Arrangements für alle

Während in Indien alles auf – arrangierte – Ehen für Heterosexuelle ausgerichtet ist, gestaltet sich die Partnersuche für LGBTIQ-Menschen schwierig. Die erste und bislang einzige Partnerbörse für gleichgeschlechtliche Paare will das ändern.

Von Angela Weiß, Indien

Trauen lassen konnten sich erstmals 2017 diese zwei Männer im Rahmen einer hinduistischen Zeremonie in Indien.© Angela Weiß

In ganz Indien gilt: körperliche Zuneigung gehört nicht in die Öffentlichkeit. Keine Küsse, kein Händchenhalten – weder für Heterosexuelle und schon gar nicht für Homosexuelle. 90 Prozent aller indischen Ehen sollen Schätzungen zu Folge – nach wie vor, und seit Jahrhunderten – arrangiert sein. Viele InderInnen werden immer noch dahingehend sozialisiert, dass man Liebe lernen könne; sie könne wachsen und, nun ja, man arrangiere sich eben, meinen die allermeisten Menschen. Gemeint sei dabei ausschließlich die Liebe zwischen Mann und Frau, sagt die 24-jährige Unternehmerin Urvi Shah, die 2015 Indiens erste und bislang einzige PartnerInnen-Börse für gleichgeschlechtliche Paare gründete.

Tabubruch. Während es für Heterosexuelle unzählige Anzeigenportale gibt, in denen potenzielle PartnerInnen, gelistet nach Aussehen, Einkommen, Kaste, Sprache oder Religion, meist von den Eltern angepriesen werden, ist ein solches Angebot zu „Er sucht ihn“ oder „Sie sucht sie“ in indischen Zeitungen auch heute noch weitgehend tabu.

Die Mutter von Harish Iyer, einem bekannten indischen LGBTIQ-Aktivisten aus Mumbai, wollte 2015 das Single-Dasein ihres Sohnes beenden und für ihn per Anzeige einen Ehemann suchen. Doch drei Zeitungsredaktionen weigerten sich, die Anzeige zu veröffentlichen. „Erst die Zeitung Mid-Day brach dieses Tabu“, erinnert sich der 39-Jährige.

Im deutlich konservativeren Ahmedabad, rund 500 Kilometer nördlich von Mumbai gelegen, hat Shah vor drei Jahren als Studentin Indiens erste Partner-Börse für gleichgeschlechtliche Paare, das Arranged Gay Marriage Bureau, eröffnet.

Der Name verwirrt, denn gleichgeschlechtliche Hochzeiten sind in Indien offiziell gar nicht möglich. Seit 1860 stellte Artikel 377 des Strafgesetzbuches, der 1860 von der britischen Kolonialmacht in Indien und anderen Kolonien eingeführt wurde, gelebte weibliche wie männliche Homosexualität unter Strafe. Im September 2018 hob der Oberste Gerichtshof diesen auf. In anderen ehemaligen Kolonien, wie z.B. voraussichtlich am 24. Mai in Kenia, wird diese Entscheidung erst getroffen.

Eine „Ehe für alle“ wurde dabei in Indien aber nicht diskutiert. Einige hinduistische Priester führen dennoch Zeremonien durch. Als erste öffentliche „Home-Ehe“ landete 2017 die Zeremonie von Hrishi Sathawane mit seinem Freund Vinh vor Familie und Freunden in Yavatmal im Bundesstaat Maharashtra landesweit in den Schlagzeilen.

Für verrückt erklärt. Die Gesetzeslage interessierte Shah von Anfang an wenig. „Jeder braucht irgendwann eine Partnerin oder einen Partner fürs Leben, das will ich auch Schwulen und Lesben ermöglichen, unabhängig davon, was das Gesetz erlaubt.“ Mit Hilfe eines Bekannten ließ sie das Unternehmen vor drei Jahren in Chicago registrieren, um bürokratischen Problemen in Indien aus dem Weg zu gehen. Ihre Eltern erklärten sie für verrückt. „Ich bin über 50 und habe in meinem ganzen Leben noch keine Homosexuellen gesehen oder getroffen. Ich glaube nicht, dass es sie gibt“, argumentierte ihr Vater.

Seine Tochter stellte ihm schwule Freunde wie Deep Soni vor. Sich zu outen sei für viele eine Horrorvorstellung, erzählt Deep. Der 22-Jährige besucht regelmäßig die Treffen von Queerabad, einer LGBTIQ-AktivistInnengruppe in Ahmedabad, wo ganz offen über Probleme und Ängste gesprochen wird. Indien sei eine Gesellschaft, in der Homosexualität mit Teufelsaustreibungen behandelt werde und ÄrztInnen glauben, dass dies die Folge eines schlimmen Traumas in der Kindheit sei, gegen das Medikamente helfen würden. Nur ein Bruchteil der LGBTIQ-Gemeinde gehe offen mit der eigenen Sexualität um, so bliebe die Gesellschaft in dem Glauben, dass Schwule und Lesben gar nicht existierten.

Vermittlung und Beratung. Das Ziel von Shahs PartnerInnenbörse sind langfristige Beziehungen. 700 bis 800 Registrierungs-Anfragen bekommt sie pro Woche, doch jede Registrierung sei aufwendig und kostenpflichtig, das schrecke viele ab. Singles, die einen Partner oder eine Partnerin in Indien suchen, zahlen einmalig 15.000 Rupien, umgerechnet rund 185 Euro. Wenn der oder die Zukünftige im Ausland lebt, werden 35.000 Rupien, circa 430 Euro, fällig.

Shah macht keinen Hehl daraus, dass sie keine gütige Samariterin, sondern eine Geschäftsfrau ist. Sie beschäftigt 26 MitarbeiterInnen, die alle Teil der LGBTIQ-Gemeinde sind. Mit einem Fragenkatalog prüft und sortiert Shah ihre KlientInnen und hat dabei einige Anforderungen. Das Mindestalter ist 24, die Identität, Zeugnisse und die finanzielle Unabhängigkeit werden geprüft, ausführliche Fragebögen ermitteln die Lebensgeschichten. Das ist Shah wichtig, denn Fake-Profile könne sie sich nicht erlauben.

Geschiedene Singles werden aufgenommen, Verheiratete dagegen nicht – und so schrumpfen die 800 Anfragen pro Woche auf ihrer PartnerInnenbörse auf am Ende etwa 80 InteressentInnen. „Und mit denen telefoniere ich dann“, sagt sie und lacht. Das sei ihre Leidenschaft, Menschen kennenzulernen, bei bevorstehenden Outings zu beraten und natürlich passende PartnerInnen vorzuschlagen. Pro Woche registrieren sich schließlich vier bis fünf Personen.

Bereits nach ein paar Monaten öffnete die junge Inderin die Plattform auch für Transgender-Menschen. Registriert sind derzeit über 2000 homo- oder bisexuelle, queere und Transgender-Menschen, vier davon in Österreich. Die Erfolgsbilanz nach gut zwei Jahren: 36 verheiratete Paare und 113 feste Beziehungen.

Uneinige Szene. Indiens LGBTIQ-Gemeinde ist vielfältig und die Frage nach einer „Ehe für alle“ spaltet die Szene. Das feministisch-queere Kollektiv LABIA setzt sich bereits seit 1995 für mehr Rechte lesbischer oder bisexueller Frauen sowie transgender Menschen ein. Von einer  künftige Homo-Ehe hält die Initiative wenig und setzt sich stattdessen für die Anerkennung alternativer Lebensformen ein. „Im ganzen Land sollte lieber gegen erzwungene oder nicht gewollte Ehen vorgegangen werden, davon würde nicht nur die LGBTIQ-Gemeinde profitieren“, so eine Sprecherin.

Homosexualität gilt in Indien nicht mehr als Verbrechen, aber gleichzeitig ist ein Urteil des Obersten Gerichtshofs noch keine Garantie für Akzeptanz in der Gesellschaft. Zu groß und mächtig scheint der Einfluss von Traditionen, Religion und sozialen Strukturen. Transgender-Menschen haben derzeit keine Chance auf reguläre Jobs, sie überleben nur durch Betteln und Prostitution.

Aber Shah setzt auf die Zukunft: 600 Millionen InderInnen, mehr als die Hälfte der Bevölkerung, sind jünger als 25 Jahre. „Wenn wir die Jugend offen und tolerant erziehen, haben wir in 50 Jahren ganz automatisch ein anderes Indien“, hofft sie.

Angela Weiß ist freie Multimedia-Journalistin, sie arbeitet und lebt in Bremen. Sie reiste mehrmals privat nach Indien, zuletzt als Stipendiatin der Robert Bosch-Stiftung.

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