Bagdads Kunstszene sucht den Weg zurück

Von Markus Schauta · ·
Der Druckgrafiker Haleem Qasem vor einem seiner Bilder
Den Druckgrafiker Haleem Qasem inspiriert die Unsicherheit, die in Bagdad vorherrscht © Benedikt Schöffmann

Iraks traditionsreiche Kunstszene beginnt sich nach Jahren von Sanktionen, Krieg und Chaos langsam zu erholen.

In Bagdads Stadtviertel Karrada blüht eine kleine, aber feine Künstler*innenszene. „The Gallery“ eröffnete im Oktober 2021. „Wir wollen irakische Künstler und Künstlerinnen angemessen repräsentieren“, sagt Arwa Qutaiba, die Leiterin der Galerie. Kreative, Sammler*innen und eine an Kunst interessierte Öffentlichkeit sollen hier zusammentreffen, die Szene soll belebt werden.

Zurzeit werden die Werke von etwa 70 zeitgenössischen Kunstschaffenden ausgestellt, sagt Qutaiba. Dabei sei es ihr wichtig, Kunstwerke aus allen Teilen Iraks zu präsentieren. „Wir wollen auch jenen eine Chance geben, die abseits vom künstlerischen Zentrum Bagdad tätig sind“, stellt sie klar.

Keine einfache Aufgabe, die sich Qutaiba stellt, denn die Situation im Land und in der Hauptstadt ist in vielerlei Hinsicht schwierig: Armut, Korruption und Unsicherheit sind große Herausforderungen für die Irakerinnen und Iraker. Vor drei Jahren entstand eine breite Protestbewegung, Hunderttausende prangern die hohe Jugendarbeitslosigkeit, eine verfallende Infrastruktur und mangelnde Demokratie an – bis heute, gerade im Herbst kam es wieder zu großen Protesten.

Kunstszene war vital 
Und dazwischen neue Kunstinitiativen: Was auf den ersten Blick aussieht, als würde es eben erst entstehen, hat im Irak eine lange Tradition. Noch unter der Diktatur Saddam Husseins, also bis 2003, war Bagdad eines der kreativen Zentren des Nahen Ostens. Abseits der vom Regime in Auftrag gegebenen Führerporträts gab es eine vielfältige, vitale Szene und internationale Kunstausstellungen. „Bis in die 1990er existierten dutzende Galerien in Bagdad“, sagt der Künstler Saad Abid Zaid, dessen Werke in „The Gallery“ ausgestellt werden. Die bildende Kunst wurde hoch geschätzt.

Doch die dem Irak als Reaktion auf den Einmarsch in Kuwait 1990 auferlegten Sanktionen ließen die Wirtschaft zusammenbrechen. „Viele Galerien mussten schließen, andere wanderten nach Jordanien ab“, erzählt der 50-jährige Zaid.

Kein Geld für Kunst
Inzwischen beginne die Szene sich zu erholen. „Es gibt heute in Bagdad etwa zehn Galerien“, sagt er. Leben könne man vom Verkauf der Kunstwerke aber kaum: „Die Leute, die im Irak Geld haben, kaufen sich lieber teure Autos statt Kunst.“

Ist die Kunstszene also so richtig zurück? „Nein“, sagt Zaid, ohne lange zu überlegen. Zu viele Menschen seien dafür nicht zugänglich. „Die meisten Leute haben andere Sorgen, werden getrieben von der Frage, woher sie die nächste Mahlzeit oder die nächste Spritze bekommen sollen“, sagt Zaid und spielt damit auf den zunehmenden Drogenmissbrauch an. „In ihrem Leben ist kein Platz für Kunst“, stellt er fest.

Als Künstler brauche er aber Menschen, mit denen er sich austauschen und Ideen entwickeln könne, so Zaid. Städte wie Berlin, Paris, London, Kuba oder auch Moskau könnten dieses Klima bieten. Ebenso die USA, wo Zaid zwei Jahre lang lebte und quer durch das Land reiste: „Das sind inspirierende Orte, um Kunst zu erschaffen“, sagt er.

Momente zwischen Leben und Tod
Haleem Qasem sieht das anders. Für den Druckgrafiker ist Bagdad jene Stadt, die ihn am meisten inspiriert, mehr als jede andere Stadt. „An anderen Orten dominiert die Routine, dort läuft jeder Tag gleich ab“, sagt Qasem.

Bagdad sei anders. Die Stadt komme nicht zur Ruhe, immer wieder gebe es Momente zwischen Leben und Tod. Erst im August starben mindestens zwölf Menschen, als Demonstrant*innen das Regierungsviertel in Bagdad stürmten.

Diese generelle Unsicherheit und die Ungewissheit, was der nächste Tag bringen wird, seien für ihn inspirierend, überraschten ihn, manchmal negativ, manchmal positiv. Qasem lebte einige Jahre in der jordanischen Hauptstadt Amman, aber dort sei es ihm zu sicher, zu ruhig gewesen. „Ich konnte dort nichts produzieren“, sagt er.

Mehr Aufmerksamkeit für irakische Kunst
Qutaiba von „The Gallery“ ist zuversichtlich, was Bagdads Kunstszene anbelangt. Menschen, die viele Jahre im Exil gelebt haben, kehren in den Irak zurück, auch Tourist*innen sehe man wieder häufiger in Bagdad. „Diese Leute sind offen für Kunst und bereit, dafür Geld auszugeben“, sagt Qutaiba. Aber natürlich sei da noch viel Luft nach oben.

Den Großteil der ausgestellten Werke ordnet die Leiterin der Galerie dem Realismus zu und sagt: „Dieser ist für das Publikum leicht zu verstehen. Aber wir werden uns in Zukunft auch mit anspruchsvolleren Stilen beschäftigen.“ Geplant sei einiges: Die Galerie werde an Kunstmessen teilnehmen, Workshops anbieten und internationale Künstler*innen in den Irak bringen, so Qutaiba: „Irakische Kunst soll wieder jene internationale Aufmerksamkeit erhalten, die sie einmal hatte“, hofft sie.

Markus Schauta lebt als freier Journalist in Wien und berichtet für deutschsprachige Medien aus dem Nahen Osten.

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