Bedrohte Lebenswelten

Fast eine Million Menschen gibt es noch auf der Welt, die vom Jagen und Sammeln leben. Gertraud Illmeier war auf einer internationalen Konferenz zum Thema in Wien.

In einem Camp der Maniq in Südthailand.© Khaled Hakami

Im Verständnis der Baka in Zentralafrika verschenkt der Wald seine Gaben so lange im Überfluss, so lange diese geteilt werden. Wird dieses zentrale Prinzip für richtiges Handeln missachtet, ist das Gleichgewicht gestört und der Wald hält seine Gaben zurück: Das Wild lässt sich nicht mehr aufspüren oder dem Jäger passiert ein Missgeschick. Es ist ein anderes Teilen als in unserem Sinne, wo die Dinge in persönlichem Besitz sind, erklärt der britische Anthropologe Jerome Lewis, der am University College in London lehrt. Besitze ich etwas, habe ich auch die Macht, es zu verweigern. Bei den Baka ist Teilen Pflicht, wenn jemand etwas begehrt. Ob Fleisch, Tabak oder ein T-Shirt – die Dinge werden ständig weggeben, niemand häuft Besitz an. Wer, so wie die Bäuerinnen und Bauern außerhalb des Waldes, nicht in diesem Sinne teilt, hat „eine harte Hand“, sagen die Baka.

Die Baka zählen zu den in den zentralafrikanischen Staaten lebenden Pygmäen, der größten Gruppe der Jäger- und Sammlervölker auf der Welt. Ihre Zahl wird mit 350.000 angegeben; Lewis schätzt, dass es viel mehr sind. So wie die Hadza in Tansania oder die Kalahari San im südlichen Afrika gehören sie zu den „radikal egalitären“ Gruppen, die es auch noch in Südostasien gibt. Lewis nahm im September an der internationalen Konferenz zu Jäger- und Sammlergesellschaften an der Universität Wien teil.

Radikal Egalitär. Dieser „Prototyp“ einer Jäger- und Sammlergesellschaft hat wenige Dutzend Mitglieder, die – egal ob Mann oder Frau, Kind oder Erwachsener – gleichberechtigten Zugang zu den Ressourcen haben. Die Lager werden in Abhängigkeit vom Nahrungsangebot gewechselt. Vorräte werden keine angelegt, das Denken und Handeln ist ganz auf die Gegenwart ausgerichtet. Persönliche Autonomie ist ein geschätzter und im täglichen Umgang miteinander praktizierter Wert. Diese wird auch den Kindern zugesprochen.

Davon unterschieden werden komplexe Jäger- und Sammlergesellschaften, die sesshaft oder semisesshaft sind und – wie etwa viele indigene Völker Nordamerikas – Anführer haben und soziale Hierarchien kennen. Peter Schweitzer, Professor für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien, vermutet, dass es inklusive aller indigener Gruppen des zirkumpolaren Nordens weltweit fast über eine Million JägerInnen und SammlerInnen gibt.

Die Lebensrealität der einzelnen Gruppen ist sehr unterschiedlich: Die Pumé in der Savanne von West-Venezuela leben nach wie vor hauptsächlich vom Jagen und Sammeln. Nur in der Trockenzeit bauen sie etwas Maniok an, der ohne großen Aufwand in einem Erdloch aufbewahrt werden kann und ihre Mobilität nicht einschränkt. Die Kalahari San hingegen, von denen ein großer Teil schon vor Jahrzehnten aus ihrem traditionellen Lebensraum ausgesiedelt und zur Sesshaftigkeit gezwungen wurde, können mit wenigen Ausnahmen die traditionelle Lebensweise nicht mehr praktizieren. Dennoch ist das Jagen und Sammeln (noch) zentraler Angelpunkt ihrer kulturellen Identität.

Zahlreiche Feldstudien dokumentieren die prekäre Lage der JägerInnen und SammlerInnen weltweit. Auch wenn sie nie gänzlich isoliert von ihren Nachbarn lebten, sind sie meist darauf bedacht, wenig Kontakt mit dem Nationalstaat und den benachbarten Gemeinschaften von Bauern und Viehzüchtern zu haben. Doch der Druck von außen ist heute größer denn je.

Die Anthropologie befasst sich intensiv mit den Auswirkungen der Globalisierung auf die Jäger- und Sammlergemeinschaften. Das Bild ist düster: Viele Staaten des Südens haben hohe Schulden bei der Weltbank, die eine bestimmte Art von „Entwicklung“ forciert. Die Erschließung bislang unberührter Gebiete zwecks Ausbeutung der natürlichen Ressourcen reduziert die Lebensräume der JägerInnen und SammlerInnen mit rasanter Geschwindigkeit. Weniger bekannt ist, dass auch internationale Umweltschutzorganisationen eine unheilvolle Rolle spielen.

Unheilvolle Allianz. Lewis verfolgt seit 25 Jahren die „langfristig verheerenden Folgen der Allianz zwischen internationalem Kapital und dem Naturschutz“ im Kongobecken: Um die mit der Ressourcengewinnung einhergehende Umweltzerstörung vor einer sensibilisierten Öffentlichkeit der Länder des Nordens vertreten zu können, würde die Vergabe von Darlehen gleichzeitig auch an die Ausweisung von Naturschutzgebieten geknüpft. „Mit dem Schutz des einen Gebietes wird die Zerstörung des anderen – ungleich größeren – Gebietes legitimiert“, kritisiert der Anthropologe. „Der Umweltschutz wird zur PR-Abteilung für die Konzerne und die Weltbank.“

Gewaltsamer Ausschluss. BiologInnen und Öko-TouristInnenen erhielten das exklusive Nutzungsrecht der Nationalparks, um seltene Spezies zu beobachten, während der lokalen Bevölkerung der Zugang zu ihrer Ernährungsgrundlage verweigert würde. Auch mit militärischer Gewalt. Lewis dokumentierte Fälle in Kamerun, wo JägerInnen und SammlerInnen von Eco-Guards des World Wildlife Fund schwer misshandelt wurden.

Die Pygmäen haben dieser Gewalt nichts entgegenzusetzen. Von der Mehrheitsgesellschaft werden sie wegen ihrer unterschiedlichen Denk- und Lebensweise missachtet und diskriminiert – eine Erfahrung, die sie weltweit mit allen Jäger- und Sammlervölkern teilen. Aus einer egalitären Gesellschaft kommend, haben sie keine Anführer, die in Menschenrechtsgremien für ihre Rechte eintreten könnten.

Die 2014 gegründete Internationale Gesellschaft zur Jäger- und Sammlerforschung, die von Wien aus verwaltet wird, will sich für bedrohte Gruppen einsetzen und Bewusstsein für die Bedeutung von kultureller Diversität schaffen. „Wir schulden diesen Gesellschaften etwas“, beteuerte Lewis auf der Wiener Konferenz.

Die Baka, so Lewis im Gespräch mit dem Südwind-Magazin, würden die Nutzung des Regenwaldes durch andere nicht grundsätzlich ablehnen. Das Problem sei aber, dass die Konzerne und Naturschützer die Gewinne aus der Nutzung akkumulierten. Darin sehen sie die Verletzung einer grundlegenden Ordnung, die zu Mangel führt. Nicht, weil nicht genug da wäre, sondern weil nicht geteilt wird.

Gertraud Illmeier ist freie Journalistin in Wien. Sie studiert Kultur- und Sozialanthropologie.

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