Basta ya?

Sind wir noch zu einem Aufschrei fähig – oder haben wir es uns in unserer gut geschützten Festung Europa schon zu gemütlich eingerichtet?

Von Werner Hörtner

„Basta ya!“ Mit diesem Streitruf stürmten am 1. Jänner 1994 die zapatistischen Kämpfer und Kämpferinnen in Chiapas ins Blickfeld der internationalen Öffentlichkeit. Basta ya! – Es reicht!: Der Tag war gekommen, an dem sie selbst das Ruder in die Hand nehmen wollten.

Hand aufs Herz: Wie oft ist in Ihnen in den letzten zwölf Monaten dieser Ausruf der Entrüstung hochgestiegen, als stummer Schrei, als imaginärer Faustschlag auf den Tisch? Haben Sie nicht schon genug von den Krisen, die man uns aufgezwungen hat und die wir nun auslöffeln müssen, genug von den Skandalen rund um öffentliche EntscheidungsträgerInnen, die in schamloser Kumpanei mit der Wirtschaft ihre Taschen vollstopfen mit Beratungshonoraren, Vermittlungsgebühren, Lobbyistenprovisionen ...?

In ihren Amtszeiten hüten sie die öffentliche Moral, die VolksvertreterInnen, reden schön über soziale Gerechtigkeit und Schutz der Umwelt und über Unternehmensverantwortung, verwerfen Bestechung und Amtsmissbrauch, beklagen enttäuscht die zeitgeistige Politikverdrossenheit der Jugend. Aber wehe, wenn sie ihr hehres Amt verlassen! Dann tauchen sie in den Konzernzentralen unter oder in den Vorständen großer Banken, kassieren unbekümmert als Berater für Chemie-Multis oder Atomenergie-Konzerne.

Natürlich herrschen auch hier Hierarchien, und so tun sich die ehemaligen SpitzenpolitikerInnen am leichtesten, lukrative Nebenjobs zu finden. Etwa eine Beratungstätigkeit für einen zentralasiatischen Staatschef, der seit Jahrzehnten sein riesiges und reiches Erdölland mit seinem Familienclan ausbeutet, die Opposition und die Medien hart unterdrückt und Milliarden auf Konten im Ausland deponiert. Der Despot beschloss, illustre Berater einzukaufen – einen deutschen Ex-Bundeskanzler, einen polnischen Ex-Präsidenten, einen ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten. Und jüngst auch einen österreichischen Ex-Bundeskanzler.

„Es reicht!“, schrien in den letzten Monaten hunderttausende Menschen in den arabischen Ländern und gingen auf die Straße, besetzten Regierungsämter und Medienzentralen und öffentliche Räume. Weder sie selbst und noch weniger ihre autokratischen Herrscher hätten kurz zuvor einen derartigen Protestschrei für möglich gehalten. Einige Diktatoren stürzten, andere wanken – und alle fürchten nun diese Welle des Widerstandes, die ihre Untertanen erfasst hat. Und können sicherlich nicht verstehen, was jetzt nach Jahrzehnten des Gehorsams in diese Menschen gefahren ist.
Stéphane Hessel, der vor 70 Jahren im französischen Widerstand gegen die Nazis aktiv war und dann das KZ Buchenwald überlebt hatte, ist nun im Alter von 93 Jahren zu einem Star geworden. Seine Streitschrift unter dem Titel „Indignez-vous!“, „Empört euch!“, ist bereits in vielen Millionen Exemplaren erschienen: ein Pamphlet zum friedlichen Widerstand gegen die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft.

Der überraschende Erfolg von Hessels Aufruf zum Widerstand erfährt Mitte Juli (im Berliner Ullstein Verlag) eine – logische – Ergänzung: „Engagiert euch!“

Dieser Aufforderung können wir uns nur voll anschließen.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen