„Arbeitsbegriff neu definieren“

Wie sich die österreichische Regierung auf die vierte industrielle Revolution einstellt, erklärt Innovationsminister Jörg Leichtfried im Interview mit Erhard Stackl.

Jörg Leichtfried© bmvit / Johannes Zinner

Die Regierung sieht in den Veränderungen, die durch die Digitalisierung auf uns zukommen, auch Chancen. Manche Experten warnen aber, dass die Hälfte der Jobs verloren gehen könnten. Was kann man tun, damit die Arbeit nicht ausgeht?

Die Digitalisierung wirkt sich auf alle Lebens- und Arbeitsbereiche aus. Sie wird Produktion und Dienstleistungen genauso verändern wie Arbeit und Konsum. Natürlich stellt das auch den Arbeitsmarkt vor massive Herausforderungen. Für einige Tätigkeiten wird es keinen Bedarf mehr geben. Dafür werden in anderen Bereichen neue Jobs entstehen. Studien zeigen: Unterm Strich bleibt die Anzahl der Arbeitsplätze in etwa gleich. Wir werden die Digitalisierung für unser Land nützen.

Dazu müssen wir massiv in Ausbildung und Qualifizierung investieren. Mit unseren Stiftungsprofessuren fördern wir universitäre Forschung und Lehre in den Feldern, die für Österreich strategische Bedeutung haben, wie etwa Hightech-Stahl, intelligente Textilien und Big Data. In unseren Pilotfabriken können Unternehmen neue Produktionsprozesse testen, ohne den laufenden Betrieb zu stören. Ziel ist es, dass wir in Österreich erfolgreiche Unternehmen haben, die sichere, gut bezahlte und erfüllende Arbeitsplätze bieten.

Wie wollen Sie die digitalen Fähigkeiten von Arbeitskräften verbessern?

Mit unserem Programm „Fit 4 4“ gehen wir direkt in die Klein- und Mittelbetriebe und bilden dort niedrigqualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus. Wir wissen, dass durch die Digitalisierung Routinearbeiten am stärksten bedroht sind. Darum ist es besonders wichtig, diese Beschäftigten fit für die Industrie 4.0 zu machen. Computerkurse allein reichen dafür schon lange nicht mehr. Wir werden neue Lernmodule entwickeln und etwa Datenbrillen für Trainings in der Virtual Reality einsetzen, um die notwendigen Skills auszubauen. Das Pilotprojekt startet im Herbst mit einem Budget von fünf Millionen Euro.

Sie fördern auch einschlägige wissenschaftliche Studien. Gibt es da schon erste Erkenntnisse?

Wir wissen etwa, dass es durch die Digitalisierung zu einer Verschiebung innerhalb der Unternehmen kommt. Tätigkeiten wie etwa eine genaue Dokumentation des Produktionsprozesses werden nicht mehr gebraucht, denn das erledigen die Maschinen selbst. Dafür werden andere Tätigkeiten immer wichtiger, etwa die Kundenbetreuung. Flexibilität und das individuelle Eingehen auf die Kundenwünsche gewinnen an Bedeutung. Damit bleibt die Anzahl der Jobs insgesamt gleich, es braucht aber eine Weiterbildung für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die dann neuen Tätigkeiten nachgehen.

Was macht Österreich, damit die Länder des Südens nicht die großen Verlierer der Digitalisierung sind?

Technologietransfer ist einer der Schwerpunkte in meinem Ressort. Wir unterstützen dabei, dass neue Technologien auch in Niedriglohnländern zum Einsatz kommen. Insgesamt haben wir dazu rund 25 Vereinbarungen auf den Weg gebracht, um mit anderen Ländern im Bereich Verkehr- und Energietechnologien zusammenzuarbeiten. Das nützt der Wirtschaft vor Ort und bringt mehr Lebensqualität für die Bevölkerung, etwa durch die Entwicklung von Smart City-Konzepten. Wir unterstützen dabei, Städte intelligent und umweltfreundlich zu organisieren: durch effizienteren öffentlichen Verkehr, Niedrigenergie-Bauweise bei Häusern oder mehr Einsatz von erneuerbaren Energien. Zudem beteiligen wir uns am EU-Forschungsprogramm, bei dem internationale Zusammenarbeit ebenfalls ein Schwerpunkt ist.

Wird es notwendig sein, die Arbeit anders zu verteilen und die Arbeitszeit zu verkürzen?

Davon bin ich überzeugt. Im neuen Programm hat die Regierung angekündigt, die Arbeitszeitflexibilisierung zum Thema zu machen. Ich bin aber der Meinung, dass wir auch über Arbeitszeitverkürzungen reden sollten. Es entstehen neue Arbeitsmodelle; darum werden wir den Arbeitsbegriff über kurz oder lang neu definieren müssen. Und wir werden über ein neues Steuermodell reden müssen, das sozial und umweltfreundlich ist.

Um die Folgen der Digitalisierung abzufedern, wird man da auf eine Wertschöpfungsabgabe, also die „Maschinensteuer“, zurückgreifen müssen?

Auf jeden Fall müssen wir über neue Konzepte diskutieren. Der technische Fortschritt wirft die Frage auf, wie wir Arbeit in Zukunft definieren und gestalten. Auf der anderen Seite stellt sich natürlich die Frage, wie wir In­fra­struk­tur­in­ves­ti­tio­nen, Forschungsförderungen und andere öffentliche Ausgaben etwa im Bereich Bildung oder Soziales künftig finanzieren. Ich bin überzeugt davon, dass wir dafür unser Steuersystem neu organisieren müssen. Das kann man dann eine Wertschöpfungsabgabe oder wie Bill Gates eine Robotersteuer nennen.

Jörg Leichtfried, geb. 1967, ist seit Mai 2016 österreichischer Bundesminister für Verkehr, Innovation und Technologie.

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