Bauern - Der neue Bauernaufstand

Die industrielle Landwirtschaft verurteilt Bauernfamilien und Kleinbauern zu einem Sklavendasein oder zerstört ihre Existenzgrundlage. New Internationalist-Redakteurin Katharine Ainger geht den Ursachen der globalen Krise des Bauerntums nach.

Alle Produkte in einem Supermarkt haben eine Geschichte zu erzählen. Wenn wir sie nur hören könnten. Das Angebot trotzt den Jahreszeiten, der Geographie, Kriegen und der Natur. Draußen ist Winter, aber im Supermarkt baden sich Ananas aus Côte d’Ivoire im Neonlicht. Es gibt zwar Unruhen in Côte d’Ivoire, aber sie scheinen den Strom tropischer Früchte in den kalten Norden nicht behindert zu haben. Gleich daneben liegen Ingwer-Wurzeln aus China, Gala-Äpfel aus Frankreich, in Säcke gefüllt und zum Halbpreis angeboten. Avocados aus Israel und Chile. Blasse Tomaten von den Kanarischen Inseln, wo es immer warm ist, aber sie müssen grün gepflückt werden. In den Gefrierschränken gibt es Babymais und Zuckererbsen von Plantagen in Kenia. Und Dorsch, der mit Schleppnetzen aus den überfischten Gewässern des nordöstlichen Atlantik geholt wurde.
Wir können zwar ihre Geschichten nicht hören, aber was wir in unsere Einkaufskörbe stecken, hinterlässt Spuren in unseren Körpern, beeinflusst unsere Stimmung, unser Familienleben, unsere Wirtschaften und Landschaften. In entfernten Ländern, deren auf die Verpackung aufgedruckte Namen wir kaum lesen können, entscheidet es vielleicht über Leben und Tod. Weltwirtschaftliche Entwicklungen gehen uns tatsächlich unter die Haut – über unsere Ernährung.

Nur selten werden diese Zusammenhänge sichtbar, etwa wenn die Menschen, die diese Nahrungsmittel erzeugen, unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Menschen, die das Land bearbeiten oder vom Land leben, sind eine machtvolle Quelle kultureller Identität, die Campesinos in Mexiko genauso wie die Gauchos in Argentinien, die Paysans in Frankreich oder die Yorkshire-Bauern mit ihren flachen Mützen. Ihre Fotos werden benutzt, uns Lust auf Nahrungsmittel zu machen, weil wir mit ihnen Landleben, Natur und Gesundheit verbinden. Aber die Menschen, die unsere Nahrung herstellen, verlieren ihre Lebensgrundlagen und verlassen ihr Land.
Supermarktketten machen die KonsumentInnen und ihren Wunsch nach billigen Nahrungsmitteln verantwortlich. Doch vor 50 Jahren erhielten Bauern und Bäuerinnen noch zwischen 45 und 60 Prozent des Geldes, das für Nahrungsmittel ausgegeben wurde. Heute liegt dieser Anteil bei sieben Prozent in Großbritannien und nur 3,5 Prozent in den USA. Selbst der Cowboy, das Symbol des wilden Einzelgängertums, gehört einer bedrohten Art an. Die meisten Farmer in den Great Plains von Nebraska sind praktisch bankrott und verpfänden oder verkaufen ihr Land und ihr Vieh, um zu überleben. Der Cowboy reitet in den endgültigen Sonnenuntergang, während die Great Plains zu einer menschenleeren Ödnis verkommen. Dieser Prozess hat in jedem Land seine Eigenheiten, aber die Entwicklung ist eine weltweite: die Landwirtschaft steckt in einer globalen Krise.
1957 lebten in den sechs Gründungsländern der Gemeinsamen Europäischen Landwirtschaftspolitik 22 Millionen Bauern und Bäuerinnen, heute sind es nur mehr sieben Millionen. 80 Prozent der EU-Agrarsubventionen gehen an die 20 Prozent reichsten und größten Landwirtschaftsbetriebe. Kanada verlor zwischen 1941 und 1996 drei Viertel der bäuerlichen Betriebe, und der Schrumpfungsprozess geht weiter. 1935 gab es noch 6,8 Millionen Farmer in den USA, heute sind es 1,9 Millionen – weniger Menschen als in den Gefängnissen des Landes. Selbstmord ist heute die wichtigste Todesursache unter US-Farmern und dreimal so häufig wie in der Gesamtbevölkerung. In Großbritannien nimmt sich im Schnitt jede Woche ein Bauer das Leben.

Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung lebt am und vom Land. In Südasien und Afrika südlich der Sahara leben mehr als 70 Prozent der Menschen vom Land, und etwa die Hälfte des gesamten Wirtschaftsprodukts stammt aus der Landwirtschaft. In der Maisanbauregion der philippinischen Insel Mindanao dürfte die Zahl der bäuerlichen Haushalte um die Hälfte zurückgehen. In Brasilien sank die Zahl der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft allein zwischen 1985 und 1995 von 23 auf 18 Millionen. In China droht geschätzten 400 Millionen Menschen in ländlichen Gebieten der Verlust ihrer Existenz. Überall werden Kleinbauern und -bäuerinnen „zum Verschwinden gebracht“.
Warum das alles? Irgendwer, irgendwo muss davon profitieren. Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Es sind jene Konzerne, die zusammen unter dem Begriff Agrobusiness bekannt sind. Sie schweifen rund um den Erdball, kaufen zum niedrigsten Preis und bringen jeden Bauern und jede Bäuerin in direkte Konkurrenz zu ihresgleichen. Während der Preis von Feldfrüchten hinunter getrieben wurde, manchmal unter die Produktionskosten, sind die Preise von Inputs wie Saatgut, Dünger und Pestiziden gestiegen.
Die Nahrungskette wird von immer weniger Akteuren kontrolliert. In manchen Fällen besteht eine „nahtlose und völlig integrierte Kontrolle der Nahrungsmittelproduktion vom Gen bis zum Supermarktregal“, sagt der Soziologe Bill Hefferman von der University of Missouri. Die Partnerschaft der Konzerne Monsanto und Cargill repräsentiert genau das: Saatgut, Düngemittel, Kreditvergabe, Abtransport und Verarbeitung des Getreides, Futtermittelherstellung, Viehzucht, Schlachthöfe bis hin zu Markenlebensmitteln – alles in einer Hand. Dieses in den USA entwickelte System wird heute im Namen der Globalisierung in andere Länder exportiert.

Diese weitreichende Kontrolle ist einer der Gründe, warum genetisch verändertes (GM-) Saatgut so problematisch ist. Es verschafft dem Agrobusiness noch mehr Macht, die ProduzentInnen von ihrem patentierten Saatgut abhängig zu machen. Manche Sorten benötigen spezifische, vom Saatgutunternehmen produzierte Herbizide und sogar Chemikalien, um bestimmte genetische Eigenschaften zu aktivieren oder auszuschalten (bekannt als „Traitor“-Technologie).
Um die Bauernschaft verschwinden zu lassen, muss man sie, vom Umbringen abgesehen, in machtlose FließbandarbeiterInnen verwandeln, die keine Kontrolle über ihren eigenen Betrieb haben und den Konzernen verpflichtet sind.
Auch die Regeln des internationalen Handels werden vom Agrobusiness festgelegt. Das im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO erzielte Übereinkommen über die Liberalisierung des Landwirtschaftshandels trägt weitgehend die Handschrift von Cargill. Besonders Bauern und Bäuerinnen in armen Ländern können nicht mit billigen Importen konkurrieren.
Warum spielt es überhaupt eine Rolle, dass kleine, „ineffiziente“ ProduzentInnen von einer globalisierten, industriellen Landwirtschaft ausradiert werden? Die Freihandelstheorie besagt, dass sich Länder spezialisieren, also das produzieren sollten, was sie am besten können, und den Rest importieren. Aber wie Kevan Bundell von Christian Aid sagt, ist es „für arme Länder oder arme Bauern kaum sinnvoll, größere Risiken einzugehen, wenn sie sich auf das effiziente Funktionieren von Märkten verlassen müssen, die nur zu oft versagen oder einfach nicht existieren“.
Und wie „effizient“ ist eine landwirtschaftliche Produktionsweise, die die enormen Kosten der Beseitigung chemischer Rückstände im Wasser oder des Verlusts genetischer Vielfalt ignoriert? Wie „gesund“ ist es, neue Tierkrankheiten und Resistenzen gegen Antibiotika in Menschen zu erzeugen? Wie „billig“ kommen die öffentlichen Subventionen an das private Agrobusiness, das weltweite Frachtgeschäft oder der Zusammenbruch ländlicher Gemeinschaften?

AnhängerInnen des freien Markts erscheint es wenig sinnvoll, Menschen zu unterstützen, nur damit sie weiterhin in „Rückständigkeit“ und ländlicher Armut leben können. Die Erfahrung zeigt aber, dass nur wenige der Menschen, die ihre ländliche Existenzgrundlage verlieren, bessere Arbeit in der Stadt finden. Viele landen einfach in den wachsenden städtischen Elendsvierteln. „Die Aussichten für Einkommen und Beschäftigung der ländlichen Bevölkerung sind düster“, sagt etwa Chen Xiwen, stellvertretender Direktor des Forschungszentrums des chinesischen Staatsrats. Laut Chen wanderten in China allein 2001 mehr als 88 Millionen Menschen aus ländlichen in städtische Regionen ab, wo die meisten von ihnen „schmutzige, harte, gefährliche und riskante Arbeiten“ verrichten.
Die Frage ist nicht, ob wir das Recht haben, Menschen zu einem beschwerlichen Leben als arme Bauern und Bäuerinnen zu verurteilen – ein Vorwurf, dem die GegnerInnen des weltweiten Handelsregimes und des Nahrungsmittelkartells, das dieses Regime kontrolliert, oft ausgesetzt sind. Die wirkliche Frage ist, ob die bedrohten Bauern und Bäuerinnen selbst sinnvolle Wahlmöglichkeiten haben. Sie brauchen ein internationales Sprachrohr, um ihre eigenen Prioritäten zum Thema zu machen.
Nicht einfach, wie Nettie Webb, eine kanadische Bäuerin meint: „Unser Problem als Bäuerinnen ist, dass wir dort verwurzelt sind, wo wir leben und unsere Nahrungsmittel anbauen. Die andere Seite, die der Unternehmen, ist weltweit mobil.“ Oder wie ein Skeptiker anmerkte: „Kann man sich eine Koalition von belgischen, holländischen, französischen, italienischen, uruguayischen, brasilianischen und neuseeländischen Bauern und Bäuerinnen vorstellen, die bei einem WTO-Treffen in Punta del Este aufmarschiert? Und wie könnten sie etwas fordern, was ihnen allen nützt, wenn sie doch alle miteinander in Konkurrenz stehen?“

Und doch marschierte Via Campesina seit 1994 bei jedem WTO-Treffen auf und wiederholte ihre Erklärung: „Wir werden uns nicht einschüchtern lassen. Wir werden nicht zum Verschwinden gebracht werden“. Dieses weltweite Bündnis von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, landlosen Menschen und indigenen Völkern, Frauen und LandarbeiterInnen zählt Millionen Mitglieder, die überwiegende Mehrheit aus armen Ländern, und sie propagieren ein alternatives landwirtschaftliches Paradigma. Es basiert auf der Idee der „Ernährungssouveränität“ und beinhaltet „das Recht aller Völker, Gemeinschaften und Länder, ihre eigenen Grundsätze für Landwirtschaft, Beschäftigung, Fischerei, Ernährung und Bodenpolitik zu definieren, die in ökologischer, sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht ihren einzigartigen Umständen entsprechen“.
Sie glauben, dass Ernährung ein Menschenrecht ist und keine Ware, und dass ihre Arbeit – die Produktion von Nahrungsmitteln – die Grundlage jeder menschlichen Existenz darstellt. Diese Haltung brachte ein Mitglied einer Landwirtschaftskooperative auf den Punkt, als er dem früheren brasilianischen Präsidenten Cardoso auf dessen Forderung antwortete, die Landwirtschaft müsse sich den Marktgesetzen unterwerfen: „Sehr gut, Herr Präsident. Wenn Brasilien keine Nahrungsmittel mehr braucht, dann können sie die Landwirtschaft bankrott gehen lassen.“
Die Bauern und Bäuerinnen von Via Campesina sagen, dass etwas so Wichtiges wie die Ernährung nicht den Regeln der WTO unterworfen sein sollte. Sie stehen an der Spitze einer Kampagne mit dem Ziel, die Landwirtschaft zur Gänze aus der WTO herauszunehmen. Das heißt nicht, dass sie gegen jeden Handel sind. Sie befürworten den Handel mit Gütern, die ein Land nicht selbst produzieren kann. Wenn ein Land es geschafft hat, den eigenen Bedarf an Nahrungsmitteln zu decken, sollte es das Recht haben, den Überschuss zu exportieren.

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