„ArbeitsmigrantInnen sind eine Belastung für die reichen Länder.“

Folgt man der Rhetorik bestimmter Massenmedien und PolitikerInnen, die von den negativen Folgen der Sparpolitik ablenken wollen, sind ArbeitsmigrantInnen kaum mehr als ein lästiges Übel: Wenn sie nicht sowieso bloß am Tropf unserer Sozialsysteme hängen, stehlen sie anderen die Arbeit und sorgen für sinkende Löhne.

Mit der Wirklichkeit haben diese gängigen Stereotype jedoch wenig gemein – das zeigt u.a. eine Studie, die 27 Länder der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) einbezog. Demnach leisteten die Haushalte von MigrantInnen zwischen 2007 und 2009 im Schnitt einen jährlichen Nettobeitrag von 2.500 Euro zu den öffentlichen Haushalten und Sozialversicherungssystemen – sie zahlten also weit mehr ein als sie an Leistungen bezogen. 1

Auch wenn sich PolitikerInnen mit migrationsfeindlicher Rhetorik auf Stimmenfang begeben, wurden die Bestimmungen für hoch qualifizierte – und manchmal sogar für niedrig qualifizierte – MigrantInnen gelockert. 2 Gleichzeitig gelten hier zweierlei Maßstäbe – wenn Menschen aus reichen Ländern einen bestens bezahlten Job im Ausland annehmen, gilt das als völlig in Ordnung oder als „Erfüllung eines Traums“.

ArbeitsmigrantInnen sind in der Regel eher jung, unternehmerisch veranlagt und verfügen über Qualifikationen, die im Zielland gefragt sind. Sie tragen dazu bei, die Folgen der demographischen Alterung abzufedern und das Pensionssystem zu finanzieren, und sie können für mehr wirtschaftliche Dynamik sorgen. Längerfristig, d.h. je älter sie selbst werden, gleichen sich diese Effekte wieder aus.

Verdrängungseffekte. Arbeitsmarktstudien zufolge sind zwar gewisse Verdrängungseffekte zu beobachten, hauptbetroffen sind jedoch vor allem bereits früher eingewanderte ArbeitsmigrantInnen. Und soweit Arbeitsmigration tatsächlich zu einer Senkung des Lohnniveaus in unteren Einkommensschichten führt, so nur in begrenztem Ausmaß und vorübergehend, wie eine Studie in OECD-Ländern ergab: Bei einer Zunahme der Zahl der ArbeitsmigrantInnen um ein Prozent sanken die Löhne lediglich um 0,12 Prozent. 3

In anderen Studien wurden sogar gegenteilige Effekte festgestellt. Die Ökonomin Mette Foged und ihr Kollege Giovanni Peri untersuchten, wie sich die Arbeitseinkommen niedrig qualifizierter ArbeitnehmerInnen in Dänemark zwischen 1991 und 2008 in Abhängigkeit von der Einwanderung veränderten, darunter größere Flüchtlingsströme aus Somalia und Afghanistan. Das Ergebnis: In den Gemeinschaften, die MigrantInnen aufnahmen, erhöhten sich die Arbeitseinkommen rascher als in Gemeinschaften ohne MigrantInnen. 4

Andere Front. Der Kampf gegen niedrige Löhne ist an einer anderen Front zu führen – gegen eine Wirtschaftspolitik, die die Reichen begünstigt und Arbeitsplätze vernichtet. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat einige Empfehlungen parat, um Wachstum und Beschäftigung zu stärken: Maßnahmen gegen die Ungleichheit (und damit die schrumpfende Lohnquote), Einführung von Mindestlöhnen, Aushandlung von Kollektivverträgen und mehr soziale Sicherheit.

„Schlecht qualifizierte Migranten nehmen zwar anderen die Arbeit weg, schaffen am Ende aber auch neue Arbeitsplätze. Der Saldo war sogar dort positiv, wo Politiker und Aktivisten überzeugt waren, dass er negativ sein müsste“, so der Ökonom Michael Clemens. „Diese Tatsache zu kommunizieren wird eine ständige Herausforderung sein, denn dass Migranten Jobs bekommen, lässt sich unmittelbar beobachten; aber wenn sie Arbeitsplätze schaffen, dann geschieht das indirekt und ist unsichtbar.“ 5

Dinyar Godrej

Copyright New Internationalist

1)    OECD, International Migration Outlook 2013.

2)    Hein de Haas, „Human migration: Myths, hysteria and facts“, 24. Juli 2014, heindehaas.blogspot.co.uk/2014/07/human-migration-myths-hysteria-and-facts.html

3)    neweconomics.org/publications/entry/why-the-cap-wont-fit (2010).

4) Immigrants and native workers: New analysis using longitudinal employer-employee data, 27. Februar 2014, economics.cornell.edu/sites/default/files/files/events/peri%20paper.pdf

5)    Interview auf vice.com, 29. April 2015.

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