Baumwolle - Gefahr und Hoffnungsträger

Angenehm und atmungsaktiv, wenn man sie trägt, eine Plagerei und atemraubend, wenn man mit ihr arbeitet: NI-Redakteur Richard Swift zeigt die Schattenseiten der Baumwolle, des beliebtesten Webstoffs der Welt.

Von Richard Swift

Wer mit Baumwolle Geld machen will, sollte sich am besten von ihr fern halten. Das lehrt jedenfalls die Geschichte. Die Plantagenbesitzer im Süden der USA etwa vertraten sich die Füße im alten New Orleans, wenn sie nicht in ihren Nobelvillen in Natchez am Ufer des Mississippi residierten. Das von Schlangen und Ungeziefer wimmelnde Tiefland, wo ihre SklavInnen und Aufseher die Felder bearbeiteten, war nichts für sie. Auch die Aktionäre der British East India Company blieben den indischen Dörfern fern, wo die handgewebten Stoffe, die Europa im Sturm eroberten, zuerst produziert wurden – und später dann die Rohbaumwolle, die den Aufschwung der Textilproduktion im britischen Lancashire ermöglichte.
Zugegeben: Es gab einen kurzen Zeitraum, in dem Pioniere der Textilindustrie wie Sir Richard Arkwright (1732-1762) in Lancashire oder Francis Cabot Lowell (1775-1817) in Boston höchstpersönlich ans Werk gingen, um die eintönigen Rhythmen des Fabriksalltags zu erschaffen. Aber ihre prächtigen Wohnsitze lagen weit weg von den Elendsvierteln in Manchester und anderen Städten, die als Lagerräume für ihre Arbeitskräfte dienten. Auch die Angehörigen der britischen, portugiesischen und französischen Kolonialverwaltungen, die ihre afrikanischen Untertanen mit Zwangssteuern dazu brachten, das „weiße Gold“ anzubauen, legten nur wenig Wert auf direkten Kontakt.

Heute ist die Distanz zwischen jenen, die direkt mit der Baumwolle arbeiten, und jenen, die von ihr profitieren, wahrscheinlich noch größer geworden. Für die Händler, die täglich auf den weltweiten Terminmärkten spekulieren, ist Baumwolle wenig mehr als ein abstraktes Detail einer Gewinn-und-Verlust-Rechnung. Und auch wenn sich die Großgrundbesitzer, die das Baumwollgeschäft in den USA dominieren, theoretisch „vor Ort“ befinden, ist ihr Verhältnis zur Baumwolle doch distanziert, vermittelt durch einen gewaltigen Maschinenpark und High-Tech-Produktionsmethoden. Auf den modernsten Farmen werden die Felder von Flugzeugen aus digital gescannt, um den Bedarf nach Düngemitteln, Pestiziden und Wachstumshormonen zu bestimmen; jede Pflanze wird von computerisierten Landwirtschaftsmaschinen individuell versorgt. Klingt toll, sorgt aber für teure Baumwolle, die ohne Subventionen des US-Landwirtschaftsministeriums kaum mit den Produkten afrikanischer oder indischer KleinbäuerInnen konkurrieren könnte.
Auch die „Marken“, die uns heute unsere Baumwollkleidung verkaufen, haben nichts oder nur wenig mit ihrer Herstellung zu tun. Die wird im Ausland in Auftrag gegeben, meistens in Ländern wie China, Bangladesch und Indien, wo die Löhne niedrig sind und die Arbeitsbedingungen kaum geregelt. Was aber in den von Bränden heimgesuchten „Drei-Stockwerk-Fabriken“ in chinesischen Exportzonen (je ein Stockwerk für Lager, Produktion und Unterbringung der ArbeiterInnen) passiert, übersteigt den Horizont von KundInnen, für die der Slogan der US-Einzelhandelskette Wal-Mart erfunden wurde: „Always Low Prices“ – Hauptsache billig.
Ein weiterer Grund, die Nase nicht zu weit hineinzustecken. In der Bekleidungsindustrie zu arbeiten war nie ein besonderes Vergnügen, und mit der Produktion des Rohmaterials verhält es sich ebenso. Baumwolle ist ziemlich anspruchsvoll. Sie braucht lange, um reif zu werden, dazu viel Wasser (etwa drei Monate Regen), und dann viel Hitze. Danach, für die Ernte, sollte es eine Zeitlang sehr trocken sein. Alles in allem ein Haufen harter, oft Knochen brechender Arbeit unter glühender Sonne, besonders beim Pflücken. Bringt man die Baumwolle schließlich auf den Markt, folgt die Enttäuschung, denn der Lohn für die Plagerei ist meistens miserabel. Offenbar steigt immer jemand anderer besser aus – der Broker, der Agent der Regierung, der Geldverleiher, der Einkäufer der Fabrik.

Alle Versuche, der Baumwolle ihre Widerspenstigkeit zu nehmen, scheinen bisher das Gegenteil bewirkt zu haben. Zuerst kam die Welle der Grünen Revolution mit ihren neuen Sorten, die viel Wasser und einen Haufen Chemikalien benötigten. Das erhöhte die Erträge, aber die Chemikalien waren zu teuer und vergifteten alles – den Boden, das Wasser, die Baumwolle und die BäuerInnen selbst. Nun schwappt die nächste Welle um die Welt: genetisch veränderte Baumwolle. Bloß ein Gen einbauen und alle Probleme lösen sich in Luft auf – was für viele BäuerInnen, zumindest in Indien, ganz und gar nicht zutrifft.
Zwar braucht etwa die neue Bt-Baumwolle (siehe Fakten S. 34) weniger Pestizide, dafür aber mehr Wasser. Was bisher die Pestizide kosteten, geht jetzt für das neue „Wunder“-Saatgut drauf. Während die Erträge mancherorts gut ausfallen, sind sie es dort weit weniger, wo nicht künstlich bewässert werden kann und es auf den Regen ankommt. Und auch die Bewässerung hat ihre Grenzen: In den nächsten Jahrzehnten werden die nach China größten Baumwollproduzenten der Welt, die USA und Indien (Nr.2 bzw. Nr.3) mit der Erschöpfung ihrer Grundwasservorräte konfrontiert sein. Eine Ironie der Geschichte, dass die zäheren, umweltfreundlicheren Baumwollsorten durch langstapelige Hochertragssorten ersetzt wurden, die sich in der Textilindustrie besser verarbeiten lassen.
Trotz aller Plagerei und Not behält die Baumwolle eine gewisse Attraktivität – nicht nur für die KonsumentInnen, die es schätzen, wie sich der atmungsaktive Stoff auf ihrer Haut anfühlt. Millionen von BaumwollbäuerInnen, die heute zu 99 Prozent im Süden leben – zwei Drittel allein in China und Indien –, bauen sie weiter an, weil sie ihnen ein Überleben am Rand der Geldökonomie ermöglicht. Insofern ist Baumwolle zweifellos eine Kulturpflanze der Armen. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, als sie auch den Großteil ihrer Bekleidung lieferte, wird Baumwolle heute jedoch vor allem in Europa, Nordamerika und anderen reichen Ländern konsumiert. Und in den meisten Jahren herrscht am Weltmarkt ein Überangebot, das für große Lagerbestände und niedrige Preise sorgt.
Was das für ProduzentInnen im Süden bedeutet, ist Vijay Jawandhia nur allzu klar. Ich traf den Bauernführer in seinem Haus in Ramnagar im Osten des indischen Bundestaats Maharashtra, wo sich im Zusammenhang mit dem Baumwollanbau eine Tragödie abspielt (siehe Artikel S. 30). Trotzdem ist er ein Verfechter der Baumwolle, wegen ihrer Vorteile gegenüber ihrer Konkurrenz, den Kunstfasern auf Basis von Erdöl: „Die Erdölressourcen gehen den Bach runter. Aber die Basis der Baumwolle ist Sonnenenergie.“ Und außerdem: „Jeder Ballen Kunstfaser schafft Arbeit für neun Leute; jeder Ballen Baumwolle für 30.“ Soll die Baumwolle die Hoffnungen erfüllen, die Jawandhia mit ihr verbindet, dann muss auch für jene mehr vom Kuchen abfallen, die direkt mit ihr arbeiten, für die BäuerInnen und ArbeiterInnen der Textilindustrie – und nicht nur für jene, die es immer schon verstanden haben, aus nobler Distanz den Rahm abzuschöpfen.

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