Ausflugsziel Killing Fields

Von Jürgen Plank ·

Viele TouristInnen bleiben nur kurz in Kambodscha und besuchen Angkor Wat, den größten Tempelkomplex der Welt. Daneben blühen in dem Land am Mekong zwei spezielle Formen des Reisens: Freiwilligentourismus und Trauma-Tourismus.

„Die Roten Khmer waren einfach verrückt!“ Unser Guide Jon* schüttelt den Kopf: „Allein hier in der Region sind 10.000 Menschen getötet worden.“ Wir stehen vor einem Denkmal in der Nähe der Provinzhauptstadt Battambang, der zweitgrößten Stadt Kambodschas. Das Denkmal erinnert an die Opfer der Roten Khmer, die Inschriften an den Wänden berichten von den Gräueltaten: Zwischen 1975 und 1979 wollten die Roten Khmer in Kambodscha einen Agrar-Kommunismus etablieren, in dem alle Menschen gleich sein, auf den Feldern arbeiten und uniforme Kleidung tragen sollten. Das paranoide Willkür-Regime von Saloth Sar, genannt Pol Pot, hat nach Schätzungen ein bis zwei Millionen Menschen getötet: Oppositionelle, LehrerInnen, Mönche, BrillenträgerInnen oder einfach Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen. „Auch ich habe damals vier Verwandte verloren“, sagt Jon.

In ganz Kambodscha gibt es rund 80 Gedenkstätten, die an die Opfer der traumatischen Geschichte erinnern. Sie stehen an Plätzen, die historisch so stark belastet sind, dass sie nur mehr für eine Gedenkstätte in Frage kommen. Die bedeutendsten sind das Toul Sleng Genocide Museum (früher das Sicherheitsgefängnis 21) und das Choeng Ek Memorial (das bekannteste der „Killing Fields“). Laut Forschungen von Laurie Beth Clark von der Universität Wisconsin sind die BesucherInnen dieser Stätten vor allem Überlebende, deren Angehörige sowie nicht betroffene TouristInnen. Clark hat für diese Form des Sightseeing den Begriff Trauma-Tourismus geprägt (siehe S.32).

„Auch die Kambodschaner sollen die Chance haben, S21 und Choeng Ek zu sehen und die Geschichte des Khmer-Regimes kennen zu lernen“, sagt Neth Pheaktra, Pressesprecher des Roten Khmer Tribunals. Rund 26.000 KambodschanerInnen aus dem ganzen Land haben bereits an dem kostenlosen „Study Tour Programm“ teilgenommen und diese Orte besucht.

Als Tourist oder Touristin wird man in der Hauptstadt Phnom Penh immer wieder darauf angesprochen, ob man nicht zu den „Killing Fields“ fahren wolle. Gemeint ist das Choeng Ek Völkermord-Gedenkzentrum, 15 Kilometer südlich von Phnom Penh. In Choeng Ek wurden rund 20.000 Menschen ermordet. 1988 wurde eine Stupa zum Gedenken an die Getöteten errichtet, darin lagern rund 5.000 Schädel. Am Eingang zu der parkähnlichen Anlage erhalten die BesucherInnen einen sehr gut aufbereiteten Audio-Guide in mehr als zehn Sprachen – von Englisch und Französisch bis Schwedisch und Deutsch.

Im Sicherheitsgefängnis 21, einer ehemaligen Schule, wurden „Feinde“ interniert und gefoltert, um absurde Geständnisse wie die Spionage für den CIA zu erpressen. 1980 wurde es von den vietnamesischen Besatzern zum Museum umfunktioniert. Um eine Rechtfertigung für die Befreiung Kambodschas zu haben, beließen die Vietnamesen S21 fast unverändert – es ist nach wie vor ein beklemmender Ort. An den Wänden hängen tausende Bilder der Opfer. Wie unter anderen Terror-Regimen haben auch der Gefängnisdirektor Kiang Guek Eav („Duch“) und seine Schergen den Genozid genau dokumentiert. Die offizielle Website des kambodschanischen Tourismusministeriums bewirbt S21, das jetzt Toul Sleng Genocide Museum heißt, als touristisches Ziel: „Tuol Sleng bezeugt die Verrücktheit des Regimes der Roten Khmer.“

Hintergrund: Die Roten Khmer

Ab 1970 beginnt die maostisch-nationalistische Guerilla der Roten Khmer in Kambodscha, Kämpfer auf dem Land zu rekrutieren. 1975 nehmen die Truppen unter Anführer Pol Pot die Hauptstadt Phnom Penh ein. Das Regime der Roten Khmer verbreitet Angst und Schrecken, Folter und Massentötungen sind an der Tagesordnung. Zwischen ein und zwei Millionen Menschen verlieren ihr Leben.

Nach Grenzzwischenfällen dringen 1979 vietnamesische Truppen nach Kambodscha ein. Die Roten Khmer ziehen sich zwar zurück, führen aber jahrelang einen Guerilla-Krieg gegen die vietnamesischen Besatzer. 1989 ziehen die Besatzungstruppen schließlich ab. 1991 wird ein dauerhafter Friedensvertrag geschlossen, und Kambodscha wird zum UN-Protektorat. 1993 wird Kambodscha offiziell zur konstitutionellen Monarchie.  noh

Überall findet man in Kambodscha Spuren der Vergangenheit. Vor dem Königspalast in Phnom Penh bettelt ein Mann TouristInnen an: „Thank you!“ Er hat beide Beine verloren. Jeden Tag steigen in Kambodscha zwei bis drei Menschen auf Minen. „Früher starben 40 Prozent der Landminenopfer am Weg ins Spital“, sagt Yang Wan Heng, Direktor von TCF (Trauma Care Foundation), der ersten kambodschanischen NGO. Deshalb bietet TCF seit 1996 dank norwegischer Spendengelder Schulungen in Erster Hilfe. Heute überleben neun von zehn Opfern. Von psychologischer Beratung weiß der Direktor nichts zu erzählen. „Wenn wir die Minenopfer umschulen, damit sie wieder etwas verdienen, holen wir sie aus einer etwaigen Depression.“ Neben TCF sind in Kambodscha mittlerweile mehr als 1.000 Nichtregierungs-organisationen tätig. Sie entschärfen Landminen, helfen Frauen, Waisen und Armen oder bieten Englischunterricht.

Tourismus ist ein wichtiger Hoffnungsträger der Wirtschaft Kambodschas, für dieses Jahr werden rund vier Millionen Gäste erwartet. Unter westlichen TouristInnen boomt zurzeit der „Voluntourism“, der Freiwilligentourismus. Dafür sind NGOs eine willkommene Anlaufstelle. Das Verrichten von freiwilliger Arbeit im Urlaub ist ein Millionengeschäft, weil Vermittlerorganisationen zum Teil mehrere tausend Euro für einen Freiwilligeneinsatz verlangen. Oft geht pro Freiwilligem nur ein Bruchteil – 35 bis 50 Euro pro Monat – an die lokale kambodschanische Einrichtung.

ReporterInnen des Nachrichtensenders Al Jazeera haben aufgedeckt, dass Waisenhäuser in Kambodscha zum Teil aus reiner Profitgier eröffnet werden, ihre Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren auf 500 verdoppelt. Al Jazeera berichtet von schrecklichen Zuständen: Manche Kinder schlafen auf Metallbetten ohne Matratze und erhalten zu wenig Essen. Spendengelder kommen nicht immer bei den Betroffenen an und manche Waisen haben noch Eltern.

Doch es geht auch anders. „Unsere Freiwilligen müssen nichts bezahlen“, sagt Romain Cogne von der NGO Agua de Coco, die in Battambang mit Frauen arbeitet. Sie stellen Kunsthandwerk her, das in einem kleinen Laden von Agua de Coco verkauft wird.

Sicher, viele Organisationen arbeiten gut. Um die Geschäftemacher zu erkennen, ist vor dem Helfen eine eigenverantwortliche Recherche notwendig. Wer ohne Leumundszeugnis als HelferIn akzeptiert wird und – wie die KollegInnen von Al Jazeera recherchiert haben – ohne jede Vorbereitung sofort mit dem Unterrichten von Kindern beginnen soll, ist wohl bei einer unseriösen Einrichtung gelandet.

* Name von der Redaktion geändert.

Jürgen Plank ist Ethnologe, Musiker und DJ. Vor Kurzem hat er Südostasien bereist.

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