Auf literarischer Entdeckungsreise im Süden

Fundstücke

Von Karl Markus Gauß
Ich geb's ja gerne zu: an der Literatur schätze ich es immer noch, wenn sie nicht nur von sich selber handelt und selbstgenügsam mit Anspielungen, Zitaten und innerliterarischen Verweisen ihr Auslangen findet. Als Leser lasse ich mir den Anspruch nicht austreiben, dass man in einem Roman auch etwas erfahre von der Welt und wie man sich in ihr behaupten und scheitern, gegen sie revoltieren und mit ihr seine Freude haben kann.

Einer der Autoren, die ich besonders gerne lese, ist daher Rohinton Mistry, ein 1952 geborener Inder, der jetzt in Kanada lebt und auf Englisch Romane schreibt, die traurig und komisch zugleich sind, weil sie eben von diesem traurigen und komischen Leben erzählen. Von seinen Romanen ist mir das monumentale "Gleichgewicht der Welt" der liebste.

Es ist die Geschichte von vier Leuten, die der Zufall in Bombay zusammenführt. Wir sehen sie mit Witz und Verzweiflung, Phantasie und unerhörtem Lebensmut ihr Glück versuchen - und am Ende untergehen. Was den Roman einzigartig macht, das ist die gewitzte Daseinsfreude, die die strauchelnden Helden wider ihr Schicksal setzen, der Humor, der mitten im Elend aufblitzt.

Mit was für Berufen Mistry uns bekannt macht! Mit dem "Potenzhändler" beispielsweise. Überall, wo der auftaucht, gibt es bald einen Auflauf, und den Verkauf seiner Salben und Wässerchen legt er als volksbildnerische Veranstaltung an. Vom männlichen Zeugungsorgan gerät er da unvermittelt zur Staatskritik, von der sexuellen zur politischen Aufklärungsarbeit: "Steht er, aber nicht gerade genug? Hat das Instrument einen Knick? (...) Oder wackelt er hirnlos in der Mitte, wie die Congress Party? Probieren Sie meine Salbe, und er wird hart wie das Herz des Staates."

Rohinton Mistry: Das Gleichgewicht der Welt. Wolfgang-Krüger-Verlag, Frankfurt 1998 - und soeben auch als TB im Fischer Verlag erschienen.

863 Seiten, öS 145,-.

Karl-Markus Gauß, geboren 1954, lebt in Salzburg als Autor und Herausgeber der Zeitschrift

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