Ausgestoßen und verdammt

Von Gladys Charowa ·

Inmitten der chaotischen Zustände in Simbabwe sind behinderte Frauen mit mörderischen Vorurteilen, Hunger und Vergewaltigung konfrontiert, berichtet NI-Autorin Gladys Charowa.

Die Menschen, zu denen ich aufgesehen hatte, ließen mich im Stich. Als Schülerin hatte ich sie stets geachtet, und ich verließ mich auf sie wie auf meine Familie. Ich sprach mit ihnen über alle meine Probleme und Sorgen. Mit sieben Jahren dachte ich nicht, dass mich ein Mann seines Alters, in etwa 30, als Frau betrachten würde. Er brachte mich zum Geschlechtsverkehr, obwohl ich mich weigerte. Ich hatte Angst und fürchtete um mein Leben. Er nützte meine Wehrlosigkeit aus. Ich konnte das niemandem erzählen, da ich nicht mehr wusste, wem ich trauen sollte, nachdem die Schuldirektorin zugelassen hatte, dass er mich vergewaltigte. Ich war depressiv und durcheinander, obwohl ich nicht die einzige war. Es gab zehn von uns, die derselbe Lehrer missbraucht hatte.
Schließlich meldeten wir den Fall, und es kam zu einer Gerichtsverhandlung. Als ob das nicht schon genug gewesen wäre, vergewaltigte ein anderer Lehrer vier von uns noch einmal, genau als wir von unserer Zeugenaussage vor Gericht zurückkamen. Es scheint keinen Schutz für Kinder zu geben. Vor Gericht machten wir unsere Zeugenaussage in Anwesenheit des Lehrers.“

Die heute achtjährige Vongai, die einen Rollstuhl benutzt, seit sie an Kinderlähmung erkrankte, besucht die mittlerweile berüchtigte Volksschule in Macheke. Das Gericht, vor dem sie und die anderen Schülerinnen aussagten, ist ein Herrschaftsbereich der Männer. Einige der MittäterInnen sind weiter auf freiem Fuß, inklusive der Schuldirektorin. Sie steht unter Verdacht, die Vergewaltigung der Kinder ermöglicht zu haben, indem sie die Vergewaltiger zusammenrief und Wache hielt, während die Verbrechen begangen wurden. Den Kindern kam auch zu Ohren, dass mächtige Leute in der Provinz nach Belieben vergewaltigen würden und bisher nicht verhaftet worden wären.
Man würde gerne glauben, dass die Geschichte von Vongai außergewöhnlich wäre. Leider ist das nicht der Fall. In Simbabwe ist eine Behinderung ein Fluch, weil die Gesellschaft sie als Fluch betrachtet, und behinderte Mädchen und Frauen leiden besonders darunter. Die Menschen glauben, dass Behinderungen durch böse Mächte verursacht werden. Manche halten sie für eine Folge von Prostitution, Hexerei oder für eine Strafe Gottes. Behinderte Menschen gelten als nutzlos, als Last und Risiko. Sie werden automatisch ausgestoßen, und man verweigert ihnen, normale Rollen in der Gesellschaft zu übernehmen.
Frauen mit Behinderungen haben ein besonderes hohes Risiko, missbraucht zu werden. In unserer Gesellschaft gilt jeder Erfolg als Verdienst der Männer, während an jedem Misserfolg die Frauen schuld sind. Bringt eine Frau ein behindertes Kind zur Welt, wird ihr die Schuld gegeben, und sie muss allein für das Kind sorgen. Zieht sich eine Frau eine körperliche Behinderung zu, verlässt sie ihr Gatte und nimmt sich eine Frau mit „intaktem“ Körper. Passiert es jedoch umgekehrt, werden Frauen in der Familie bleiben und sich um ihre behinderten Männer kümmern.

Sogar Menschen, die angeblich aufgeklärt sind, diskriminieren, ob sie selbst Frauen sind oder nicht. Als ich mit der Leiterin einer einflussreichen und angesehenen Frauenorganisation telefonierte, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren, erhielt ich die folgende Antwort: „Wir arbeiten nicht mit Behinderten. Was werden die Leute sagen, wenn sie sehen, dass ich mich mit Ihnen treffe? Sie müssen zuhause bleiben und beim Sozialamt um Nahrungsmittelhilfe ansuchen.“
Ein etwas seltsamer Ratschlag, zumal in einem Land, in dem sich behinderte Menschen aufgrund ihrer bitteren Armut oft nicht einmal ein einziges ordentliches Essen am Tag leisten können. Im südlichen Afrika hat sich die Lage durch die wiederholten Dürren der letzten fünf Jahre verschärft. In Simbabwe haben behinderte Menschen oft zu wenig Geld, um sich Geräte wie Rollstühle, Hörapparate, Gehstöcke, Krücken etc. zu beschaffen. Manche verwenden stattdessen Schubkarren, Ochsenkarren und selbst gebaute Transportmittel aus Holz, die muchanja (das Shona-Wort für Mobilität). Ich nahm 2001 gemeinsam mit 18 anderen an einem Rehabilitationsprogramm teil, nachdem ich mir meine Behinderung zugezogen hatte. Ich bin heute die einzige von ihnen, die noch lebt. Die übrigen starben allesamt an Druckgeschwüren (Dekubitus). Was ist schon anderes zu erwarten, wenn sich jemand keinen Rollstuhl leisten kann und stattdessen eine Schubkarre verwendet.
Die Inflation nimmt weiter zu, obwohl die Regierung versucht, sie durch Preisregulierung und Preiskontrollen zu stoppen. Die Auswirkungen sind besonders für Behinderte und Frauen gravierend. Im ländlichen Simbabwe werden viele Haushalte von Frauen geführt, da die Männer in städtischen Gebieten arbeiten oder wegen der HIV/Aids-Epidemie gestorben sind. Das bedeutet, dass die Frauen einen einsamen Kampf um die Versorgung ihrer Familie führen. Sie müssen um Nahrungsmittel raufen und darum betteln, denn in den Geschäften ist alles knapp.
In den Städten leben viele unter freiem Himmel, weil sie kein festes Zuhause haben. Die Obdachlosigkeit hat sich seit der jüngsten „Operation Murambatsina“ (wörtlich „Schmutz beseitigen“) verschlimmert, da in deren Rahmen in den meisten Städten des Landes viele selbstgebaute Hütten zerstört wurden. Schätzungen zufolge wurden mehr als eine Million Menschen obdachlos, und 20 Prozent davon sind Menschen mit Behinderungen. Da sie die Ärmsten der Armen sind, mussten sie sich mit solchen Bretterbuden begnügen.

Die meisten Häuser in Afrika sind nicht für die Bedürfnisse von RollstuhlfahrerInnen geeignet. Wie unsere Nachforschungen ergaben, verwenden sie oft ihre Betten als Toiletten und Badezimmer, da sie in diese kleinen Räume einfach nicht hinein kommen. Selbst in öffentlichen Gebäuden ist Barrierefreiheit ein Fremdwort.
Einige Traditionen und Gebräuche in Simbabwe sind für Kinder, insbesondere Mädchen, mit einer erheblichen Missbrauchsgefahr verbunden. Praktiken wie kuzvarira – dabei wird eine Tochter gegen Nahrungsmittel getauscht, um eine hungernde Familie zu retten – können eine Betroffene zu ewigem Leiden verdammen. Sie ist gezwungen, früh zu heiraten und hat daher keine Chance, etwas für ihre eigene Zukunft zu tun, etwa indem sie eine Schule besucht. Solche Ehen werden oft mit sehr alten Männern vereinbart, und meist handelt es sich um polygame Verbindungen, womit das Leben für das junge Mädchen zur Hölle auf Erden wird.
Prostitution ist für viele, die ihre Familien nicht versorgen können, eine weitere Notlösung. Hunger kennt keine Würde und führt zu rücksichtslosem Verhalten. Zwangsheiraten und Prostitution bedeuten für Frauen und Mädchen, einschließlich jener mit Behinderungen, das Risiko einer Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten. Kein Wunder, dass Simbabwe zu den Ländern mit der höchsten Prävalenz von HIV/Aids in Afrika gehört.
Tanten und Schwiegermütter sind oft die ersten, die eine Frau, die behindert ist oder ein behindertes Kind geboren hat, zur Schuldigen erklären. Sie ermutigen ihre Brüder und Söhne zur Scheidung.

Der Glaube, dass sich Aids durch Sex mit einer behinderten Frau heilen lässt, führt zu zahlreichen Vergewaltigungen. Allein 2004 starben neun Mitglieder der Disabled Women Support Organisation (DWSO) an Aids, nachdem sie sexuell missbraucht wurden. Zu den entmutigendsten Fällen gehört der einer Mutter, die ihrem Bruder half, ihre junge Tochter zu vergewaltigen, um seine HIV-Infektion zu beseitigen. Das Mädchen starb eineinhalb Jahre später. Das Girl Child Network berichtet, dass sogar zweijährige Mädchen von ihren Erziehungsberechtigten oder nahen Verwandten sexuell missbraucht werden, weil sie an diese Aids-Heilungsmethode glauben.
Wir kämpfen darum, als Menschen anerkannt zu werden. Wir hoffen, dass wir aus der prekären Lage entkommen, in der wir uns befinden, indem wir für unsere Ziele kämpfen, und dass unsere Rechte respektiert werden. Ich habe gelernt, dass wir nur dann Großes erreichen werden, wenn wir nicht nur handeln, sondern auch träumen und nicht nur planen, sondern auch glauben.

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AutorenInfo:
Gladys Charowa ist eine alleinerziehende Mutter zweier Kinder und seit Dezember 2001 aufgrund von Wirbelsäulenverletzungen durch einen Autounfall behindert. Sie ist Gründerin der Disabled Women Support Organisation (DWSO). Ziel der DWSO ist es, Frauen und Mädchen mit Behinderungen zu mehr physischer und wirtschaftlicher Selbstbestimmung zu verhelfen.

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