Bangladeschs Trümmerfrauen

Der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch im April war vorläufig der tragische Höhepunkt einer Serie von Unfällen. Die Bedingungen im Textilsektor, einer der wichtigsten ­Einnahmequellen des Landes, sind in jeder Hinsicht prekär. Während das Unglück schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwunden ist, geht für die Überlebenden der Kampf um die eigene Existenz weiter. Südwind-Mitarbeiterin Christina Schröder begab sich auf Lokalaugenschein nach Bangladesch.

Jeans, T-Shirts und Kleider hängen an den Mauerresten. Im Zentrum der Ruine klafft ein mit Wasser gefülltes Loch, in dem Schreibtische und Bürostühle treiben. Unter der Wasseroberfläche vermutet man noch immer die Leichen von 200 Menschen. Rana Plaza, sechs Monate danach. Hier stand das Gebäude, in dem auch fünf der unzähligen Bekleidungsfabriken von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, untergebracht waren. Bangladesch ist durch seine niedrigen Produktionskosten zur Werkbank des internationalen Textilhandels geworden. Fast alle großen Modeketten lassen hier produzieren. Am 24. April starben beim Einsturz des achtstöckigen Gebäudes fast 1.200 Menschen. Die Fotos davon gingen um die Welt. Hat sich nach diesem und anderen Unglücken an der Situation der NäherInnen in Bangladesch etwas verändert?

In einer ärmlichen Siedlung treffen wir Überlebende eines Fabrikbrandes, der bereits ein Jahr zurückliegt: Vor einem Jahr, am 24. November 2012, brannte die Textilfabrik Tazreen Fashion in Ashulia, einem Vorort von Dhaka. Mehr als 1.000 ArbeiterInnen nähten dort unter anderem für die Textilketten KiK und C&A. In den Flammen starben über 100 ArbeiterInnen, mindestens ebenso viele wurden nach offiziellen Angaben verletzt.

Fast 30 ehemalige NäherInnen von Tazreen sind gekommen, um uns ihre Geschichte zu erzählen. Zu Beginn wirken sie zurückhaltend, fast schüchtern. Doch nach kurzer Zeit warten sie in einer Reihe stehend darauf, sich ihr Leid von der Seele zu reden. Eine von ihnen, die 30-jährige Näherin Ale Noor, schildert uns den Hergang des Unglücks: „Als das Feuer ausbrach, haben die Manager die Tore zusperren lassen, damit niemand auf der Flucht vor den Flammen Garn, Stoffe oder Nähmaschinen stehlen kann. Wir haben versucht, die Vergitterungen aus den Fensterrahmen zu brechen.“ Auch die seien nur dazu da, zu verhindern, dass Dinge aus der Fabrik geschmuggelt werden. Für viele Menschen bedeuteten diese Gitter den Tod, sie brachten sie um die Chance, durch einen Sprung durchs Fenster den Flammen zu entkommen. Ale Noor fand schließlich ein Fenster, in dessen Rahmen ein Ventilator eingebaut war. „Es ist uns gelungen, ihn aus der Verankerung zu reißen. Ich bin mit den anderen aus dem dritten Stock gesprungen.“ Trotz schwerer Verletzungen an Kopf, Oberkörper und vier Brüchen des rechten Beins kam sie an diesem Tag gerade noch mit dem Leben davon.

Ale Noor zählt zu den wenigen, die eine Entschädigung bekommen haben. Umgerechnet 1.000 Euro, die sie in den fünf Monaten nach dem Brand für Operationen und Behandlungen ausgeben musste. Bis heute haben nur 90 Schwerverletzte eine einmalige Entschädigungszahlung von je 1.000 Euro bekommen. Die Auswahl der Entschädigten scheint ebenso zufällig wie die Höhe des Betrags. Bezahlt wurde die Summe von der „Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters‘ Association“ (BGMEA), dem Verband der Bekleidungsproduzenten und -exporteure. Für viele war die Summe nicht genug, um die Kosten für die nötigsten Behandlungen zu decken. Kranken- oder unfallversichert sind die ArbeiterInnen in Bangladesch sowieso nicht und ein Arztbesuch ist teuer: umgerechnet 60 bis 100 Euro kostet eine Behandlung.

Wie viele Menschen beim Fabrikbrand physische Verletzungen davon trugen, ist unbekannt. Gezählt wurden nur die, die sich auch eine ärztliche Behandlung leisten konnten, Atteste bekamen und auf diese Weise registriert wurden. Die anderen gingen aufs Land zu ihren Familien und ließen sich dort so gut es ging kurieren, nicht zuletzt, um die Behandlungskosten zu senken.

Ale Noors Mann hat nach dem Brand seinen Job aufgeben, um sie zu pflegen. Mittlerweile arbeitet er wieder. Doch das Leben mit ihren zwei Kindern ist ein täglicher Überlebenskampf. Auch heute noch braucht die ehemalige Näherin jeden Monat 60 Euro für Medikamente, in etwa das Doppelte des Mindestlohns in der Textilindustrie. Die Familie hat ihr kleines Grundstück am Land, ihr einziges Hab und Gut, verpfändet. Die Miete für ihre kleine Wellblechhütte in Dhaka können sie trotzdem schon seit zwei Monaten nicht bezahlen. Ale Noor kann nur mit Krücken gehen, in ihrem Fuß steckt noch immer ein Eisengestell als Stütze. In der Nacht plagen sie Albträume. Dennoch würde sie wieder in die Fabrik gehen. Allerdings glaubt sie nicht, dass sie jemals dazu in der Lage sein wird. Auch wenn die physischen Verletzungen irgendwann heilen, die psychischen bleiben unbehandelt, und Ale Noor und ihre KollegInnen sind schwer traumatisiert.

Die Überlebenden der jüngsten Katastrophe berichten Ähnliches: „Ich habe Angst, ich traue mich nicht mehr, eine Fabrik zu betreten, erzählt die 25-jährige Näherin Yasmin. Sie hat den Einsturz von Rana Plaza überlebt. Neben Banken und Geschäften gab es in dem Gebäude im Stadtteil Savar fünf Textilfabriken. Und acht Stockwerke, drei davon gebaut ohne Baubewilligung. Ein schwerer Dieselgenerator am Dach hielt die Nähmaschinen am Laufen.

Die ArbeiterInnen hätten vor dem Einsturz Risse an den Wänden gesehen und diese gemeldet, erzählt Yasmin. Während die Bankangestellten evakuiert worden wären, seien die NäherInnen angewiesen worden, weiterzuarbeiten. Schließlich sollten dringende Aufträge für 29 europäische und US-amerikanische Bekleidungsfirmen wie KiK, Primark, Benetton und Mango erledigt werden. Yasmin konnte sich aus eigener Kraft und trotz einer schweren Verletzung am Arm aus den Trümmern selbst befreien.

Wir treffen Yasmin just an dem Tag Mitte September, an dem die internationale Gewerkschaft IndustriAll RepräsentantInnen aller 29 in Rana Plaza und Tazreen produzierenden Unternehmen nach Genf eingeladen hat. Das Thema: Entschädigungszahlungen. Tatsächlich waren lediglich neun Firmen vertreten.

Von Yasmins ArbeitskollegInnen haben nur die wenigsten Entschädigung vom Unternehmensverband BGMEA erhalten – wie im Fall von Tazreen waren es umgerechnet 1.000 Euro. Von den in Rana Plaza produzierenden internationalen Unternehmen hat einzig der irische Diskonter Primark bis heute Opfer entschädigt. Yasmin hatte das Glück, die Nummer ihres Mobiltelefons in der Fabrik bekannt gegeben zu haben, was ihr zu der einmaligen Zahlung von 160 ­Euro von Primark verhalf. Doch auch Yasmin, ihr Mann und ihr kleiner Sohn stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Die junge Frau kann wegen ihrer Verletzung bis heute nicht arbeiten. Die Entschädigungssumme hat die Behandlungskosten nur zum Teil gedeckt. Wie alle anderen ArbeiterInnen ist sie schwer traumatisiert. „Mein Mann hat ein kleines Fischgeschäft, für unser kleines Zimmer in der Wellblechhütte meiner Cousine müssen wir keine Miete zahlen. Sonst wären wir verhungert“, erzählt Yasmin.

Tipp für KonsumentInnen

Die Clean Clothes Kampagne (CCK) setzt sich weltweit seit über 20 Jahren für faire Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie ein. In Österreich wird sie von der Südwind Agentur koordiniert und von 13 Plattformorganisationen getragen. In den letzten Monaten war die CCK maßgeblich am Zustandekommen eines Weg weisenden Sicherheitsabkommens in Form eines rechtsverbindlichen Vertrages zwischen 70 internationalen Bekleidungsmarken und lokalen sowie internationalen Gewerkschaften beteiligt. Ziel ist die nachhaltige Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Sicherheitsmaßnahmen in Bangladesch. Ende Oktober wurde mit einer Aktionswoche eine Petition für existenzsichernde Löhne gestartet. red

Weitere Informationen und die Petition finden Sie unter: www.cleanclothes.at/existenzlohn

Ale Noor und Yasmin sind nur zwei von tausenden TextilarbeiterInnen in Bangladesch, die Brände oder Fabrikeinstürze überlebt haben. Notdürftig medizinisch behandelt, mit schweren psychischen Beeinträchtigungen und ohne Chance auf Arbeit. Selbst wenn sie sich irgendwann wieder trauen, in einer Fabrik zu arbeiten, werden sie nie sicher sein. „Keine der Fabriken ist hundertprozentig sicher“, erzählt ein Architekt, der nicht namentlich erwähnt werden will. Dennoch werden sich die Frauen wohl der Gefahr aussetzen müssen, um ihre finanzielle Existenz zu sichern. Denn Alternativen zum Geldverdienen gibt es in Dhaka kaum. Jeden Tag kommen Hunderte Menschen vom Land neu in die Stadt. Die meisten von ihnen haben nur wenig Schulbildung. Männer können ihr Überleben mit der harten Arbeit als Rikscha-Fahrer bestreiten. Frauen heuern in den Textilfabriken an – für die niedrigsten Löhne weltweit. 30 bis 40 Euro bekommen sie im Monat und arbeiten dafür je nach Auftragslage bis zu 14 Stunden am Tag. Mit ihrem Lohn können sie sich und ihre eigenen Familien kaum ernähren. Und trotzdem schicken sie jeden Monat so viel Geld wie nur irgendwie möglich an ihre Angehörigen, die am Land geblieben sind. Für Notfälle kann da niemand etwas ansparen. Und soziale Absicherung durch den Staat gibt es in Bangladesch, einem der ärmsten Länder der Welt, nicht.

Verbesserungen zu erreichen ist schwierig. Von den geschätzten vier Millionen TextilarbeiterInnen in Bangladesch sind derzeit nur ein bis zwei Prozent in Gewerkschaften oder Betriebsräten organisiert. Das Engagement ist gefährlich: Viele Gewerkschaftsmitglieder werden eingeschüchtert, bedroht oder entlassen. Seinen Job zu verlieren, kann sich niemand leisten. Es ist ein Kampf David gegen Goliath: Hunderttausende überarbeitete, unterernährte, unorganisierte Menschen – viele davon AnalphabetInnen, stehen den gut in ihrem Verband BGMEA organisierten Fabrikbesitzern und den internationalen Bekleidungsunternehmen als billige Arbeitskräfte zur Verfügung. Der Staat greift nur in Extremfällen ein. Fast 80 Prozent der Exporteinnahmen Bangladeschs kommen aus dem internationalen Verkauf von Bekleidung. Die Politik ist mit dem Sektor eng verwoben: zehn Prozent der ParlamentarierInnen besitzen selbst Textilfabriken, die Hälfte von ihnen, so lauten die Schätzungen, hat im engeren Familienkreis FabrikbesitzerInnen.

Gespart wird nicht nur bei den Löhnen, sondern auch bei der Sicherheit; Illegal aufgestockte Fabrikgebäude sind nur ein Beispiel. Nach den Katastrophen von Tazreen und Rana Plaza sind Verbesserungen der Gebäude und Schutzmaßnahmen zumindest öffentliches Thema geworden. Es gab erste Gespräche mit FabrikbesitzerInnen und erste Erfolge (siehe Kasten). Von weit reichenden Verpflichtungen ist man allerdings weit entfernt.

Zu mehr Sicherheit im Textilsektor würde auch die Anhebung der Löhne und die Durchsetzung von Arbeitsrechten gehören. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, auf dem die TextilarbeiterInnen auch internationale Unterstützung brauchen. Es ist auch ein Kampf gegen das Vergessen: Denn die Aufmerksamkeitsspanne der Weltöffentlichkeit ist auch nach Katastrophen vom Ausmaß Rana Plazas kurz. Während sich in den europäischen Bekleidungsgeschäften die neuesten Kollektionen ablösen, kämpfen ArbeiterInnen wie Ale Noor und Yasmina und ihre Familien heute, wie jeden Tag, ums Überleben, während weiterhin immer wieder Fabriken in Brand geraten oder einstürzen.

Christina Schröder ist Mitarbeiterin der Südwind Agentur. Sie reist mit einem Aktionsteam im Rahmen des Programms „Handeln für eine Welt“ regelmäßig in Länder, in denen unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen Güter für den Konsum hierzulande hergestellt werden. Im September besuchte sie TextilarbeiterInnen in Bangladesch.


 

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