Arbeit versus Leben

Um die gerechte Verteilung unseres kostbarsten Gutes – der Zeit – ist es schlecht bestellt. Her mit der freien Zeit!

Von Nora Holzmann

Sommerzeit ist Urlaubszeit. Die Work-Life-Balance, wie das Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben bezeichnet wird, tendiert für die meisten hierzulande mehr in Richtung „Life“. Und das zu Recht, oder? Die ÖsterreicherInnen arbeiten laut OECD-Studie, zählt man bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammen, durchschnittlich 8,5 Stunden jeden Tag. An der Spitze liegt Mexiko, mit fast zehn Stunden Arbeitszeit pro Tag und dem höchsten Anteil an unbezahlter Arbeit unter den OECD-Ländern. Europa-Sieger, was die meisten Arbeitsstunden betrifft, ist übrigens Griechenland.

Doch nicht nur Arbeit, auch Freizeit ist auf der Welt ungleich verteilt. Wie viel freie Zeit bleibt einem chinesischen Arbeiter, der über 60 Wochenstunden in der Elektronikindustrie schuftet? Und welche Work-Life Balance hat eine Bäuerin in Burkina Faso, die bis zu 18 Stunden am Tag Schwerarbeit am Feld verrichtet, Wasser holt und sich um Haushalt und Kinder kümmert? Dabei ist Freizeit ein Menschenrecht. „Jeder hat das Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit“, heißt es in Artikel 24 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Weltweit mangelt es eher den Frauen an freier Zeit als den Männern. Sie leisten durchschnittlich 2,5 Stunden mehr an unbezahlter Arbeit pro Tag als die Männer. Zwei Drittel der unbezahlten Arbeit weltweit wird von Frauen erledigt. Und es sind eher die ökonomisch armen Länder dieser Welt, in denen die Arbeit kaum Freizeit übrig lässt, während in wohlhabenden Ländern die Wochenarbeitszeit tendenziell sinkt. Norwegen oder die Niederlande gehören heute zu den Ländern mit der kürzesten Arbeitszeit weltweit. Der Ökonom John Maynard Keynes prognostizierte 1930, dass wir im Jahr 2030 in den reichen Ländern bei einer Wochenarbeitszeit von 15 Stunden ankommen würden. Seine Theorie: Mit zunehmender Produktivität könnten die Bedürfnisse der Menschen leichter befriedigt werden. Nur sah er nicht voraus, dass den (Schein)Bedürfnissen in der heutigen Konsumgesellschaft keine Grenzen gesetzt sind.

Fest steht jedenfalls: Es braucht eine gerechtere Verteilung – nicht nur von Arbeit, sondern auch von Freizeit. Zwischen Frauen und Männern, zwischen Arm und Reich. Freizeit darf dabei nicht einfach als eine reproduktive Phase zur Erneuerung der Kräfte verstanden werden, die uns noch fitter für die Erwerbsarbeit macht. Es geht um eine Freizeit im Sinne eines wertvollen, erfüllten, guten Lebens. Vor acht Jahren widmete das Südwind-Magazin dem Thema Freizeit einen eigenen Schwerpunkt (SWM 07/2004). Der Philosoph Franz A. Wimmer schrieb damals über eine Freizeit, die „weniger eine frei verfügbare Zeit ist, sondern Zeit, die jemanden frei macht“. Was ist damit gemeint? Vielleicht die Zeit abseits des Berufslebens, in der wir wirklich frei von gesellschaftlichen Zwängen sind. Eine Zeit, um Fragen zu stellen, den Kopf frei zu machen, Visionen zu entwickeln und ein selbst bestimmtes Leben zu führen. In diesem Sinne: Mehr frei machende Zeit für alle!

Schönen Urlaub!

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