Aufgeschobene Kindheitsträume

Von Redaktion ·

Wie erwachsene Frauen in Wien Fahrradfahren lernen, hat Barbara Ottawa recherchiert.

Die Teilnehmerinnen haben sich gegenseitig mit dem Smartphone beim Fahren aufgenommen, um den Männern und Kindern zu Hause zu beweisen, was sie können“, erzählt Nurgül S. (Name der Redaktion bekannt). Im Frühling dieses Jahres hatte sie an einem Radfahrkurs speziell für Migrantinnen teilgenommen.

„Wir mussten uns zuerst aufs Fahrrad setzen und mit den Füßen mitlaufen, nach dem dritten Mal bin ich dann plötzlich schon gefahren – das hätte ich nie gedacht“, sagt S. begeistert. Die 30-Jährige ist in der ländlichen Türkei aufgewachsen, wo nicht viele Kinder Fahrräder hatten und wenn, dann eher die Buben. Später, als sie mit den Eltern in Istanbul lebte, habe sie nie nach einem Fahrrad gefragt, weil „ich wusste, dass wir uns das nicht leisten können“. Dennoch hat S. über die Jahre immer wieder versucht, ihren Kindheitstraum zu erfüllen. „Aber es hat nie geklappt.“

Als sie dann von der Initiative der Radlobby im Auftrag der Mobilitätsagentur Wien hörte, nutzte sie die Gelegenheit. In Wien zu fahren traut sie sich noch nicht. Dazu würde sie gerne noch einen Kurs besuchen. Auch Eliza Brunmayr von der Radlobby fände es sehr sinnvoll, weiterführende Einheiten anzubieten. „Nach den schönen Erfolgen der Pilotprojekte wäre es jetzt wichtig, die Angebote auszubauen und um weitere Maßnahmen zu ergänzen, die das Radfahren von Migrantinnen fördern.“

Motivierte Fahrschülerinnen. Im Herbst wird wieder ein Kurs stattfinden, eine durchgängige Finanzierung fehlt bislang. Die Kurse im Frühjahr waren von der Mobilitätsagentur und aus Spendengeldern von Bike2Help finanziert worden. Das Angebot könnte noch viel größer sein, denn „die Begeisterung der Frauen, die teilgenommen haben, ist sehr groß“, so Brunmayr. „Durch Mundpropaganda haben schon viele Frauen davon erfahren und würden auch gerne Radfahren lernen.“ Insgesamt haben seit 2012 schon 180 Frauen an den Kursen teilgenommen — die jüngsten waren 20, die ältesten über 70 Jahre alt.

Nähere Informationen zu den Radkursen für Migrantinnen: www.radlobby.at

Mit September ist auch wieder das Projekt „Integradsion“ gestartet. Dabei werden Flüchtlinge mit PatInnen zusammengebracht, die gemeinsam in kooperierenden Werkstätten Fahrräder instandsetzen und Ausflüge machen. Radspenden und PatInnen werden gesucht. www.integradsion.at

Laut einer gemeinsamen Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) und der Radlobby hat knapp die Hälfte der befragten Migrantinnen aus Nicht-EU-Ländern das Fahrradfahren nie erlernt. In vielen Ländern ist Fahrradfahren für Frauen verpönt oder gar verboten. Auch Sarikaya bestätigt, dass es in ihrer Jugend „keine weiblichen Vorbilder“ gab. Gerade in Migrantenfamilien hätten jedoch Frauen eine „wichtige Rolle als Multiplikatoren“, so die Studienautoren.

Was fehlt, sind eigene Räder. Das Fahrradverleihsystem der Stadt Wien, „City Bike“, kann manchmal Abhilfe schaffen, Anfängerinnen tun sich jedoch mit diesen Rädern oft schwer. Dass S. heute kaum mit dem Fahrrad fährt, liegt eher am Zeitmangel. So konnte sie auch nicht bei den gemeinsamen Ausflügen der Kursteilnehmerinnen mitfahren. Obwohl sie findet, dass „nicht alle Räder für Frauen geeignet sind“, würde sie sich gerne ein eigenes kaufen. Sie ist hörbar froh, dass sie nun endlich die Fähigkeit besitzt, das zu tun, von dem sie als Kind schon geträumt hat: Fahrrad fahren.

Barbara Ottawa ist freie Journalistin und hat vor vier Jahren ihre Leidenschaft fürs Fahrradfahren entdeckt. Auf ihren alten Stahlrahmen – derzeit sind es drei und ein Faltrad – fährt sie am liebsten Langstrecken, aber auch tägliche Wege in und um Wien.

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