„Auch positive Entwicklungen“

Farkhunda Zahra Naderi, afghanische Parlamentarierin, war im Juli auf Einladung der Vereinten Nationen in Wien. Ali Safi sprach mit ihr für das Südwind-Magazin über den umstrittenen Ausgang der Wahlen und die Situation der Frauen.

Farkhunda Zahra Naderi

Südwind-Magazin: Sind Sie zufrieden damit, was in Afghanistan im letzten Jahrzehnt erreicht wurde?
Farhkhunda Zahra Naderi:
Wir freuen uns über das Erreichte, aber zufrieden sind wir ganz und gar nicht: Es gibt nach wie vor schwere Menschenrechtsverletzungen, Armut herrscht und unser Land wird weiterhin von terroristischen Gruppen angegriffen. Dazu kommt die Drogenabhängigkeit und Drogenproduktion im Land, da kann man nicht zufrieden sein. Der Status quo ist auf frühere Bemühungen zurückzuführen, für weitere Veränderungen braucht es neue Initiativen, insbesondere in einem Land wie Afghanistan. Nicht zufrieden sein heißt aber nicht, dass wir die bisherigen Erfolge nicht schätzen. Ich bin dankbar dafür, was die Menschen in Afghanistan und die internationale Gemeinschaft geleistet haben.

Worin bestehen die größten Herausforderungen?
Meine Hauptsorge ist derzeit, dass die Legitimität der Wahlen untergraben wird. Einzelpersonen und kleine Gruppen versuchen, die Demokratie durch Gewaltanwendung zu erpressen. Sie drohen Afghanistan und der internationalen Gemeinschaft mit einem Bürgerkrieg, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen. Wenn wir einer solchen Erpressung nachgeben, würde das alle Erfolge des Landes zunichtemachen. Die Macht der Gewehre hätte sich wieder durchgesetzt, auf Kosten der Demokratie. Wir haben einen harten Kampf geführt, damit diese Wahlen stattfinden, weil wir einen friedlichen Machtwechsel wollten. Wenn Erpressung die Politik bestimmt, gehen alle Erfolge verloren.

Welche Art von Unterstützung braucht Afghanistan?
Wenn die internationale Gemeinschaft feststellt, dass die Wahlen von Gewalt bedroht sind und dazu schweigt, dann wird sie das gegenüber unserem Volk zu verantworten haben. Ich hoffe, dass die internationale Gemeinschaft sich einmischen und nicht schweigen wird, dass sie sich für die demokratischen Werte einsetzt und für die Stärkung der demokratischen Institutionen. Wenn sie nichts tut, stellt sie den afghanischen Politikern einen Freibrief für den Missbrauch unseres Landes aus. Die internationale Gemeinschaft hat für unsere Wahlen bezahlt, sie hat in diesen 13 Jahren viel in die Demokratie investiert. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Institutionen gestärkt und die Politiker davon überzeugt werden, die Gesetze einzuhalten.

Welches Afghanistan hätten Sie gerne in zehn Jahren, besonders aus Sicht der Frauen?
Ich kann mir ein größeres Engagement der internationalen Gemeinschaft vorstellen, und ein Empowerment von mehr afghanischen Frauen. Ich hoffe sehr stark, dass die afghanischen Frauen sich neuen Herausforderungen stellen und neue Chancen nutzen werden. Konkret denke ich etwa an die Berufung von Frauen in den Obersten Gerichtshof. Ich wünsche mir, dass sie ihre Rechte und Pflichten aus Sicht des Islam verstärkt zur Sprache bringen, und zwar in einem Umfeld, in dem diese Fragen nicht von Männern interpretiert werden, sondern in einem Umfeld, in dem Frauen zu ihrer Identität als afghanische Frauen, muslimische Frauen und Bürgerinnen dieser Welt finden können.

Sehen Sie die Taliban als Gefahr für die Zukunft Afghanistans?
Die einzige Gefahr für die Zukunft Afghanistans ist aus meiner Sicht das Fehlen von Demokratie, aber dazu wird es nicht kommen. Gefährlich wäre auch der Abbruch der Beziehungen mit der internationalen Gemeinschaft, aber auch das wird nicht passieren. Die internationale Gemeinschaft hat auf verschiedenen Konferenzen zahlreiche Verpflichtungen übernommen. Es gibt eine strategische Partnerschaft zwischen Afghanistan und der internationalen Gemeinschaft, die sicherstellen soll, dass wir solange unterstützt werden, bis wir keine Hilfe mehr brauchen.

Ist die Berichterstattung der westlichen Medien zu Afghanistan Ihrer Ansicht nach fair und korrekt?
Was die Medien zeigen, ist eine Seite der Geschichte, die Darstellung ist mit Sicherheit nicht fair. Sie müssen auch die andere Seite zeigen. Selbstmordanschläge sind nicht das einzige, was in Afghanistan passiert. Es gibt auch positive Entwicklungen. Die westlichen Länder haben mit ihrem Geld bezahlt, mit ihrem Blut, in einem weit entfernten Land in Asien, in Afghanistan. Diese Menschen wollen wissen, was ihre Investition in diesem Land verändert hat. Wenn sie nur Selbstmordanschläge sehen, denken sie, dass alles umsonst war. Wenn die Medien aber beide Seiten zeigen, dann könnten die Menschen ein besseres Verständnis von der komplexen Situation hier in Afghanistan entwickeln.

Farkhunda Zahra Naderi ist seit 2010 Abgeordnete zum Afghanischen Parlament. Sie setzt sich besonders für die Rechte der Frauen ein.

Ali Safi ist ein afghanischer Journalist und -Friedensaktivist. Er lebt in Wien und arbeitet für verschiedene internationale Medien und Forschungsinstitute.

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