HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria, die außer Kontrolle waren. Vieles wurde seither in der Eindämmung dieser Krankheiten erreicht: durch mehr internationale Aufmerksamkeit und mehr Gelder sowie durch das Engagement von Betroffenen und Aktionsgruppen von HIV-infizierten Menschen. Die Erfolge sind jedoch ungleichmäßig verteilt und erreichen gerade die ärmsten Menschen oft nicht.

Mit den Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs), die 2015 von der UN verabschiedet wurden, sind nun zusätzlich die sogenannten „vernachlässigten tropischen Krankheiten“ (siehe S. 27) ins Blickfeld geraten. Bis zum Jahr 2030 sollen auch diese sowie „Hepatitis, durch Wasser übertragene Krankheiten und andere übertragbare Krankheiten“ erfolgreich bekämpft sein, so formuliert es das Ziel Nr. 3 „Gesundheit für alle Menschen“ der SDGs.

Vieles bleibt zu tun. Damit diese Ziele erreicht werden können, muss das Engagement verstärkt werden.

Vielfältige Herausforderungen. Die Ausgangssituation ist je nach Krankheit und Region höchst unterschiedlich. Bei HIV/Aids haben heute sehr viel mehr infizierte Menschen Zugang zur antiretroviralen Behandlung, die nicht nur Leben erhält, sondern auch gesundes Leben ermöglicht. Aber während in Europa nahezu jeder HIV-Infizierte diese Medikamente bekommt, waren es im Jahr 2016 laut UNAIDS weltweit nicht mal die Hälfte aller über 36,7 Millionen Menschen, die mit HIV infiziert sein sollen.

HIV/Aids ist immer noch mit einer Stigmatisierung verbunden, was ein großes Hindernis für die Prävention von neuen Infektionen darstellt. Die Benachteiligung von Frauen und Geschlechterungerechtigkeit sind eng damit verbunden. Im südlichen Afrika sind junge Frauen und Mädchen die am meisten Gefährdeten.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Tuberkulose (TB) auch in Europa sehr gefürchtet, da viele Menschen unter schlechten und unhygienischen Bedingungen auf engem Raum miteinander lebten – ein idealer Nährboden für das Bakterium, das sich durch Tröpfchen ausbreitet. Die Zahl der Erkrankungen ging zurück, als sich die Lebensverhältnisse verbesserten, als man Aufklärung über Hygiene betrieb und als schließlich seit Mitte der 1940er Jahre Antibiotika zur Behandlung verfügbar waren.

Aktuelle WHO-Statistiken zeigen, dass mittlerweile 87 Prozent der TB-Fälle in Asien und Afrika auftreten, häufig zusammen mit HIV/Aids. Betroffen sind vor allem Randgruppen und benachteiligte Menschen wie MigrantInnen, Flüchtlinge und ethnische Minderheiten, die unter schlechten sozialen Bedingungen leben und mangelnden Zugang zu Gesundheitsversorgung haben. Erkrankte sind in vielen Ländern auf die Hilfe privater Organisationen angewiesen.

Eine halbe Million Tote pro Jahr. Als „vernachlässigte tropische Krankheiten“ bezeichnet man 18 verschiedene Infektionskrankheiten. An ihnen sterben laut WHO eine halbe Million Menschen jedes Jahr und bei sehr viel mehr führen sie zu chronischer Krankheit und Behinderung. Auch hier ist der Zusammenhang mit Armut deutlich: Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen sind häufiger betroffen, da die Krankheiten unter diesen Bedingungen übertragen werden. Allein durch die Flussblindheit, die vor allem in West- und Zentralafrika und Südamerika vorkommt und durch Würmer übertragen wird, sind eine halbe Million Menschen erblindet.

Von Durchfall und Atemwegserkrankungen sind vor allem Kinder betroffen. Sie sind oft schlecht ernährt und leben in unhygienischen Wohnverhältnissen. Kinder in Afrika südlich der Sahara haben ein vierzehnmal größeres Risiko zu sterben, bevor sie fünf Jahre alt sind, als Kinder in Industrieländern, sagt die WHO.

Fehlender Zugang zu Behandlung. Warum ist es so schwierig, die grundsätzlich meistens mögliche Vorbeugung und/oder Behandlung von Infektionskrankheiten weltweit zu garantieren? Die zur Verfügung stehenden Methoden für Diagnose und Medikamente erreichen die Betroffenen einfach nicht, ebenso wenig die Vorbeugung durch Impfungen. Auch hier spielen Armut und Ungerechtigkeit eine große Rolle. In den meisten Entwicklungs- und Schwellenländern bestehen keine oder nur sehr begrenzte Krankenversicherungen. Daher müssen die Menschen die Kosten für eine Behandlung aus eigener Tasche zahlen. Die Armen können sich das nicht leisten oder verschulden sich – und der hohe Preis für ein Medikament wird zu einer Frage von Leben und Tod. Zudem fehlt es an öffentlicher medizinischer Infrastruktur, an ausreichend ausgebildeten ÄrztInnen und Pflegepersonal und an Medikamenten.

Als positives Beispiel kann das Ökumenische Pharmazeutische Netzwerk genannt werden. In ihm sind kirchliche Träger in verschiedenen Ländern Afrikas zusammengeschlossen. Sie sorgen durch die Ausbildung von ApothekerInnen und anderem pharmazeutischen Personal und durch Qualitätssicherung der Medikamente dafür, dass arme PatientInnen in den angeschlossenen Krankenhäusern gute Arzneimittel zu erschwinglichen Preisen erhalten.

Generika erwünscht. Es gibt große Fortschritte bei neuen Medikamenten, vor allem bei solchen, für die auch in reichen Ländern ein Markt besteht. Neue Produkte werden meist nur von einer einzigen Firma hergestellt, die über das entsprechende Patent verfügt. Sie bestimmt den meist sehr hohen Preis. Dass heute viele auch arme Menschen etwa HIV/Aids-Medikamente erhalten, ist nur durch kostengünstige Nachahmer-Medikamente, sogenannte Generika möglich. Ihre Produktion ist zwar durch das Patentrecht unter bestimmten Bedingungen erlaubt, etwa die Vergabe von sogenannten Zwangslizenzen durch arme Länder. Es erfordert jedoch oft politischen Druck, um entsprechende Regelungen durchzusetzen.

Ein Problem kommt bei der Behandlung von Infektionskrankheiten hinzu: Es sind die sogenannten Resistenzen gegen antimikrobielle Medikamente, welche dann einfach nicht mehr wirken. Bei der Tuberkulose hat dies dramatische Formen angenommen – in vielen Ländern gilt TB als nicht mehr behandelbar. Daher müssen immer wieder neue Produkte entwickelt werden. Für die kommerzielle Pharmaforschung sind Investitionen in Medikamente, die nur die Armen betreffen, wie bereits erwähnt, unattraktiv. NGOs fordern schon längst, dass verstärkt Regierungen die einschlägige Forschung fördern sollen und Forschungskosten vom Produktpreis und dem Verkaufsvolumen entkoppelt werden.

Eine Gruppe von NGOs – die deutsche Buko Pharmakampagne, Ärzte ohne Grenzen, Brot für die Welt und DAHW, Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe – hat etwa den Memento Preis geschaffen, der jährlich für einschlägige Forschung vergeben wird. Im Jahr 2017 ging der Preis unter anderem an das Institut für Tropenmedizin der Universität Tübingen. Dort konnte aufgezeigt werden, wie die Behandlung von schweren Formen der Malaria verbessert werden kann, indem sie verkürzt und vereinfacht wird, ohne an Wirksamkeit zu verlieren. Das ist gerade für Kinder entscheidend. Der Politikpreis ging an den deutschen Bundestagsabgeordneten Stephan Albani, der sich für öffentliche Forschungen zu Tuberkulose eingesetzt hat, und der Journalistenpreis an Kai Kupferschmidt, der das Thema „vernachlässigte Krankheiten“ wiederholt in die Medien bringt.

Epidemien möglich. Auch wenn Infektionskrankheiten derzeit vor allem arme Regionen betreffen, sind die Gefahren auch für reiche Länder keineswegs „aus der Welt“. Die Gesundheitssysteme vieler Länder sind nicht ausreichend auf neue Epidemien vorbereitet – wie uns das Beispiel Ebola in Westafrika in den Jahren 2014/2015 gezeigt hat. Solche Epidemien können unter den Bedingungen des grenzüberschreitenden Reiseverkehrs oder der genetischen Veränderung von Viren und Bakterien jederzeit wieder auftreten und potenziell ganze Regionen und letztlich die ganze Welt bedrohen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sollte hier eigentlich entsprechende Vorkehrungen treffen und die nötigen Normen vorgeben, sie wurde jedoch von den internationalen Gebern finanziell ausgetrocknet und kann ihrer Rolle kaum mehr gerecht werden.

Das Beispiel der Ebola-Epidemie hat außerdem gezeigt, dass die Menschen vor Ort in Sachen Gesundheit gestärkt werden müssen. Und sie hatten in der Eindämmung von Ebola tatsächlich eine Schlüsselrolle, wie die Zeitschrift Nature im Jänner 2016 berichtete: Tausende Menschen meldeten sich als ehrenamtliche HelferInnen, um in den Gemeinden vor Ort über Ansteckungswege und den Verlauf der Viruserkrankung aufzuklären und für verstärkte Hygienemaßnahmen zu werben. Sie gingen von Haus zu Haus und sprachen mit der Bevölkerung. SanitäterInnen versorgten Kranke in deren Häusern und organisierten, wenn nötig, den Transport in nahe gelegene Gesundheitseinrichtungen.

Das zeigt, wie wichtig es ist, die Bevölkerung umfassend über die Krankheiten, deren Vorbeugung und Behandlung zu informieren und sie aktiv einzubeziehen. Die Menschen selbst können vermeiden, dass sie sich anstecken. Sie wissen dann, was im Falle einer Erkrankung zu tun ist und wie sie ihre Rechte geltend machen können.

Entwicklung insgesamt. Nationale und internationale Politik – auch die betroffenen Länder selbst – sind dafür verantwortlich, die Gesundheitssysteme qualitativ gut auszurüsten – mit Personal, mit Infrastruktur, mit Medikamenten. Auch die großzügigsten Geber sollten nicht ihre Mittel an die Bekämpfung von einzelnen Krankheiten binden. Gesundheitssysteme müssen in ihrer Gesamtheit gestärkt werden, Krankheiten dürfen nicht in Konkurrenz zueinander gestellt werden.

Letztlich kann Gesundheit nur verbessert werden, wenn Entwicklung insgesamt gefördert wird. Nur dann werden Menschen unter gerechten sozialen und hygienischen Bedingungen leben können, die nicht krank machen.

Sonja Weinreich ist Ärztin und Beraterin für Gesundheit und Inklusion bei Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst in Berlin.

www.brot-fuer-die-welt.de/politik

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