Bananenblatt statt Alufolie

Von Nicole Häusler ·

Tourismus auf Dorfebene wird nur dann sozial- und umweltverträglich sein, wenn die Einheimischen die Regeln vorgeben – auch für die Gäste. Im Dorf Baan Huay Hee scheint man die Lösung gefunden zu haben.

Das Karen-Dorf Baan Huay Hee liegt entlang einer kurvenreichen steilen Straße, zwei Stunden Fahrzeit von der Stadt Mae Hong Son entfernt in den Bergen Nordthailands, an der Grenze zu Burma. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht, auch noch keinen Strom, aber ein Telefon, das von den 204 DorfbewohnerInnen gemeinsam benutzt wird. Und dank einer kleinen Solaranlage können drei Fernseher zwei Stunden am Tag laufen.
Die Ethnie der Karen stammt aus Burma. Ein Teil von ihnen siedelte in den vergangenen Jahrzehnten nach Thailand über, viele auf der Flucht vor dem burmesischen Militärregime. Baan Huay Hee empfängt seit 1997 gelegentlich TouristInnen und wurde von thailändischen NGOs durch zahlreiche Treffen und Diskussionen auf diese Besuche vorbereitet.
Die TouristInnen haben sich bei ihren Besuchen an feste Richtlinien zu halten, die von der Dorfgemeinschaft aufgestellt wurden. Dazu zählen neben ordentlicher Kleidung und einem Alkoholverbot auch der Wunsch, dass die Gäste mindestens eine Nacht bei einer Familie im Dorf übernachten. Damit sollen die BesucherInnen einen Einblick in das Alltagsleben einer Karen-Familie bekommen.

Ankunft einer Reisegruppe. „What is your name?“ werden die Gäste in holprigem Englisch freundlich und zurückhaltend von den Mitgliedern des Tourismuskomitees gefragt. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hat und mittels Wörterbuch die wichtigsten Informationen ausgetauscht worden sind, sitzen die BesucherInnen am Nachmittag zufrieden auf Holzhöckerchen im Vorgarten ihrer Gastgeber, trinken Tee aus Bambusbechern und beobachten die wenig belebte Dorfstraße. Wasserbüffel trotten auf dem Heimweg zu ihrem Stall am Gartenzaun entlang. Gelegentlich fährt ein Motorrad vorbei, ein Zeichen von Wohlstand in diesem Gebiet. Am Abend wird es dann noch gemütlicher. Einheimische und Gäste sitzen gemeinsam am Lagerfeuer und stellen sich gegenseitig Fragen über Religion, Politik und tagesaktuelle Probleme. Die Nacht verbringen die BesucherInnen im Vorraum des Hauses in dicke Decken eingehüllt, denn es kann empfindlich kühl werden. Meist werden sie morgens um fünf Uhr früh nicht vom ersten Hahnenschrei geweckt, sondern vom gleichmäßigen Geräusch des Reisstampfens.
Nach dem Frühstück mit Kaffee, Reis und Omelette beobachten die TouristInnen den Schmied bei der Arbeit, schauen den Frauen beim Weben zu oder besuchen die Dorfschule, in der die Kinder aus drei Klassen in einem Raum sitzen. Anschließend führt ein Dorfbewohner die Gruppe zu den Reisfeldern und in den Wald, in dem neben wilden Orchideen auch allerlei Blätter und Baumrinden zu finden sind, aus denen traditionelle Medizin hergestellt wird. Das vorbereitete Mittagessen, Reis mit gebratenem Fleisch und Gemüse, ist statt in Alufolie in Bananenblätter eingewickelt, die dann praktischerweise auch als Teller benutzt und anschließend mit reinem Öko-Gewissen im Wald entsorgt werden können.

Damit jeder im Dorf an den Einnahmen durch den Tourismus verdient, wacht das Tourismuskomitee darüber, dass alle Familien in einem Rotationsverfahren Gäste bekommen. Fünf Prozent der Einnahmen müssen in einen Gemeindefonds eingezahlt werden, der für Dorfprojekte genutzt wird. Das Dorf selbst hat entschieden, dass es nicht mehr als 200 BesucherInnen im Jahr empfangen möchte. Damit ist der Tourismus eine attraktive finanzielle Nebeneinnahme und bringt gelegentlich etwas Abwechslung in diese abgeschiedene Gegend.
Noch immer wundern sich die Karen, dass die TouristInnen so viel Zeit und Geld investieren, um ausgerechnet ihr Dorf zu besuchen. Nachdem den Karen viele Jahrzehnte vermittelt wurde, dass sie und ihre Kultur primitiv seien, erstaunt es vor allem die Jugendlichen, dass die Gäste nicht nur großes Interesse an ihrer Kultur zeigen, sondern diese auch respektieren und achten. Statt nun in die Städte zu ziehen, wollen immer mehr junge Leute im Dorf bleiben, sich mehr mit ihrer eigenen Tradition auseinander setzen, Englisch lernen und später nebenberuflich als Touristenführer in Baan Huay Hee arbeiten.

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