Begegnung auf Augenhöhe

Die entwicklungsbezogene Arbeit hat die Kultur entdeckt, keine Solidaritätsveranstaltung wird mehr ohne einen künstlerisch-kulturellen Beitrag veranstaltet. Weltweite Aktionen, die sich ausdrücklich um den Austausch künstlerisch-kultureller Formen bemühen

Von Clementine Herzog
Kulturelle Aktivitäten im Rahmen entwicklungspolitischer Bildungsarbeit sind verbreiteter denn je. Musik- und Kulturfestivals werden gut besucht und die Zahl der Veranstaltungen vergrößert sich von Jahr zu Jahr ebenso wie die Publikationen zum Thema und Vermittlungen von KünstlerInnen. Soziokulturelle Zentren, Eine-Welt-Häuser und kirchliche Gemeinden, aber auch klassische Kulturveranstalter und -häuser haben Musik- und Theatergruppen aus dem Süden in ihr Programm aufgenommen.

Es ist daher auch kein Zufall, daß im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren Organisationen, die sich um die Vermittlung von KünstlerInnen, von kulturellen Beiträgen wie auch von künstlerisch-kulturellen Bildungsaspekten mit Süd-Kulturen bemühen, neu gegründet worden sind oder sich professionalisiert haben. Als Beispiele seien hier, neben einigen anderen Einrichtungen Kultur und Entwicklung in der Schweiz, Kulturen in Bewegung in Österreich und die Einrichtung der Fachstelle Kultur des Kirchlichen Entwicklungsdienstes der Evangelisch lutherischen Kirchen in Deutschland (KED Kultur) genannt.

Soweit die finanziellen Möglichkeiten es erlauben, wird Kulturaustausch und interkultureller Dialog auf vielen Ebenen praktiziert.

Trotz dieses erfreulichen Engagements bestehen aber auch Mißverständnisse, Verunsicherung und Verwirrung darüber, was in dem Begriff Kultur alles einbezogen ist und welche Bedeutung Kultur für den interkulturellen Dialog in der entwicklungsbezogenen Bildungsarbeit einnimmt.

Eine Tagung mit dem Thema Kultur und Entwicklung im Januar diesen Jahres in der Ev. Akademie in Iserlohn, BRD, griff genau diesen Diskussionsbedarf auf. Die ReferentInnen und TeilnehmerInnen, die aus kirchlichen und außerkirchlichen Einrichtungen in dem Bereich tätig sind, trugen verschiedene Positionen und Arbeitsansätze entwicklungsbezogener Kulturarbeit zusammen. Das Spektrum der dort vorgestellten Aktivitäten war sehr groß und der Bedarf an Austausch sprengte beinahe den Rahmen der Tagung. Es werden daher mehrere Folgeseminare mit inhaltlichen Schwerpunkten folgen.

Die UNESCO hat seit 1972 in einer Reihe von Welt-Konferenzen versucht, Kultur näher zu bestimmen. Aus den Tagungsergebnissen können Orientierungspunkte für eine Anwendung im Kontext entwicklungspolitischer Bildungsarbeit gezogen werden.

Kultur wird demnach als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte verstanden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnet. Ihr Stellenwert für die gesamte Zukunftsfähigkeit der menschlichen Gesellschaften ist von großer Bedeutung.

In dem Bericht der Weltkommission für Kultur und Entwicklung "Unsere kreative Vielfalt", der 1995 im Rahmen der Weltdekade für kulturelle Entwicklung (1988-1997) erschienen ist, wird Kultur als ein lebensbestimmendes Element bezeichnet, das nicht, wie bisher betrachtet, als Zusatzkomponente neben anderen Handlungsbereichen wie Politik und Ökonomie steht, sondern als Basis eines jeden Handelns alle Bereiche durchdringt.

Kultur ist somit die soziale Grundlage für die wirtschaftliche Produktion, für Politik und für die Dienstleistungen einer Gesellschaft und damit eine entscheidende Komponente in der Frage von Entwicklung aller Gesellschaften bzw. Gemeinschaften überhaupt. Erst Kultur befähigt die Menschen, sich als handelnde Wesen zu begreifen, das "Schicksal" selbst in die Hand zu nehmen, Einfluß auf gesellschaftliche Regelwerke zu nehmen und eine eigene Identität zu entwickeln. Die Fähigkeit zur Kreativität bezieht sich dabei auf alle Formen von menschlichen Ausdrucksweisen in allen sozialen Schichten.

In diesem Verständnis von Kultur spielen künstlerische Ausdrucksformen eine wichtige Rolle. Kunst zielt auf das Moment der Wahrnehmung ab, sie fordert den Rezipienten in seiner Wahrnehmung heraus und zeigt gleichzeitig die des Kunstschaffenden auf. Sie kann damit eine höchst kritische Funktion einnehmen, nämlich dann, wenn alltägliche Ausdrucksebenen hinterfragt, Gewohnheiten und eingeschliffene Kommunikationsformen registriert, Reflexion herausgefordert und Visionen angedeutet werden und damit der Boden für Alternativen gelegt wird.

Die Beschäftigung mit Kunst, sei es als BetrachterIn oder als Schaffende, funktioniert an sich schon dialogisch, nämlich zwischen den Rezipienten, ihrer Wahrnehmung und dem Werk, daher bietet sich das Feld der künstlerischen Kultur für einen interkulturellen Dialog geradezu an.

Das Frauen-Kunst-Forum aus Südwestfalen will sich dem interkulturellen Dialog auf der künstlerischen Ebene stellen. Das Forum ist ein Netzwerk für Präsentationsformen der Künstlerinnen, ermöglicht aber auch Bildungsarbeit und inhaltliche Anliegen. In diesem Fall wird ein breit angelegter Künstlerinnen- und Kunstaustausch mit Frauen aus Mpumalanga, einer ländlichen Region im Norden Südafrikas, initiiert. Geleitet von der Neugierde, mehr vom künstlerischen Arbeiten von Frauen aus Südafrika zu erfahren, hat sich das Projekt zum Ziel gesetzt, im künstlerischen Austausch Nähe und Distanz, Attraktivität und Ablehnung in Bezug auf die andere Kultur zu definieren. Durch Besuche, Begegnungen und gemeinsame Arbeit soll auch die gesellschaftliche Realität in beiden Ländern kennengelernt und zur Verfügung stehende Infrastrukturen und kulturelle Rahmenbedingungen ins Blickfeld genommen werden. Diese Erfahrungen können zu neuen Perspektiven für produktive und demokratische Zusammenlebensformen führen und sollen in Partnerschaften, Patenschaften und Freundschaften auf privater und institutioneller Ebene münden.

Für die Zielsetzung des Projekts werden unübliche Wege beschritten: bei der Durchführung der Begegnungen der Künstlerinnen werden gängige Infrastrukturen und Kommunikationsabläufe genutzt, die aber auch gleichzeitig Gegenstand der künstlerischen Neugierde der anderen Kultur gegenüber sind und in die Arbeiten mit einfließen.

Die Künstlerinnen begegnen sich persönlich, die Arbeiten werden in Südafrika und Deutschland öffentlich präsentiert und in den Kontext bestehender Kultur- und Politikarbeit gestellt, es wird gemeinsam gearbeitet und Kontakte mit und zwischen den kulturellen Institutionen beider Länder werden geknüpft. Das Frauen-Forum steht in Kontakt zu schon bestehenden Netzwerken und wird von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen sowie von den Kulturämtern der beteiligten Regionen in Deutschland und Südafrika unterstützt.

Wenn die geplante Zusammenarbeit mit den anderen Organisationen gelingt, kann das gesetzte Ziel, das Bild über die andere Kultur konkret und im öffentlich/ politischen Kontext zu beeinflussen und zu differenzieren, gelingen. Bleiben die beteiligten Künstlerinnen und KulturvermittlerInnen in den Begegnungen neugierig und wachsam, kann das Projekt ein Schritt zu einem nachhaltigen Kulturaustausch sein. Die Auswirkung wären neue Impulse für das künstlerisch-kulturelle wie auch das gesellschaftliche Leben jeweils vor Ort, indem der Umgang mit der anderen Kultur und ihren Menschen differenzierter, informierter und wertschätzender erfolgt.

Interkulturelle Dialoge basieren auf der Erfahrung des Eigenen und des Anderen, also der eigenen oder anderen Kultur, der entsprechenden Kommunikation und ihren Inhalten. Dabei gilt, daß ein Dialog immer zwischen Subjekten stattfindet, nicht etwa, wie auch schon praktiziert, über objektivierte Instanzen (Staat, Nation, Repräsentanten etc.) und daß er einen Prozeßcharakter hat. Ein Dialog wird dann zum Lernprozeß, wenn er über den Charakter der Beobachtung und Objektivierung hinausgeht und die Dialogpartner bereit sind, einen bereits eingenommenen Standpunkt auch wieder zu verlassen. Damit dies gelingt, muß es sowohl Raum für gegenseitiges Verstehen geben als auch das Abgrenzen gegenüber der anderen Kultur möglich sein.

Im März diesen Jahres lud das Kultursekretariat von Nordrhein-Westfalen zu einem internationalen Kolloquium ein, um Perspektiven für einen langfristigen Kulturaustausch mit den Ländern China, Türkei, Kuba und Südafrika zu entwickeln. Fachleute aus den verschiedenen Ländern werteten in den Arbeitsgruppen die vorhandenen Ansätze aus, evaluierten die Bedürfnisse der jeweiligen Kulturschaffenden, -vermittlerInnen, und -konsumenten, erstellten eine zielorientierte Definition für eine nachhaltige Zusammenarbeit und formulierten die nötigen nächsten Arbeitsschritte.

In den abschließenden Empfehlungen der Arbeitsgruppen an die Landesregierung spielt der Aspekt "Dialog auf Augenhöhe" eine wichtige Rolle. Der Begriff bezeichnet zum einen die Bemühung um eine gleichberechtigte Beziehung im Kulturdialog, meint aber auch die Existenz von verschiedenen Plattformen, auf denen Kulturaustausch stattfinden muß. Die Arbeit auf den Ebenen der Kirchengemeinden, Eine-Welt-Initiativen, Schulpartnerschaften, Vereine und Partnerschaften zählen ebenso dazu wie die der Fachöffentlichkeit, also alle Formen von Kunst- und Kulturinstitutionen, die der Universitäten und des berufsbezogenen Austauschs.

Auch die Formen, in denen sich Kulturaustausch äußert, sind vielfältig und reichen über die Präsentation künstlerischer Produktionen aus den Austauschländern bis zum Austausch von Studierenden durch die Universitäten. Das Kolloquium ergab, daß viele Kompetenzen und Infrastrukturen für erfolgreiche Austauschmaßnahmen bereits vorhanden sind, sie müssen lediglich gezielt über eine Koordinationsstelle als Mittlerinstanz zwischen institutionellen und nichtinstitutionellen Kultureinrichtungen verknüpft werden.

Diese bisher beispiellose Initiative des Landes NRW geht auf das Engagement dort ansässiger NROs und dem guten Verhältnis zu den landespolitischen Ebenen hervor und steht für ein weiteres wichtiges Element für einen funktionierenden Kulturaustausch, die Kulturpolitik. Ohne die Beteiligung von politischen Instanzen wird kulturelles Engagement in der entwicklungsbezogenen Arbeit sehr viel mühsamer interkulturelle Dialoge in Gang bringen, die nicht nur punktuell geführt werden, sondern einen kontinuierlichen Prozeß des Lernen ermöglichen.

Mögliche Handlungsfelder für diese Form von Kulturarbeit sind MigrantInnen, Antirassismus, Menschenrechte, Jugend, Senioren, Stadtviertelaktivitäten sowie die institutionellen und inhaltlichen Bereiche der allgemeinen Kulturarbeit. Andere Felder werden gerade für die Kulturarbeit entdeckt (Agenda 21, siehe Kasten) oder haben temporären Charakter (EXPO 2000).

Kunst und Kultur leb von der Vielfalt und läßt sich nur schwer in Kategorien und ergebnisorientierte Raster fassen. Sie hat daher im Rahmen von (entwicklungspolitischer) Bildungsarbeit keinen leichten Stand, auch wenn sie für alle interkulturellen Arbeitsbereiche eine wichtige Rolle spielt. Das liegt unter anderem daran, daß künstlerische Bereiche wie Bildende Kunst, Theater, Literatur, Film, Medien und Musik in gewissem Sinne eigene "Sprachen" sprechen und mit entsprechenden "Werkzeugen" arbeiten.

Bezieht sich interkultureller Dialog also auf einen oder mehrere dieser Bereiche, so müssen auch die jeweiligen "Sprachen" berücksichtigt werden. Diese haben manchmal ihre eigenen Wirkungswege und können selten 1:1 in Bildungsinhalte umgesetzt werden. Wichtiger als Antworten sind daher beim Kulturaustausch die Fragen, die in einem interkulturellen Dialog entstehen. Sie sind es, die die Standpunkte der Dialogpartner zur eigenen und anderen Kultur benennen und den kulturellen Gegenstand in seiner Bedeutungstragweite mitbestimmen.

Im Austausch mit den künstlerischen Sprachmöglichkeiten, die in den Werken selbst liegen, wird sowohl eine Instrumentalisierung der Kunst wie auch eine willkürliche Interpretation vermieden. Die für Kulturaustausch jeweils Verantwortlichen sollten sich über diesen Zusammenhang bewußt sein und entsprechende Fachkompetenz aus den künstlerisch-kulturellen Feldern in den Dialog mit einbeziehen.

Die Autorin ist Kulturpädagogin und seit Anfang 1997 Mitarbeiterin beim Kirchlichen Entwicklungsdienst (KED) in Hildesheim, Deutschland.

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