Beklemmend direkt

Der Abschlußbericht der guatemaltekischen Wahrheitskommission macht klar, wer für den Großteil der im Bürgerkrieg begangenen Verbrechen verantwortlich ist.

Von Markus Stumpf
Fast 36 Jahre lang war Guatemala Schauplatz eines Bürgerkrieges, der erst Ende 1996 mit der Unterzeichnung eines Friedensvertrages zwischen Regierung und Guerilla beendet wurde. Ein Teilabkommen davon, das bereits 1994 in Oslo unterzeichnet wurde, sah vor, daß eine Kommission die Menschenrechtsverletzungen des Bürgerkrieges untersuchen würde. Sie sollte Empfehlungen für einen dauerhaften Frieden ausarbeiten, ohne jedoch rechtliche Sanktionen verhängen oder veranlassen zu können. Diese "Wahrheitskommission" beendete nun ihre Arbeit und präsentierte ihren Bericht am 25. Februar 1999 in Guatemala-Stadt.

Bei der Präsentation dieses Abschlußberichts war - entgegen den offiziellen Absichten - das "Nicht-Schweigen" das beherrschende Thema. In dem mit annähernd zehntausend Personen bis auf den letzten Platz gefüllten Nationaltheater ertönten immer wieder Sprechchöre, die die im Bürgerkrieg begangenen Verbrechen und die Täter anprangerten. Außerhalb des Gebäudes zeigten vorwiegend indianische DemonstrantInnen Bilder von ermordeten oder verschwundenen Angehörigen.

Einer der Leiter der Kommission, Alfredo Balsells Tojo, eröffnete die Veranstaltung mit den Worten: "Das Schweigen wurde gebrochen!" Minutenlanger Applaus war die Reaktion der Anwesenden. Nach Übergabe des Berichtes an Vertreter der Regierung und der URNG (Vereinigte Guerillabewegung, seit kurzem politische Partei) präsentierte Christian Tomuschat, der deutsche Gesamtleiter der Wahrheitskommission, schließlich den Bericht.

Als es unmißverständlich klar wurde, daß die Verbrechen fast ausschließlich von Militär und Staat begangen worden waren, begannen Schreie nach: "Justicia!-Gerechtigkeit!", die sich schließlich auf den gesamten Saal verteilten.

Bei Erwähnung des Namens von Monsignor Gerardi, des kurz nach der Präsentation des REMHI-Berichtes (Wahrheitskommissionsbericht der katholischen Kirche) ermordeten Bischofs, kam es zu minutenlangen "standig ovations" in Erinnerung an diese herausragende Persönlichkeit Guatemalas.

Inhaltlich ging es bei der Präsentation darum, das jahrzehntelange Schweigen und Marginalisieren von extremen Verbrechen gegen Menschlichkeit und Menschenrechte zu brechen.

Insgesamt konnte die Kommission 669 Massaker und 42.275 Opfer dokumentieren. Mit anderen Quellen zusammengerechnet, ergibt sich daraus eine Zahl von insgeamt ca. 200.000 Opfern, davon 150.000 Ermordete und 50.000 verschwundene Personen.

Bei den durch die Kommission dokumentierten Fällen zeigt sich das volle Ausmaß der staatlichen instutionalisierten Gewalt: Für 626 Massaker und 93% aller Menschenrechtsverletzungen sind staatliche Kräfte wie Militär und paramilitärische Gruppen direkt verantwortlich. Hingegen muß die Guerilla "nur" die Verantwortung für 32 Massaker und 3% der Gewaltakte übernehmen. Die restlichen dokumentierten Fälle waren nicht zuordenbar.

Der vorgelegte Bericht zeichnet sich durch eine durchgängige, beklemmende Direktheit aus. So wird Guatemala charakterisiert als: "... autoritärer Staat, in dem die Mehrheit der Bevölkerung ausgeschlossen wurde, rassistisch in seinen Regeln und Praktiken und den ökonomischen Interessen einer priviligierten Minderheit dienend. Die Beweise dafür, (...) liegen in der Tatsache, daß die Gewalt hauptsächlich vom Staat gelenkt und gegen die Ausgeschlossenen, die Armen, und darüber hinaus die Maya-Leute, sowie gegen jene, die für Gerechtigkeit und größere soziale Gleichheit kämpften, gerichtet wurde."

Angesichts der Tatsache, daß 83% der identifizierten Opfer Mayas sind, also Angehörige der Bevölkerungsmehrheit in Guatemala, wurde auch der Genozid-Vorwurf belegt. Weiters weist der Bericht den Versuch, die staatliche Repression durch die Existenz der Guerilla zu rechtfertigen, zurück: "Während des gesamten Bürgerkrieges hatten die Guerillagruppen nie die militärische Stärke, um eine wirkliche Gefahr für den guatemaltekischen Staat darzustellen."

Ein wichtiger Bestandteil der Kommissionsarbeit lag auch darin, Zukunftsperspektiven und Maßnahmen für die Aufarbeitung der Geschehnisse vorzuschlagen. Daß es zu keiner schnellen Umsetzung dieser Vorschläge kommen wird, war schon bei der Präsentation ersichtlich: Guatemalas Präsident Alvaro Arzú weigerte, obwohl anwesend, den Bericht persönlich entgegenzunehmen.

Anmerkung: Der Kommissionsbericht ist im Internet (http://hrdata.aaas.org/ceh/) einsichtig.

Der Autor studiert Völkerkunde in Wien und hielt sich in den letzten Jahren mehrmals in Guatemala, vor allem in der Ixcán-Region, auf.

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