Auf der Flucht vor Konzernen

Die große Reportage verschwindet zunehmend aus den Zeitungen. Dabei hätte ich durchaus Lust, einmal eine solche zu schreiben: Aber die Frau Chefredakteurin sagt, sie hat kein Budget, um mich nach Sibirien zu schicken. Mich würde das nämlich sehr interessieren, denn da gibt es ja diese Öko-Sekte mit dem Gründer, der von sich sagt, er ist der wiedergeborene Christus. (Ich sage nicht, wie sich der Mann nennt, sonst bekommt er noch mehr AnhängerInnen.) Seine Schüler und Schülerinnen haben die Nase voll von den Nahrungsmittel-Konzernen und leben total autark. Das bedeutet, dass die Frauen im Herbst wochenlang Gemüse einkochen und in Erdkellern einbunkern. Sie wollen gerüstet sein, für den Fall, dass das Erdöl ausgeht. Klingt sympathisch, nur der „Sektengründer“ spricht nicht mit Journalisten, er spricht lieber mit Gott – quasi unter Kollegen. Aber vielleicht auch mit dem „Reporter des Wahnsinns“?

Habe verstanden. Kein Budget. Gut, dann fahre ich in die Steiermark. Dass wir alle immer abhängiger von den großen Lebensmittelkonzernen werden, zeigt sich nämlich auch da. Habe unlängst von einem Vertrauensmann (ich sage den Namen nicht, sonst wird er mir etwas anhängen) folgende Information zugesteckt bekommen: Der Trick ist immer der gleiche – ob in Kenia oder in der Steiermark. Die Konzernzentralen recherchieren die fruchtbaren Flächen. Dann angelt man sich im Ort die Opinionleader. Im konkreten Fall hat man dem Bürgermeister einmal ein Grundstück zu sehr, sehr guten Konditionen abgekauft. Und dann verkündet man den Plan, einen großen Gemüsebetrieb zu eröffnen. Der Bürgermeister ist – Überraschung – voll dafür. Ziel: Der Konzern wird selbst zum Größtbauern und nimmt weiteren hunderten Kleinbauern die Luft zum Leben. Was, Frau Chefredakteurin, nicht einmal ein Zugticket in die Steiermark?

Gut. Bei mir ums Eck in der Guntherstraße hat die Lebensmittelkooperative „D’Speis“ einen Laden. Kein Geschäft, sondern ein Vereinslokal. Man kann dort Mitglied werden und an zwei Tagen in der Woche Obst, Gemüse und Brot abholen. Das wird alles von Biobauernhöfen und Kooperativen produziert. Eingetragen und bezahlt wird auf Vertrauensbasis. Sehr sympathisch. Dort geh ich zum nächsten Treffen vom „Arbeitskreis Schwammerl“. Das Ticket für den Gehweg zahl ich selber. Große Reportage gibt es dann zwar keine, aber twittern werde ich was :)) Einverstanden?

Georg Bauernfeind ist Kabarettist und Publizist in Wien. Programm und  Termine auf www.georg-bauernfeind.at

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