Aufbruch vom Rande der Städte und Dörfer

Im Burgenland siedeln Roma seit dem 17. Jahrhundert. Trotzdem ist die Integration in die Gesellschaft der Gebildeten, Besitzenden, Mächtigen bis heute nur zu einem kleinen Teil gegeben. Viele Roma wollen das nicht mehr akzeptieren. Ihre unermüdlichen Aktivitäten zeigen endlich Früchte.

Von Brigitte Pilz
Fährt man in Oberwart die südliche Umfahrungsstraße Richtung Gewerbezentrum, liegt links an einem Hang eine Ansammlung kleiner weißer Häuser. Es ist die Roma-Siedlung. Sie gelangte zu trauriger Berühmtheit, als hier in der Nacht zum 5. Februar 1995 eine Rohrbombe vier Roma tötete. Sie wollten eine Tafel mit der Aufschrift: „Roma zurück nach Indien!“ entfernen. Am nächsten Morgen herrschte in der Siedlung blankes Entsetzen. Die Angst war wieder da: Wer wird der nächste sein? Wo sind die Täter? Sie werden uns vernichten. Wir werden keine Ruhe haben. Kinder wurden traumatisiert. Manche können bis heute nicht über diesen Anschlag sprechen. Das Misstrauen gegenüber den Gadsche ist neu erwacht.
Diese Reaktionen haben einen tiefen historischen Hintergrund: Die meisten Roma im Burgenland sind entweder Überlebende des Nazi-Terrors oder Nachkommen von Überlebenden. Von Familien mit 30 und mehr Mitgliedern war vielleicht eines geblieben. Höchstens 1.500 österreichische Roma und Sinti haben den Nazi-Terror überlebt.
Die Verfolgung der Roma und Sinti in der Nazi-Zeit war die konsequente Fortführung der Ablehnung und Ausgrenzung der Roma auch im Burgenland. Zwischen Verfolgung, Anerkennung und Zwang zur Assimilierung war diese Volksgruppe seit dem 16. Jh. Spielball der Herrschenden.
Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es 130 „Zigeuner“siedlungen im Burgenland. Sie bestanden meist aus ein paar äußerst einfachen Lehmhütten, mit Stroh oder rohen Brettern gedeckt, außerhalb der Ortszentren, am Waldrand oder im Wald gelegen. Auf alten Fotos sind die Berufe der Männer zu erkennen: Musiker, Korbflechter, Scherenschleifer. Manche arbeiteten als Tagelöhner, Frauen und Kinder bettelten häufig und ließen schon mal etwas von einem Bauernhof mitgehen. Die Not war groß.

In der Volkszählung von 2001 gaben in Österreich 6.273 Personen Romanes als Umgangssprache an, davon 303 Personen im Burgenland. Schätzungen zufolge leben aber 30.000 Roma und Sinti in unserem Land, 10.000 alt Eingesessene und 20.000, die in den letzten 50 Jahren vor allem als GastarbeiterInnen aus dem ehemaligen Jugoslawien zugewandert sind.
Einige Roma haben ihre Lebensgeschichten dem Journalisten Erich Schneller erzählt. In seinem Buch (siehe Zum Weiterlesen Seite 44) kommen VertreterInnen verschiedener Generationen zu Wort. Die älteren haben auch nach dem Krieg in einfachsten Verhältnissen gelebt. Gisela Horvath, 1947 in Kleinbachselten geboren, erlebte ihre Kindheit trotzdem als „wunderschön“.
Die Mutter sei noch eine richtige „Zigeunerin“ gewesen. Sie ging regelmäßig betteln und war überall bekannt. Der Vater war Schleifer und Regenschirmmacher ... Weniger lustig war, dass sie in den Ferien immer mitfahren musste. Mit dem Pferdewagen ging es von Dorf zu Dorf. „Er hat geschliffen, die Mutter hat gekocht und ich hab mich geniert“, erinnert sie sich … Trotzdem sei es damals viel schöner gewesen als heute. „Wir haben uns oft zusammengesetzt, Kukuruz gebraten und Pläne geschmiedet.“ Gesprochen wurde nur Roman. Heute lebt Gisela Horvath von einer kleinen Rente mit ihrem Mann in der Siedlung in Unterwart.
Dann sind da die Jungen. Viele sind selbstbewusst, aktiv und davon überzeugt, sich und ihre Volksgruppe weiterbringen zu können. Gegenüber den Gadsche haben sie keine Berührungsängste. Manche finden, dass sich Roma oft selbst im Weg sind. Vieles werde den Roma heute angeboten, manche sähen die ausgestreckte Hand nicht.

Allgemein ist man in der Volksgruppe der Meinung, dass sich seit dem Jahr 1989 vieles im Bezirk Oberwart zum Besseren verändert hat. Damals wurde der „Verein Roma“ gegründet.
Susanne Baranyai war eine der InitiatorInnen. Die heute 40jährige Romni ist ein Bündel an Temperament und Energie. Ungerechtigkeiten haben sie immer schon auf die Palme gebracht. Dann hat sie begonnen, Gleichaltrige aufzurütteln, Missstände bei Ämtern, Polizei, in Lokalen lautstark aufzuzeigen. Und dann kam sie eines Tages mit ihrer damals dreijährigen Tochter am Kindergarten vorbei. Sie wusste, dass Roma-Kinder nicht aufgenommen wurden. „Das darf es nicht geben“, sprach sie sich Mut zu und ging hinein. Problemlos konnte sie ihre Tochter anmelden, die Leiterin war neu, und sie war aufgeschlossen. Das war ein Durchbruch. Die Jugendlichen verstärkten ihre Aktivitäten – auch gegen den Einwand vieler Älterer.
Heute ist der „Verein Roma“ Anlaufstelle für vieles und für alle Roma. Finanziell helfen das Land, die Stadt, Bundeskanzleramt und Unterrichtsministerium. Doch man muss äußerst knapp kalkulieren. Dringend notwendig wäre eine Ausdehnung in den Süden des Bundeslandes. Schwerpunkte der Arbeit sind die Lernbetreuung, die Bildungsberatung und die Integration am Arbeitsmarkt. Ein großes Problem war die Lernschwäche der Kinder und die Unwilligkeit vieler LehrerInnen, die Kinder zu fördern. Die meisten Eltern konnten es nicht tun, waren doch viele zumindest funktionelle AnalphabetInnen. So landete die Mehrzahl der Roma-Kinder in der Sonderschule – und das bis in die 1990er Jahre.
Susanne Baranyai: „Wir holen die Kinder ab, sie können hier im Verein mit professioneller Unterstützung ihre Aufgaben machen. Es werden Referate und Schularbeiten vorbereitet.“ Das gilt für Volks- und HauptschülerInnen. Bei der Nachhilfe für SchülerInnen weiterführender Schulen wird mit der Volkshochschule zusammen gearbeitet. Die Bildungssituation für Roma-Kinder hat sich seither dramatisch verbessert. Die 14-Jährigen erhalten spezielle Bildungsberatung und Hilfe dabei, den Berufswunsch umsetzen zu können. „Die Zusammenarbeit mit dem Arbeitsmarktservice klappt wunderbar“, sagt Susanne Baranyai.
Die Arbeitsvermittlung für Ältere, sprich für Roma über 30, gestaltet sich viel schwieriger, weil sie vielfach keine Ausbildung haben und in der Sonderschule gewesen sind. Und sie sind nach wie vor Vorurteilen ausgesetzt. Diese werden nicht mehr so offen artikuliert. Aber jeder im Burgenland weiß, dass Horvath, Baranyai oder Sarközi Roma-Namen sind.
„Unser Hauptanliegen ist die Integration, und zwar die ökonomische und soziale“, ist sich Susanne Baranyai sicher. „Es geht bei unserer Volksgruppe erst in zweiter Linie um Musik, Sprache oder Volkstanz. Es leben viele in sehr ärmlichen Verhältnissen.“ Soziale Projekte sieht das Bundeskanzleramt aber nicht als Volksgruppenförderung an, weshalb die finanzielle Unterstützung dafür sehr knapp ist.

„Viele Roma im Burgenland müssen von winzigen Renten leben, von Sozial- oder Notstandshilfe. Dabei will die Mehrheit diese Abhängigkeit nicht. Sie wollen selbst Geld verdienen. Das hebt ja auch das Selbstbewusstsein wesentlich“, berichtet Friederike Keindl. Sie ist Leiterin des Caritas-Projekts „Mri Buti“ („Meine Arbeit“). Finanzielle Förderung kommt derzeit auch von der Stadt und dem Land. Gemeinsam mit den Betroffenen wurde das Projekt ausgearbeitet. Sie können sich etwas Geld dazuverdienen. „Mri Buti“ führt einen Second-Hand-Laden und bietet verschiedene Dienste an: „Alles was mit Wäsche zu tun hat – Bügeln, Flicken usw. – das machen die Frauen. Die Männer übernehmen Garten- und Waldarbeiten.“ Aufträge kommen von Firmen und von Privatpersonen. „Das hat den Vorteil, dass die Mehrheitsbevölkerung in Oberwart endlich mehr Kontakt zu den Roma bekommt, sie als verlässlich, freundlich und kompetent erlebt.“ Die Aufträge werden über „Mri Buti“ abgewickelt. Auch hier wäre eine Ausweitung der Tätigkeit in den Süden des Burgenlandes dringend nötig. Dort leben Roma ziemlich verstreut und abseits der Dörfer in noch prekäreren Verhältnissen als im Bezirk Oberwart.
Ein Versuch der regionalen Ausweitung der Förder-Tätigkeit ist der RomBus. Er ist im ganzen Burgenland unterwegs. Dadurch kann Kontakt zu verstreut lebenden Roma gehalten werden. SchülerInnen erhalten Lernbetreuung. Man spricht mit ihren LehrerInnen. Eine kleine Mediathek steht im Bus zur Verfügung. Und es gibt Kurse in Roman. „Da ist ein Zehnjähriger genauso dabei wie eine Großmutter“, erzählt Emmerich Gärtner-Horvath. Er ist mit seinem Verein Roma Service, Kleinbachselten, Initiator des RomBusses. Sein Hauptanliegen ist die Förderung des Roman. „Viele sprechen ihre Muttersprache nicht mehr, sie lernen sie wieder in unseren Kursen an der Volkshochschule. Auch in einigen Schulen wird Roman inzwischen unterrichtet.“ Tatsächlich war es fünf vor zwölf, bestätigen viele. Ob die verschiedenen Bemühungen genügen, den Sprachtod zu verhindern, bleibt abzuwarten. Die eigene Sprache ist für den Erhalt der Identität sicher sehr wichtig. Roma haben im Laufe der Jahrhunderte trotz Anfeindungen und Verfolgung ihre Kultur und Identität zumindest teilweise erhalten können.
„Das ist großartig“, hat der Roma-Kenner und Schriftsteller Karl-Markus Gauss in einem Radio-Interview gesagt. „Die Frage heute ist: Kann man Roma nur helfen, indem man sie zu Gadsche macht? Sie sind ja nicht nur die letzten traurigen Zeugen einer vergangenen Welt. Sie stehen auch für eine kommende Welt. Nie haben sie einen eigenen Nationalstaat gehabt, verstreut auf viele Länder sind sie die wahren Europäer.“

Brigitte Pilz ist Herausgebervertreterin des Südwind-Magazins und freie Journalistin. Sie lebt in Wien und Kemeten im Burgenland.

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