Aus „die“ wurde „wir“

Von Christina Schroeder · ·
Berlin: Solidaritätsdemo mit Protestierenden im Iran
Am 22. Oktober gingen rund 80.000 Menschen in Berlin auf die Straße, um sich solidarisch mit den Protestierenden im Iran zu zeigen © Amir Sarabadani/ CC BY-SA 4.0

Seinen Namen will ein Österreicher mit iranischem Vater aus Sicherheitsgründen nicht mehr veröffentlicht sehen. Aber er will teilen, welche Auswirkungen die aktuellen Geschehnisse auf sein Selbstverständnis haben.

Meine Mutter ist aus Österreich, mein Vater aus dem Iran. 1964 kam er wie viele andere zum Studieren nach Wien und hat sie auf der Universität kennengelernt. Meine Schwester und ich kamen noch vor der Revolution 1979 im Iran zur Welt. Diese führte zur Beendigung der Monarchie und zur Diktatur durch das Regime, das bis heute noch an der Macht ist. Weil mein Vater Iraner war, waren auch wir automatisch iranische Staatsbürger*innen. Eigentlich wollten meine Eltern mit uns in den Iran gehen, um dort zu leben. Meine Mutter sprach damals schon Persisch.
Doch nach der Revolution beschlossen sie, dass wir in Österreich blieben. Ich bekam einen österreichischen Reisepass und mein Vater hörte auf mit uns Persisch zu reden. Hier aufgewachsen verstand ich mich später selbst als so „österreichisch“, wie man halt sein kann: ein grantiger, verwöhnter Wiener.

Zum ersten Mal im Iran
Mit 28 Jahren bin ich das erste Mal in den Iran gefahren, um meine Familie kennenzulernen. Ich verliebte mich in das Land und diese Menschen. Ich fing von vorne an Persisch zu lernen, und einen kleinen iranischen Teil in mir zu entdecken.
Aber ich wusste auch, dass auf das, was ich bin – homosexuell und christlich getauft – die Todesstrafe stand. Damit konnte ich zwar leben, aber es hielt mich emotional immer auf einer gewissen Distanz zu meiner Herkunft. Ich sprach über „die Iranerinnen und Iraner“. Ich nahm ihre Aufstände gegen das Regime als Überschriften in den Medien wahr.

„Wir Iraner*innen“
Mit der Ermordung von Mahsa Amini im September 2022 und der Reaktion der Protestierenden änderte sich das – alles. Ich weiß nicht, was das auschlaggebende Moment dafür war.
Der Mut und die Hingabe dieser wunderbaren jungen Menschen jeglicher ethnischer Zugehörigkeit und sozialer Schicht rühren mich über die Maßen und ich empfinde nichts als Ehrfurcht. Die Brutalität des Regimes, deren Zeug*innen wir über die sozialen Medien täglich – ja stündlich – werden, ist die grausamste und abscheulichste.
Wir Iraner*innen kennen die Willkür dieser theokratischen Diktatur aus Erzählungen, sehr viele leider auch aus eigener Erfahrung. Aber ich bin mittlerweile überzeugt, dass es kein Zurück mehr gibt. Das Regime hat keine Legitimation und ist eine diktatorische Besatzungsmacht.
Ich kann nicht begründen, woher diese Gewissheit rührt, sie hat das Iranische in meiner Seele aufgerufen. Ich will in Teheran leben, um dabei zu sein, wenn ein neuer demokratischer Staat entsteht.

Dankbar und bewusst
In diesen Zeiten bin mir sehr bewusst, in welch privilegierter Situation ich mich befinde. Weder 1979 noch jetzt mussten mein Vater oder ich uns in der Zeit vor oder nach der Revolution fürchten oder bedroht fühlen. Ich bin wirklich dankbar, dass ich nicht im Iran, sondern in Österreich aufgewachsen bin und empfinde es als vielleicht das größte Geschenk in meinem Leben.


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