Aus Armut blind

Blindheit zu vermeiden ist oft gar nicht so schwer – etwa wenn es um die Operation am Grauen Star geht. Die Organisation „Licht für die Welt“ ist auf diesem Gebiet besonders erfolgreich.

Von Brigitte Pilz
Januário Candieiro weiß nicht genau, wie alt er ist. So um die siebzig vielleicht. Er hat neun Kinder und jede Menge Enkel und Urenkel. Er ist mit dem Bus aus dem 70 Kilometer entfernten Mutarara in die Augenklinik nach Beira gekommen. Seine Frau hat ihn begleitet, denn er sah kaum noch etwas. Das Fahrgeld hat die Familie durch den Verkauf von ein paar Hühnern aufgebracht. Vor einer Woche wurde der Graue Star an seinem rechten Auge operiert. In ein paar Tagen kommt das linke Auge dran.
Die Augenklinik in Beira, der zweitgrößten Stadt Mosambiks, ist ein Projekt der österreichischen Organisation „Licht für die Welt“ (früher Christoffel Blindenmission). Sie hat dafür im großen staatlichen Krankenhaus die Augenabteilung revitalisiert.
Gert Binder, Koordinator des Projekts, berichtet: „Im Radio und in der Zeitung haben wir die Eröffnung der Augenklinik angekündigt und darüber informiert, dass wir niemanden wegschicken und die Leute nur eine kleine Ambulanzgebühr bezahlen müssen. Der Ansturm war groß. Täglich haben wir zwischen 100 und 200 Patienten hier. Es hat sich sofort herumgesprochen, dass wir ‚Wunder vollbringen‘.“

Das Wunder ist die Operation am Grauen Star (Katarakt), ein einfacher Eingriff, bei dem die getrübte Linse durch eine künstliche, eine sogenannte intraokulare Linse ersetzt wird. Damit kann die drohende Blindheit mit Sicherheit verhindert werden. Grauer Star ist nach wie vor die Hauptursache von Blindheit. Weitere Erkrankungen wie Trachom, Flussblindheit, Grüner Star oder Blindheit wegen Vitamin-A-Mangels sind grundsätzlich auch vermeid- oder heilbar.
Trotzdem erblindet alle fünf Sekunden ein Mensch, jede Minute ist es ein Kind. Insgesamt leben 37 Millionen blinde Menschen auf der Erde, 90 Prozent davon in armen Ländern. 124 Millionen sind schwer sehbehindert. In acht von zehn Fällen könnte Blindheit mit einfachen Mitteln vermieden werden. Eine Operation am Grauen Star kostet 30 Euro. Doch den Betroffenen ist der Zugang zu Hilfe meist verwehrt, es fehlt an Gesundheitseinrichtungen und medizinischem Personal. Die Menschen leiden an Armutsblindheit.
Kaushal Dhingra, gebürtiger Inder, ist Augenarzt und Leiter der Augenklinik in Beira. Rund tausend Operationen führt er pro Jahr am Grauen Star durch. „Es könnten auch mehr sein“, sagt er, „aber wir behandeln ja auch andere Augenkrankheiten, diagnostizieren Sehschwäche, geben Brillen aus.“
In der Bettenabteilung liegt Elisabeta, kaum ein Jahr alt. Die Kleine hat angeborenen Grauen Star, an einem Auge wurde sie bereits operiert, jetzt kommt das zweite dran. Die Mutter ist sehr zuversichtlich und froh, dass ihrer Tochter ein Leben in Blindheit erspart bleibt. „Obwohl meist ältere Menschen an Linsentrübung erkranken, ist die Operation gerade bei Kindern extrem wichtig. Die haben ja noch ihr ganzes Leben vor sich“, bemerkt Binder. Alte gewinnen an Achtung, wenn sie wieder sehen und vor allem in Haus und Hof mithelfen können. „Frauen kommen leider oft erst, wenn am zweiten Auge die Sehschwäche zunimmt“, bedauert Dhingra. Sehen können allein ist für sie anscheinend nicht so wichtig wie für die Männer. Erst sehen, um arbeiten zu können, zählt.

In Österreich setzt „Licht für die Welt“, seit dem vorigen Jahr eine vom internationalen Verband unabhängige Organisation, auf großflächige Plakat-Werbung mit prominenter Unterstützung. Der Erfolg schlägt sich in Spenden nieder. Jährlich sind es rund vier Millionen Euro oder 90 Prozent der Projektaktivitäten weltweit. 2004 wurden neben anderen Tätigkeiten fast 56.000 Operationen am Grauen Star durchgeführt. Verhinderung von Blindheit ist zwar das Hauptthema, es geht aber auch um Behandlung und Betreuung von Menschen mit anderen Behinderungen. Seit kurzer Zeit gibt es für einzelne Initiativen der Nichtregierungsorganisation einen Fördervertrag mit der Austrian Development Agency, also Geldmittel aus dem staatlichen österreichischen Entwicklungshilfetopf.
So wirkungsvoll die Projekte auch sind, Behandlung und Betreuung der Betroffenen können nur dann nachhaltig sein, wenn das Gesundheitssystem eines Landes diesem Problem Aufmerksamkeit schenkt und Vorkehrungen trifft. Deshalb arbeitet man zum Beispiel in Mosambik an einem „Nationalen Blindheitsverhütungsprogramm“ mit. Die Aufgabe ist groß: Derzeit gibt es in diesem Land für seine 18 Millionen EinwohnerInnen sieben Augenärzte, davon arbeiten fünf in der Hauptstadt Maputo.

Brigitte Pilz hat die Monate Mai und Juni d.J. in Mosambik verbracht und eine Reihe von Projekten besucht.

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